Carlos Ivan Robles will im November zum ersten Mal wählen. Er wird es tun, weil sein Leben davon abhängt. Robles, ein 51-jähriger Puerto-Ricaner, seit drei Jahrzehnten im Osten des Staates Pennsylvania zu Hause, hatte 2014 einen Schlaganfall. Er braucht die Krankenversicherung Obamacare für eine Therapie, die er sich sonst nicht leisten könnte. „Ich habe mich noch nie registrieren lassen, es hat mich nicht interessiert, aber wir müssen Trump loswerden. Ohne Obamacare könnte ich meine Medikamente nicht bezahlen“, sagt Robles, der früher als Autolackierer gearbeitet hat.

Nicht nur ihm sitzt die Angst um eine sichere Gesundheitsversorgung im Nacken, laut Umfrage des Pew Research Center ist das ein zentrales Wahlthema für drei Viertel der Latino-Wähler, der am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppe in den USA.

Donald Trump hat wiederholt angedroht, den Affordable Care Act seines Vorgängers rückgängig zu machen, der durch Medicaid die medizinische Fürsorge für Amerikaner mit niedrigem Einkommen verankert. Das Gesetz garantiert gut 129 Millionen Menschen im arbeitsfähigen Alter, die ernsten Vorerkrankungen wie Diabetes, Krebs und Asthma ausgesetzt sind, eine Behandlung ohne Ausschlusskriterien. Trumps Drohung, das zu ändern, könnten Taten folgen, wenn die Republikaner die konservative Richterin Amy Coney Barrett für den Supreme Court durchsetzen. „Aber was kann ich dagegen tun? Nichts! Wählen ist alles, was mir bleibt“, meint Robles, während er sich außerhalb eines Gesundheitszentrums in New York zum Online-Wählen registriert.

2016 siegte Donald Trump in Pennsylvania. Er war der erste Republikaner, der in diesem „blue wall state“ (bis dahin fest in der Hand der Demokraten) mit 44.292 Stimmen Vorsprung bei mehr als sechs Millionen Wählern gewinnen konnte. Vor vier Jahren nahmen 57 Prozent der Latino-Wähler ihr Stimmrecht wahr. 22 Prozent davon entschieden sich für Trump, weniger als im landesweiten Durchschnitt, aber genug, um ihm 20 wertvolle Wahlmänner-Stimmen zu bescheren.

Gegenwärtig liegt Joe Biden laut Umfragen in Pennsylvania vorn. Die Analysten sind sich einig, dass dieser Bundesstaat gewonnen werden muss, wollen die Demokraten ihren Mann ins Weiße Haus lotsen. Die rasch wachsenden Latino-Communitys könnten dabei eine entscheidende Rolle spielen – wenn sie wählen. „Der Weg zum Sieg führt über nichtweiße Gemeinschaften. Die Stimmen der Latinos sind eine Macht, die genutzt werden muss, um diesen Staat zu holen. Zu lange wurde das größtenteils ignoriert, Bidens Kampagne nahm das Votum der Latinos nicht ernst. Es wurde wenig getan, um sie zu erreichen“, bedauert Maegan Llerena, die einer Non-Profit-Gruppe für soziale Gerechtigkeit, „Make the Road Action“, in Pennsylvania vorsteht.

Zwar neigen die Latinos tendenziell den Demokraten zu, doch sie wählen keineswegs als Block. Größe und Diversität dieser Klientel bedeuten daher, dass sie in den „swing states“ von Florida bis Pennsylvania der Schlüssel zum Erfolg sein können. Dennoch ergab eine Erhebung Anfang September, dass fast 60 Prozent der registrierten Latino-Wähler in den USA weder von einem Kandidaten noch von einer politischen Partei kontaktiert wurden. Dabei sind 32 Millionen Latinos wahlberechtigt, was sie zur größten nichtweißen Wählergruppe macht.

Nach dem Community-Zensus von 2017 haben in Pennsylvania nur 52 Prozent der 875.000 Latinos das Wahlrecht, was unter anderem damit zu erklären ist, dass viele keine US-Staatsbürgerschaft besitzen. Anfang 2020 seien zudem 274.000 und damit 60 Prozent der potenziellen Latino-Wähler nicht registriert gewesen, heißt es bei CASA, einer Graswurzel-Gruppe für Migranten aus Lateinamerika. Da so viel auf dem Spiel steht, touren Aktivisten von CASA und „Make the Road“ durch die 67 Countys von Pennsylvania. Sie versuchen, vor Ort Wähler zu animieren, sich registrieren zu lassen und das Gewicht der nichtweißen Communitys zu erhöhen.

