Zunächst war es auf den Straßen und Plätzen von Stepanakert ungewöhnlich still, als es vor gut zwei Wochen plötzlich hieß, es sei eine Feuerpause in Kraft getreten. Sollte sie anhalten, könnte daraus ein Waffenstillstand werden. Je ruhiger es wurde, umso mehr klangen in den Ohren der Menschen die Artillerie- und Raketeneinschläge nach, die immer wieder die Hauptstadt von Bergkarabach erschüttert hatten. Tagelang lag sie unter Beschuss, fast ununterbrochen. Was das an Gefahren bedeutete und an Zerstörungen auslöste, hatte viele Bewohner aus der Stadt vertrieben. Sie waren gut beraten, dort zu bleiben, wo sie Zuflucht gefunden hatten, denn die Ruhe der Gefechtspause erwies sich als trügerisch.

Nach zehn Stunden der von Russlands Außenminister Sergej Lawrow vermittelten Verhandlungen zwischen den Amtskollegen aus Armenien und Aserbaidschan war am 9. Oktober in Moskau vereinbart worden, die Waffen schweigen zu lassen. Die dadurch gewonnene Zeit sollte genutzt werden, Kriegsgefangene auszutauschen und die Körper von Gefallenen an ihr Heimatland zu übergeben. Wie lange diese Vereinbarung gelten sollte, war nicht zu erfahren. Es sollten letztlich nur ein paar Stunden vergehen, bis sich beide Seiten vorwarfen, die gefundene Übereinkunft verletzt zu haben. Wer auf Frieden gehofft hatte, wurde enttäuscht. Überall in der international nicht anerkannten De-facto-Republik Bergkarabach innerhalb der Grenzen Aserbaidschans heulten wieder die Sirenen, um vor Luftangriffen zu warnen. In Stepanakert mussten alle Bewohner, die sich nicht entschließen konnten, vor den Angriffen ins Umland zu fliehen, wieder in Bunker, Keller und Unterstände zurück. Alle machten sich bereit für unruhige Tage und schlaflose Nächte.

Was die Menschen besonders zu fürchten hatten, das waren die „Kamikaze-Drohnen“, die von der aserbaidschanischen Armee wieder in ihre Ziele gesteuert wurden. Der 61-jährige Gnadi Harkojan zieht an seiner Zigarette, während er in der Innenstadt von Stepanakert auf die Überreste eines Wohnblocks aus der Sowjet-Ära blickt. Man sieht in die Luft ragende Stahlträger, herunterhängende Mörtelklumpen, zerrissene Gardinen. In dieser Straße sind Menschen gestorben, wurden verschüttet, sind vermisst, manchmal nicht mehr auffindbar. In Gnadi Harkojans Wohnung ersetzen Plastikplanen die geborstenen Fenster und flattern im kalten Herbstwind vor sich hin. Der Horizont weit draußen im Land ist grau, der Winter nicht mehr fern.

„Sie sind definitiv professioneller geworden seit den Tagen, als ich mitgekämpft und Minen gelegt habe, die sie nicht ordentlich entschärfen konnten“, sagt Harkojan über die aserbaidschanischen Soldaten. „Aber sie greifen nur aus der Luft an. Da fühlen sie sich sicher. Zuerst war es die Infrastruktur, dann haben sie angefangen, alles zu zerstören, worauf sie schießen konnten, egal was. Zivilisten wurden mit Drohnen getötet. Sollen sie doch kommen und sich stellen, wie sich das für Männer gehört. Aber das tun sie nicht, denn dann würden wir gewinnen.“

Verlustliste auf der Tafel

Der inzwischen schon einen Monat tobende Krieg hat Armenien, das sowieso eine stark militarisierte Gesellschaft aufweist, für einen Kampf mobilisiert, den viele für existenziell halten. Überall im Land dröhnen aus öffentlichen Gebäuden, Restaurants und Automobilen patriotische Lieder. Ein Kaffeehaus in Jerewan führt eine Strichliste der aserbaidschanischen Verluste auf einer Kreidetafel, die normalerweise dazu dient, die Tagesmenüs anzupreisen. Auf den Tischen liegen Sonderausgaben von Zeitungen mit letzten Meldungen von der Front.

In einem Theater in Goris, der letzten armenischen Stadt vor dem Latschin-Korridor, der Bergkarabach mit dem Mutterland verbindet, stehen drei bis vier Meter hoch gestapelte Kisten mit Lebensmitteln, Kleidung, Medikamenten und Hygieneartikeln – Spenden aus dem Rest des Landes sowie der armenischen Diaspora weltweit. Ehrenamtliche Helfer sortieren, was für die aus Stepanakert und anderen Orten vertriebenen Familien gedacht ist.

