Synthetische Pestizide werden heute im globalen Maßstab in die freie Natur ausgebracht, und Rückstände finden sich nahezu auch überall da, wo sie nicht hingehören und nicht hingelangen sollen. Diese Gifte werden entwickelt und verwendet, um lebende Organismen zu zerstören. Wie konnte es dazu kommen, dass immer mehr Bauern abhängig wurden von diesen Ackergiften? Und was bedeutet das für die Gegenwart und Zukunft? Es ist höchste Zeit, das Gift von den Äckern zu verbannen und wieder mit der Natur und dem Leben zusammenzuarbeiten, meint Mathias Forster, Herausgeber des Buches „Das Gift und wir“, in dem aufgezeigt wird, wie die synthetischen Pestizide zur Bedrohung wurden und wie es ohne sie weitergehen kann und muss.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Die schädlichen Wirkungen der synthetischen Pestizide auf lebendige Organismen, angefangen beim Menschen, über die Tiere, Pflanzen und Böden bis hin zu den Gewässern und dem ganzen Ökosystem Erde, zeigen sich immer deutlicher. Es ist daher an der Zeit, dass wir uns als Individuen und als Gesellschaft ernsthaft fragen, ob eine Landwirtschaft, die das Leben vergiftet, zukunftsfähig ist, und ob wir uns ein auf Giftstoffe aufgebautes Ernährungssystem weiterhin leisten können und wollen. Der kürzlich getroffene Entscheid zur EU-Agrarpolitik der nächsten Jahre zeigt, dass diese Probleme in den wirtschaftlich-politischen Zusammenhängen bisher viel zu wenig angekommen sind und viel zu wenig ernst genommen werden. Immer noch 80 Prozent der zu verteilenden Milliarden werden nach Flächenbesitz an die Bauern vergeben – unabhängig davon, ob sie die Böden und das Grundwasser vergiften und die Biodiversität dezimieren, sondern einfach so, weil man Flächen besitzt und bewirtschaftet. Man finanziert so also mit Milliarden und Abermilliarden an Euro eine Landwirtschaftspraxis, die nachweislich unsere Lebensgrundlagen schädigt und zerstört. Ebenso die Folgekosten für die Trinkwasserreinigung und Gesundheitsschäden, die durch kontaminierte Lebensmittel entstehen, und vieles mehr. Nota bene alles mit unseren Steuergeldern! Und dann wird uns das alles noch als Erfolg und Fortschritt verkauft. Das ist wirklich ungeheuerlich.

Dies umso mehr, als Bäuerinnen und Bauern seit hundert Jahren erfolgreich zeigen, dass auch ohne synthetische Pestizide und mineralischen Dünger gute Ernteerträge erzielt und qualitativ hochwertige Lebensmittel produziert werden können. Und hier liegt auch noch ein großes Forschungspotenzial im Hinblick auf höhere Ernteerträge. Längst kommen zahlreiche Studien zu dem Ergebnis, dass nur eine Landwirtschaft, die mit der Natur arbeitet und nicht mehr gegen sie, die Menschheit nachhaltig und langfristig wird ernähren können.
Dank des Instruments der direkten Demokratie in der Schweiz kamen zwei Initiativen zustande, die synthetische Pestizide verbieten oder staatliche Subventionen nur noch denjenigen Bauern zugestehen wollen, die auf synthetische Pestizide verzichten. Wenn diese Initiativen durch einen Volksentscheid angenommen werden, dann wird zum ersten Mal in der Geschichte durch einen basisdemokratischen Prozess ein fundamentaler Wechsel im Ernährungssystem eines ganzen Landes ermöglicht. Dies könnte motivierendes Vorbild für andere Staaten und die weltweite Antipestizidbewegung werden. Auch die Demokratiebewegungen würden dadurch potenziert. Das waren die Überlegungen und unsere Motivation zu diesem Buch. Hinzu kommt aber auch eine gefühlte Verantwortung, dieses kostbare Instrument der direkten Demokratie zu unterstützen, bei dem die Bürger als Souverän über ihre eigenen Belange und die gesellschaftliche Entwicklung selbst entscheiden.

Dieses Buch soll möglichst auch in anderen Ländern zur Bewusstseinsbildung beitragen. Denn die Probleme, die durch die Verwendung von synthetischen Pestiziden entstehen, machen vor Ländergrenzen nicht halt. In über dreißig Beiträgen von unterschiedlichen Expertinnen und Experten wird das Thema von verschiedenen Seiten beleuchtet. Wir sind davon überzeugt, dass wir angesichts der umfassenden Problematik der synthetischen Pestizide, also giftigen bis hochgiftigen Stoffen, keine weiteren Experimente, keine weiteren Freilandversuche mit unbestimmtem Ausgang und unkalkulierbarem Risiko mehr brauchen. Wir plädieren stattdessen für einen fundamentalen Systemwechsel, der dem Leben in seiner Vielfalt wieder gerecht wird.

