Hallo, ich bin Safia*, ich bin 14 und durchlebe gerade meine erste Pandemie. Ich gehe in die zehnte Klasse. Jeden Tag fahre ich 45 Minuten mit S-Bahn, U-Bahn und Bus zu meinem Gymnasium in Berlin. Mit Maske. Ohne Abstand. Ich beginne meinen Tag damit, dass mich in einer stickigen U-Bahn Leute berühren – aber bitte immer die Maske anbehalten, das macht für mich keinen Sinn. Dann laufe ich zur Schule und durch das Schulgebäude, immer mit Maske, bis ich an meinem Platz sitze, wo ich sie abnehme. Ich verstehe nicht, warum wir immer noch zur Schule gehen, wenn es sogar in meiner Parallelklasse zwei Corona-Fälle gab und meine Sitznachbarin eine Kontaktperson war. Aber Hauptsache Maske. Wenn man keine trägt, wird man von den Lehrern angemacht, selbst wenn man isst und 1,5 Meter Abstand hält. Wer ohne Maske erwischt wird, kriegt eine Warnung, bei drei Warnungen gibt’s einen Tadel.

Letzte Woche haben wir vier Arbeiten geschrieben, damit wir schon so viele Noten wie möglich haben, bevor die zweite Welle kommt.

Nach so einer Woche will ich einfach nur noch rausgehen, mit meinen Freundinnen, und Spaß haben. Ich bedenke natürlich die Gefahren, die ich eingehe, aber ich komme zu dem Schluss, dass ich keinen Kontakt zu einer Person aus einer Risikogruppe habe. Meine Großeltern leben in Italien und England, und sonst habe ich keinen Kontakt zu Leuten, die älter als 60 Jahre sind. Oft hört man, dass die zehnte Klasse die geilste Zeit ist, in der man viel erlebt, einfach nur rausgehen kann, noch keinen Abistress hat. Aber wie sollen wir diese Zeit ausnutzen, wenn unser Leben so eingeschränkt ist?

Für mich ist das hart, weil ich es liebe, neue Leute kennenzulernen, ich kann nicht die ganze Zeit nur zu Hause sitzen. Vor einem Jahr hätte ich damit vielleicht kein Problem gehabt, ein paar Monate nur mit meinen Eltern zu verbringen, aber jetzt kann ich das nicht. Ich will was erleben.

Okay, nicht aus einer Flasche

Die ersten paar Monate nach dem Beginn der Pandemie fand ich irgendwie schön. Sich draußen zu treffen, nur mit ein paar Leuten. Okay, man trinkt nicht mehr aus derselben Flasche, aber sonst? 2020 war mein Jahr: das Jahr, in dem mein ganzes Leben sich verändert hat, in dem ich mich verändert habe, innerlich und äußerlich. Dazu trug der Lockdown bei, mir hat die Zeit weitergeholfen, mich selbst zu akzeptieren. Und mental, ich habe mich auch mit sehr vielen Freundinnen darüber unterhalten, mental ging’s uns allen so viel besser, nicht in der Schule zu sein und nicht diesen ganzen Stress zu haben und die ganzen Leute zu treffen, die man nicht mag. Während des Lockdowns sah ich nur die Leute, die mir guttun. Für Leute, die sonst in der Schule gemobbt werden, war das echt das Beste. Von allen, die ich kenne, wollte fast niemand mehr zurück in die Schule. Weil die Schule so toxisch ist.

Soziale Medien haben dabei geholfen, meine Freundschaften lebendig zu halten, da ich sonst manche Freundinnen vier Monate nicht gesehen hätte; manchmal war ich aber auch traurig, wenn ich sah, wie meine Freundin mit anderen Party machte, und meine Eltern mir nicht erlaubten, dabei zu sein, weil es zu viele Leute auf einem Fleck waren.

Das Homeschooling aber war schwierig. Entweder funktionierte die Technik nicht, oder meine Lehrer wollten sie aus Datenschutzgründen nicht nutzen. Dann musste man ohne Ende irgendwelche Arbeitsblätter machen. Dann hat sich auch gezeigt, wie produktiv oder diszipliniert man ist, ob man es schafft, das alles alleine zu verstehen und durchzuarbeiten. Für manche Leute war es schwer.

Zugleich war der Lockdown superhart, man konnte nur entweder im Park oder zu Hause abhängen. Alles andere war zu, Kinos, Museen, Schwimmbäder. Und die Versammlungsfreiheit war eingeschränkt, Fridays-for-Future- und Black-Lives-Matter-Demos, wo wir unsere Meinung äußern konnten und wo sie zählte, fanden nur mehr sehr begrenzt statt. Für meine Freunde, die in Beziehungen sind, war es doppelt so schwer, weil sie nichts zusammen machen konnten.

Es hat sich irgendwie so angefühlt, als ob ich gleichzeitig mein Leben verschwendet habe – und alles nicht mehr wichtig war. Ich konnte auch nichts ausprobieren, das mir weiterhelfen könnte, mich zu entscheiden, in welche Richtung ich in meinem späteren Leben gehen will. Dieses Jahr war ja gedacht, um rauszufinden, welche Leistungskurse wir später machen wollen. Oder: Wer wir überhaupt sind. Das kann man nicht zu Hause auf dem Sofa. Dafür muss man etwas erleben. Andere Meinungen hören. Ich hätte eigentlich einen Schüleraustausch mit Palermo machen sollen und einen mit Venedig, die wurden beide abgesagt.

Am Anfang vom Lockdown hatte ich Angst. Wir wussten ja alle nicht, was auf uns zukommt. Ich durfte mich nur mit einer Freundin treffen, alles war geregelt und ich wurde streng überwacht. Nach zwei Monaten oder so hat sich das alles gelockert. Jetzt gerade habe ich gar keine Grenzen mehr, was ich auch nicht verstehe, aber ich nutze es aus. Auch wenn jetzt im Herbst vieles schwieriger wird: einen Ort zu finden, an dem man abhängen kann. Zu Hause geht nicht, in den vollen Lokalen ist es auch schwierig.

Eine Zeit lang hatte ich große Angst um meine Großmutter. Ich sehe sie nur einmal im Jahr oder so, ich fühlte mich hilflos, weil ich nichts tun konnte. Emotional war das alles nicht einfach, meine Eltern sind ja getrennt, deshalb habe ich das ganze Paket doppelt abbekommen. Ich lebe in zwei Haushalten und musste mich nicht nur mit einem Elternteil, sondern mit allen darüber verständigen, was die Regeln sind und woran ich mich zu halten habe, wer wie viele und welche Leute sehen durfte.

Eigentlich habe ich jetzt ein besseres Verhältnis zu meinen Eltern, auch wenn die ersten Wochen hart waren, ich habe bei meiner Mutter gewohnt und mich oft mit meiner Schwester gestritten, wir sind uns richtig gegenseitig auf die Nerven gegangen zu Hause.

Aber was sich im Lockdown auch gezeigt hat, ist, wer eigentlich für mich wichtig ist, wer sich um mich kümmert. Wer meine echten Freunde sind. Das habe ich sehr gespürt. Ja.*

Den Namen der Autorin hat die Redaktion zum Schutz der minderjährigen Schülerin verändert



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Von Veritatis

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