Erst ist alles nur grau. Dann wird gemäkelt. Und dann kommt es ganz schlimm. Die ersten drei der 90 Seiten des Bid Books, mit dem sich Chemnitz in Sachsen erfolgreich um den Titel „Kulturhauptstadt Europa 2025“ beworben hat, scheinen so gar nicht geeignet, eine Jury für sich einzunehmen. Grauer Einband, Innen als Erstes zu sehen: Graffiti, die von menschenleeren Straßen am Abend und hässlicher Architektur sprechen, und davon, dass die Zugverbindungen in die Boomtown Leipzig zu schlecht seien. Es folgt ein Faksimile der Titelseite der New York Times vom 31. August 2018 mit der Headline „Mob Protests in Germany Show Vigor of Far Right“. Tagelang, man erinnert sich, ließen Neonazis aller Couleur in der Stadt die Muskeln spielen und Tausende Chemnitzer Bürger schienen kein Problem damit zu haben, Seite an Seite mit denen zu demonstrieren.

Die Realität wird einem regelrecht um die Ohren gehauen. Und das nicht, um sie dann mit der Aussicht auf tolle Kulturevents zu relativieren. Die kommunalpolitische Neigung, solche Vorkommnisse als untypische Entgleisungen hinzustellen, die ein falsches Licht auf eine Stadt werfen, ist hier offensichtlich weniger ausgeprägt.

Wenig Glamour

Das Ziel scheint nicht zu sein, mit Hochkultur hässliche Flecken zu kaschieren. Wirtschaftliche Krisen, Deindustrialisierung, soziale Probleme, individueller Rückzug und Radikalisierung – in Chemnitz stehen diese Entwicklungen exemplarisch für eine gesamteuropäische Situation.

In einer ehemaligen Textilmaschinenfabrik lief gerade die zweite Kunstbiennale Pochen. Ihr Thema sind künstlerische Reflexionen des Wirkens der Treuhandanstalt, das in der DDR-Industriemetropole Karl-Marx-Stadt besonders gravierende soziale Folgen hatte. Die beteiligte Videokünstlerin Ute Richter sagt in einem Fernsehbericht den Satz: „Das ist kein Thema, das mit Kunst bewältigt werden kann.“

Dieser Gedanke scheint auch eine Art Leitmotiv für das Kulturhauptstadt-Konzept der Chemnitzer zu sein. Grafisch mutet das Bid Book wie ein subkulturelles Fanzine an. Aus den aufgeführten Projekten sticht die Initiative 3000 Garages hervor. Chemnitzer öffnen ihre Garagen, zeigen, was sie in ihnen machen, laden Kreative aller Gewerke ein, mit ihnen dort etwas zu entwickeln. Mit offenem Ende. Es soll um das Machen gehen, nicht um fertige Werke.

„Chemnitz the unseen“ ist das Bid Book überschrieben. Das unsichtbare, unbeachtete Chemnitz, der Alltag, die „Normalos“, die hier am Machen sind, sollen aus dem Dunkeln ans Licht gebracht werden, um mal Brecht zu paraphrasieren.

Einigen Akteuren in der Kunstszene ist das ein wenig zu viel schnöder Alltag und Subkultur. Aber der Eindruck täuscht. Ein großes Ausstellungsprojekt würdigt zum Beispiel, dass Chemnitz ein europäischer Hotspot der Art Nouveau war. Während der Chemnitzer Jugendstil auf eine frühere Epoche des Zusammenhangs von wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung verweist, wird mit dem Thema der Nachkriegsmoderne in Architektur und Design in der DDR und in Osteuropa ein Abschnitt der jüngeren Kulturgeschichte thematisiert.

Das Konzept der geplanten Ausstellung European Realities zur realistischen Kunst der 1920er Jahre, einer krisenhaften Zeit, die sogar auch ihre Pandemie, die Spanische Grippe, hatte, bringt auf den Punkt, was Chemnitz 2025 zu bieten hat: wenig Glamour, viel nüchternen Realismus.



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Von Veritatis

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