Rusanna Arustamjan, ihre Schwiegertochter Gohar und die beiden Enkel Gor und Tigran sind vor einer Woche im Morgengrauen aus ihrem Haus im Dorf Martuni geflohen, nachdem das Gehöft des Nachbarn von einer Bombe getroffen ausbrannte. Arustamjans Sohn setzte sie an einem Bunker in Stepanakert ab und fuhr dann weiter zur nächsten Kampflinie, wo er seine Hilfe anbieten wollte. „Alles, was er sagte, war: ‚Seid vorsichtig, passt auf, wir treffen uns bald wieder. Wir verlieren uns nicht.‘ So sieht heute das Leben für Armenier aus“, seufzt Rusanna. „Aber wenn wir zulassen, dass sie uns nur ein bisschen von dem wegnehmen, was wir haben, dann sind sie nicht mehr zu halten – dann sind wir alle dran …“ Diese Furcht wird von vielen geteilt – der lange Schatten des Völkermords an den Armeniern während des Ersten Weltkriegs, den die Türkei nicht anerkennen will, ebenso wie die aserbaidschanischen Pogrome in den 1980er-Jahren sind fester Bestandteil der nationalen Identität und des kollektiven Gedächtnisses der Armenier, die bisher vergeblich auf Hilfe warten.

Russland scheint zu zögern, ein Abkommen einzuhalten, das dazu verpflichtet, Jerewan bei Angriffen auf armenisches Gebiet außerhalb von Bergkarabach zur Seite zu stehen. Sämtliche Regierungen in Jerewan haben sich in den zurückliegenden Jahrzehnten auf den Rückhalt der Russischen Föderation verlassen und behielten so für lange Zeit die Oberhand gegenüber Aserbaidschan. Mit der Zeit jedoch ist das größtenteils noch aus der Sowjetzeit stammende Equipment der armenischen Streitkräfte veraltet. Davon abgesehen beeinflusst die massive türkische Militärhilfe für Aserbaidschan offenbar die Erwägungen in Moskau. Russland steht der Türkei bereits in Syrien und Libyen gegenüber, während Präsident Erdoğan nichts unversucht lässt, auf der Weltbühne durchsetzungsfähiger zu wirken, als er tatsächlich ist. Ein dritter Schauplatz der Konfrontation im Kaukasus kann die fragilen Beziehung zweier Staaten gefährden, die darauf bedacht sind, vom Vakuum zu profitieren, das Donald Trump mit seiner auf Machtgewinn im Inland gerichteten Politik verursacht hat.

Erdöl-Einnahmen für Waffen

Zudem ist Aserbaidschans Bevölkerung mittlerweile von sieben (1990) auf zehn Millionen Menschen gewachsen, denen der Wohlstand eines Ölproduzenten zugute kommt. Was der Südkaukasus-Staat an Einnahmen aus dem Erdöl- und Gashandel erzielen konnte, wurde unter anderem eingesetzt, um in Israel und in der Türkei moderne Waffen zu kaufen. Schließlich ist der Wunsch, Bergkarabach zurückzugewinnen, nicht allein – wie häufig dargestellt – die Ambition einer korrupten Machtelite. Des schleppenden, ergebnislosen diplomatischen Prozesses (siehe Glossar) müde und angetrieben von Zusammenstößen an den Grenzen im Juli und August gingen im Sommer Aserbaidschaner aller Couleur auf die Straßen der Kapitale Baku, um die Regierung des Präsidenten Ilham Alijew aufzufordern, ihr Heimatland zurückzuholen und die Integrität des Landes wiederherzustellen.

Doch zurück in die armenische Grenzstadt Goris. Dort kommt ein Konvoi mit Krankenwagen von der Front zurück und fährt mit abgeblendeten Scheinwerfern zu einem Militärstützpunkt. Wer in das Lazarett der Basis transportiert wird, der kämpft nicht um sein Leben und soll medizinisch versorgt werden. Die Fahrzeuge bringen die Leichen von Gefallenen aus der Kampfzone. Auf ihre Ankunft im abnehmenden Licht der Abendsonne warten Männer mit versteinerten Gesichtern und Frauen mit roten Augen. Viele von ihnen weinen seit Stunden.

Vorgeschichte Der neuerliche Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan resultiert aus einem seit drei Jahrzehnten schwelenden Konflikt. Nach dem Ende der UdSSR 1991 erklärten die in Bergkarabach lebenden Armenier diese Grenzregion, die völkerrechtlich zu Aserbaidschan gehört, für unabhängig. Ein Krieg mit ethnischen Vorzeichen brach aus, in dem 30.000 Menschen getötet und eine Million – zumeist Aserbaidschaner – vertrieben wurden. Als Russland 1994 eine Waffenruhe vermittelte, blieben die Armenier in Bergkarabach unter der Bedingung an der Macht, dass Friedensgespräche geführt würden, um eine für alle Konfliktparteien gangbare Lösung zu finden. Mediatoren einer OSZE-Verhandlungsgruppe waren Russland, die USA und Frankreich, blieben aber erfolglos. Ab 2017 nannten die Armenier ihre Enklave „Republik Arzach“ und festigten die Verbindungen zum Mutterland. Inzwischen sind Trauma und Hass so tief verwurzelt, dass die Vorstellungen beider Seiten von einem fairen Frieden völlig inkompatibel sind.

Bethan McKernan ist Korrespondent des Guardian für die Türkei und den Nahen Osten



Source link

Von Veritatis

Schreibe einen Kommentar