Ein solcher Systemwechsel kann nur im Bewusstsein der Menschen beginnen. Ein erster Schritt kann darin liegen, sich die bereits entstandenen Schäden sowie die bekannten und unbekannteren Risiken genauer anzusehen. Die Beiträge im ersten Kapitel dieses Buches geben dazu reichlich Gelegenheit. Im zweiten Kapitel werden politische, rechtliche, wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte des Einsatzes von synthetischen Pestiziden beleuchtet, und im dritten schließlich kommen Praktiker zu Wort, bei denen Landwirtschaft ohne synthetische Pestizide bereits seit Jahren Alltag ist. Ihre Erfahrungen zeigen, dass auf Ackergift gut verzichtet werden kann, wenn die Bereitschaft vorhanden ist, von der Natur, von Fachkollegen und Forscherinnen zu lernen, die sich mit alternativen Methoden der Schädlingsregulierung auskennen und Hilfestellung bei der Umstellung bieten können. Es werden außerdem Vorschläge vorgestellt, wie eine Transformation von der industriellen Landwirtschaft zu einer nachhaltigen Agrarkultur praktisch vollzogen werden kann, oder auch, wie sie bereits in einigen Regionen vollzogen wurde.

Die Herausforderung, vor der wir als Menschheit stehen, ist aus unserer Sicht diese: Wie können wir im Interesse unserer Kinder und Enkelkinder, aber auch der Erde und ihrer Ökosysteme eine neue Agrarkultur entwickeln und praktisch so umsetzen, dass für die Verbraucherinnen und Verbraucher, die Bäuerinnen und Bauern und den Lebensmittelhandel Win-Win-Situationen entstehen? Die Pioniere und Pionierinnen des Ökolandbaus, die über Jahrzehnte bekämpft, beschimpft, sozial ausgegrenzt und belächelt wurden, haben sich quasi exklusiv das Wissen erarbeitet, wie man sich in lebendigen Systemen orientieren und diese transformieren kann. Sie werden nun im weiteren Verlauf der Geschichte mehr und mehr zu gefragten Expertinnen und Experten werden.

Heute wissen wir, was industrielles Denken anrichtet, wenn es sich in seiner Einseitigkeit ungebremst in Bereiche lebendiger Systeme ausbreitet. In all jenen Bereichen, wo es um Lebendiges geht, also um Ökosysteme, das Klima, Böden, Gewässer, Luft, Pflanzen, aber auch bei Tieren und Menschen müssen wir lernen, in und aus den lebendigen Zusammenhängen zu denken und das Gelernte dann auch praktisch anzuwenden. Das ist die nachhaltige Alternative zu der Anwendung von Ackergift, die mehr Leben zerstört, als uns recht sein kann.

Es zeigt sich auch immer deutlicher, dass unser heutiges Wirtschaftsdogma des ewigen Wachstums auf die Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion nicht uneingeschränkt anwendbar ist, weil auf diese Weise zu viel von dem zerstört wird, was die Grundlage des Lebens ist. Wir müssen lernen, uns in unserem Denken und Handeln an den Gesetzmässigkeiten des Lebendigen zu orientieren, ansonsten werden wir unser Versprechen, nachhaltig mit dem Planeten Erde umzugehen, nicht einlösen können.

Der Drang des Menschen, die Wirtschaft und sich selbst zu entwickeln, hat sich lange genug auf den Bereich eines quantitativen Wachstums beschränkt. Wir können diesen Drang jedoch nicht wie eine Pflanze ausreißen, er ist dem Wesen des Menschen eigen. Was nun aber ansteht ist, dass sich der bereits seit Jahrzehnten diskutierte Erkenntnisschritt durchsetzt, dass wir in vielen Bereichen mehr qualitatives und weniger quantitatives Wachstum brauchen. Wir müssen uns deshalb dringend darüber unterhalten, was qualitativ hochwertige Lebensmittel eigentlich ausmacht, insbesondere angesichts der Schäden, die eine gegen die Natur gerichtete Landwirtschaft anrichtet. Wenn sich der Wille dazu weltweit noch stärker zeigt und auswirkt, werden die Bäuerinnen und Bauern, die Bauernverbände, wird auch die Politik die nötige Kraft aufbringen, die Segel an diesem neuen Bewusstseins-Wind auszurichten und den Kurs zu ändern. Es liegt in unserer Hand!
 
Titelbild: eleonimages/shutterstock.com

Weitere Informationen: 


Buchvorstellung


Mathias Forster im Gespräch mit Florian Schwinn


Schluss mit den Pestiziden in der Landwirtschaft!

Und auf der Internetseite www.dasgiftundwir.ch zum Buch.

Die Zugriffe bei den NachDenkSeiten wachsen. Die Arbeit wächst. Und auch der Aufwand. Wir bitten (auch) unsere neuen Leserinnen und Leser um Unterstützung.
Das geht so …



Source link

Von Veritatis

Schreibe einen Kommentar