Sprache formt das Denken und der Ton macht die Musik. Klar, das sind Binsenweisheiten. Aber wenn die Kommentarspalten explodieren und die Telefone bei der Duden-Hotline nicht mehr stillstehen, kann man dem Land der Dichter und Denker ja mal mit Goethes Bonmot kommen, dass die Weisheit nur die Wahrheit ist.

Gendersternchen, Binnen-I, Unterstrich? „Ganz heißes Thema“, sagte Gabriele Kopf, als kürzlich die Süddeutsche Zeitung bei ihr zu Besuch war. Und Kopf muss es wissen, sie ist Mitarbeiterin bei der telefonischen Duden-Sprachberatung und steht damit sozusagen an vorderster Front. Die Leute seien ausgeflippt, weil in der Neuauflage des Duden drei Seiten über geschlechtergerechte Sprache stehen, wusste sie zu berichten. Ausrasten bei drei von 1.296 Seiten? Auf denen sich übrigens lediglich Hinweise zum Gendern finden, keine Regeln. Kopf hätte da übrigens gerne mal eine amtliche Regelung. Aber darauf wird sie vermutlich noch sehr lange warten müssen. Da reicht ein Blick auf die Reaktionen, wenn Kommunen und Städte sprachliche Diversity-Leitfäden oder Ratgeber für die Beschäftigten ihrer Behörden herausgeben. Zuletzt tobte Ende September auf Twitter ein erbitterter Streit, nachdem Berlins rot-rot-grüner Senat entsprechende sprachliche Empfehlungen herausgegeben hatte. Eine Empfehlung ist laut Duden ein Vorschlag, Rat oder Tipp und keine Amtsanweisung. Das müssten vermutlich nicht einmal jene nachschlagen, die ausflippten und Sprachverbote witterten.

Es war die gleiche Empörungsmaschinerie, die im August in Baden-Württemberg ansprang, weil die Stadt Stuttgart für ihr Rathaus einen Genderleitfaden entwickelt hatte. Dort ist nun der Genderstern zulässig, statt „Mutter-Kind-Parkplatz“ soll es „Familienparkplatz“ heißen und als Alternativanrede zum „Sehr geehrte Damen und Herren“ wird „Liebe Menschen“ empfohlen. Bei der CDU-Familie sorgte das für Aggression. Baden-Württembergs CDU-Generalsekretär attackierte Stuttgarts grünen Oberbürgermeister in Whataboutism-Manier: „Ich würde mir vom Koalitionspartner wünschen, dass er aus dem sprachlichen Elfenbeinturm heruntersteigt und sich mit den Problemen befasst, die den Menschen tatsächlich Sorgen bereiten.“ Schließlich stehe man einen Wimpernschlag vor der größten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Warum man deshalb auf den Genderstern verzichten und Menschen nicht als „Liebe Menschen“ anreden sollte, dürfte sein Geheimnis bleiben. Vom Parteifreund Winfried Kretschmann konnte sich Oberbürgermeister Fritz Kuhn keine Schützenhilfe erhoffen. Der sagte, er halte nichts vom „überspannten Sprachgehabe“ und meinte, „jeder soll noch so reden können, wie ihm der Schnabel gewachsen ist“. Und überhaupt sei er gegen „Sprachpolizisten“. In Zeiten, in denen sämtlichen Ministerpräsident*innen der Republik das Auffliegen von rechtsextremen Polizist*innen-Chats schlaflose Nächte bereiten müsste, liefert die Abneigung gegen vermeintliche „Sprachpolizisten“ natürlich eine Steilvorlage für eine Replik. Aber: geschenkt.

Reden wir stattdessen über den Schnabel, wie der wächst und schwätzt ist beim Menschen schließlich kein Naturgesetz. Alle, die gerade die verbale Revolte gegen die Genderpolitik anzetteln, sollten sich mal an die Sache mit der „Fräulein“-Anrede erinnern. 1971 wurde sie im Amtsdeutsch vom Bundestag abgeschafft. Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), der kaum als Apologet einer „Genderideologie“ gelten dürfte, verfügte, dass der Gebrauch des Wortes „Fräulein“ in Bundesbehörden zu unterlassen sei. Und das war übrigens keine Empfehlung, sondern eine echte Amtsanweisung.



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Von Veritatis

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