York, ein ehemaliges Industriezentrum 26 Kilometer südlich von der Hauptstadt Harrisburg, ist eine gemischte Stadt, in der über zwei Drittel der 45.000 Einwohner schwarz sind, aus Lateinamerika stammen oder ethnisch gemischt sind. Einer von drei Bewohnern lebt in Armut, nur 13 Prozent haben einen Universitätsabschluss. Genau drei Wochen vor dem Wahltag, dem 3. November, bauen in York Wahlkampfhelfer ihren Stand vor einem stark frequentierten Gesundheitszentrum und einem Supermarkt auf, der bei Latinos beliebt ist. Die Standbetreiber tragen Maske, sind bilingual und haben Tablets dabei, um die Registrierung vor Ort zu erfassen. Die 31-jährige Fabrikarbeiterin Reina Rivera, die ursprünglich aus Jersey City kommt, will Trump aus dem Amt wählen, weil sie fürchtet, dass Errungenschaften wie Essensmarken und Sozialwohnungen entfallen, sollte er im Amt bleiben. Auch Rivera geht zum ersten Mal wählen. „Ich hätte das schon tun sollen, als ich jünger war, aber diesmal ist es so weit. Ich habe Trump satt.“ Die 42-jährige Lanitte Rosado ist nicht sicher, für wen sie stimmen soll. Sie habe gehört, Joe Biden plane die Kürzung von Sozialhilfeprogrammen – was nicht stimmt. Die lokalen Nachrichten in Spanisch sind nur auf Kanälen mit beschränkter Sendezeit zu hören. Daher sind die Leute stark auf soziale Netzwerke wie Facebook und Whatsapp angewiesen.

Das Team vor dem Supermarkt kann in sechs Stunden 45 Leute registrieren – Erstwähler und Leute, die seit 2016 nach Pennsylvania gezogen sind. Viele waren zu beschäftigt, desinteressiert oder wegen ihres Einwanderungsstatus nicht wahlberechtigt. „Es war trotzdem ein guter Tag, aber es macht mir Sorge, wie wenig Zeit wir noch haben. Das Schwierigste besteht darin, die Leute davon zu überzeugen, dass ihre Stimme zählt und dass sie gezählt wird“, sagt CASA-Organisatorin Mirna Gonzalez. Wegen der Corona-Risiken sind die Teams zur Wählerregistratur erst seit September unterwegs. Andere Mobilisierungsaktionen entfallen ganz, etwa von Tür zu Tür zu gehen oder größere Meetings abzuhalten. Auch ist es schwierig, genug Helfer zu finden. Vor der Pandemie hatte CASA gehofft, mindestens 7.000 Wähler zu registrieren – derzeit sind es 1.100.

Kein Vertrauen in Briefwahl

Weil jede Stimme zählt, bleibt keine Zeit, den Mut zu verlieren, sagt die 49-jährige Helferin Elena Aguilar, eine Immobilienmaklerin, die aus El Salvador stammt und einen temporär geschützten Aufenthaltsstatus (TPS) besitzt. Sie profitiert von einem Einwanderungsprogramm, dem Trump ein Ende setzen will. „Ich mache diese Arbeit, damit Leute, die wählen können, für mich und all jene wählen gehen, die sich in dieser Lage befinden. Aber die Leute haben Angst, dass ihre Stimme gar nicht gezählt wird. Trump ist außer Kontrolle, er ist ein Diktator und sollte sich schämen.“

Wie viele andere auch will die 42-jährige Astrid Russolillo aus Puerto Rico selbst abstimmen gehen, weil sie der Briefwahl nicht vertraut – trotz einer Vorerkrankung, die sie bei einer Covid-19-Infektion besonders gefährdet. „Die Diskriminierungen müssen aufhören. Wir sind alle Menschen und sollten mit dem gleichen Respekt behandelt werden. Viele Latinos werden diesmal wählen. Uns ängstigt nicht das Virus, sondern ein nochmaliger Sieg von Donald Trump. Das würde uns umbringen.“

Unter den Latinos in Pennsylvania waren die Sympathien für Bernie Sanders groß. Was sie jetzt antreibt, die Demokraten zu wählen, ist weniger die Begeisterung für Biden als der Wunsch, Trump nach Hause zu schicken. In Kennett Square, einem malerischen Örtchen in Chester County, verbindet sich das mit der Hoffnung auf eine Reform des Einwanderungsrechts. 45 Prozent der etwa 6.000 Einwohner hier sind Latinos, darunter nicht wenige mit beschränktem Aufenthaltsrecht oder Einwanderer ohne Papiere, die nicht auffallen, schon gar nicht wählen dürfen. Vor den Speisepilz-Farmen von Kennett Square werden aus Food Trucks Tacos, Tortillas und Quesadillas verkauft, weil die meisten Arbeitsmigranten aus Mexiko kommen, doch wächst zugleich die Zahl derer, die aus Guatemala, Honduras, Venezuela und Kolumbien stammen.

Die 19-jährige Keyri ist US-Staatsbürgerin, versteht sich als „Mexikanerin mit Rechten“ und ist begierig darauf, das erste Mal zu wählen. „Ich möchte damit für die Rechte der Einwanderer kämpfen. Es muss aufhören, dass Leute wie meine Mutter ständig in Furcht leben. Sie arbeitet für die Pilzfarmen und zahlt ihre Steuern, aber sie hat keinerlei Rechte.“ Seit 20 Jahren dauern die Schichten der Mutter von drei Uhr morgens bis fünf Uhr am Nachmittag. Den Rest der Zeit verbringt sie zu Hause, aus Angst, von der U.S. Immigration and Customs Enforcement Agency (ICE) festgenommen und von ihren Kindern getrennt zu werden.

Nina Lakhani ist Reporterin für Umweltgerechtigkeit und berichtet derzeit für den Guardian aus den USA



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Von Veritatis

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