Eine Messe ohne Besucher? Und noch dazu eine, die trotz Tempodigitalisierung an einem materiellen Gut, nämlich dem altbewährten Buch, festhält? Ist das reizvoll? In geisterhaft leeren Hallen wie bei der diesjährigen Buchmesse brauchte es da schon Fantasie. Wer wollte, konnte zurück am Laptop im eremitischen Homeoffice fast alles erleben, was auch sonst an Happenings und Inhalten geboten wurde: Lesungen, politische Diskussionen. Wie in beinah jedem Jahr entfachte sich auch die fast schon obligatorische Debatte um rechte Tendenzen im Verlagswesen. Monika Maron hatte mit islamkritischen Äußerungen für Aufsehen gesorgt. Nach einem auch durch rechte Kreise flankierten, just im Buchhaus Loschwitz erschienenen Essayband kündigte S. Fischer die langjährige Zusammenarbeit mit der Schriftstellerin nun auf. Das Thema wird die Feuilletons auch über die Messe hinaus beschäftigen. Vor diesem Streit ging es dort eher beschaulich zu. Gar für genügend Tratsch war gesorgt, wie der digitale Klatschsalon mit Ijoma Mangold, Hannah Lühmann, Sophie Passmann und Jo Lendle bewies. Endlich wissen wir dadurch nun, was nach den Partys in den Hotels so abgeht beziehungsweise wie brav doch angetrunkene Journalisten und Verleger ihre Wege ins eigene Bett finden. Alles reizend und nett. Dennoch fehlte das Feeling dieser Tage, der Rausch, die Hitze und die Spannung!

Die Buchmesse unter dem Damoklesschwert Corona war daher vor allem ein Format im Konjunktiv. Immerhin nahmen noch um die 200.000 Menschen an den Online-Formaten teil. Andere übten sich in Verzicht oder Nostalgie oder beidem. Dass die Messe allerdings stattgefunden hat, muss man als wichtiges Signal verstehen. Angesichts einer geradezu beschämenden Ignoranz seitens der Politik gegenüber den Anliegen der Kulturschaffenden stellt das Veranstalten einer Internetmesse einen Akt der Selbstermächtigung dar. Mehr noch: Schon vor der Pandemie erwies sich der rege Austausch in den Hallen als Aushängeschild demokratischer Kultur. Nun, in der Stunde exekutiven Durchregierens, kann man den freiheitlichen Austausch auf einer Buchmesse gar nicht hoch genug halten.

Botschaften, Effekte, Leerstellen, Gerüchte. Vergessen werden darf natürlich auch nicht die Kunst selbst, zumal mit der Vergabe des Deutschen Buchpreises an den Außenseitertitel Annette, ein Heldinnenepos von Anne Weber. Selten war eine Jury so mutig, so eindeutig bestrebt, eine Prämierung vor allem nach ästhetischen Gesichtspunkten vorzunehmen. Klar, indem man ein Buch über eine französische Résistance-Kämpferin würdigt, die Mann und Vater in den Wirren des Zweiten Weltkriegs verliert und sich allein mit ihren Kindern durchschlagen muss, verneigt man sich vor weiblichem Empowerment. Als mindestens genauso bedeutsam dürfte die Jury aber die spezifische Form des Werks erachtet haben. Die Rede ist vom Versepos, das die Autorin mal mit einem verspielten, mal einem anrührenden, bisweilen schnoddrigen Ton unterlegt. Obgleich wir es hierbei mit einer ausgestorben geglaubten Gattung zu tun haben, gibt es unserer Gegenwart eine literarische Schubkraft. Statt sich wie so viele Romane dieser Tage mit dystopischen Visionen aufzuhalten, verspricht dieser famose Entwurf Zuversicht – in einer vorbildhaften Durchhalte-Frau. Vergessen wir also den Abgesang auf die Helden. Die Zeichen der Zeit stehen auf neoheroischen Idealismus.



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Von Veritatis

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