Die selbsternannte „Bürgerbewegung“ Campact macht wieder von sich reden. Die beiden Campact-Vorstände Bautz und Kolb haben sich die US-Wahlen als Vorlage genommen, um für Spenden zu werben. Die Botschaft: Was in den USA passiert, kann auch in Deutschland passieren. Schuld sind „krude Verschwörungstheorien, ´Hygienedemos´ und so genannte ´Alternativmedien´“, die „Stück für Stück das Vertrauen in das öffentlich-rechtliche Mediensystem zerstören“ und mittendrin natürlich die AfD. Doch Deutschland kann noch gerettet werden. Wie? Sie ahnen es. Mit einer Spende an Campact. Damit nutzt die von den NachDenkSeiten vielfach kritisierte Organisation die laufende Kampagne gegen alternative Medien, um ihre offenbar – zu Recht – schwindenden Finanzen zu sanieren. NachDenkSeiten-Leser Volker Jansen hat den Campact-Vorständen geantwortet.

Dieser Beitrag ist auch als Audio-Podcast verfügbar.

Den Spendenaufruf von Campact können Sie hier als PDF nachlesen.

Die Antwort des NachDenkSeiten-Lesers Volker Jansen

Meine Herren Bautz und Kolb,

verschonen Sie mich bitte künftig mit Ihrer Propaganda – oder: nein, das muss ich aushalten, denn es stachelt mich an. Sie schreiben:

“Soweit sind wir in Deutschland noch lange nicht – aber erste Anzeichen sind da. Krude Verschwörungstheorien und „Hygiene-Demos“ haben Zulauf, so genannte „Alternativmedien“ zerstören Stück für Stück das Vertrauen in das öffentlich-rechtliche Mediensystem.”

Wer Demonstrationen gegen die Einschränkung oder gar zeitweise Aufhebung von Grundrechten mit dem diffamierenden Begriff “Hygiene-Demos” belegt, wer Menschen, die den Sinn der verordneten Maßnahmen hinterfragen, als “Corona-Leugner” abtut, statt sich mit deren Argumenten auseinanderzusetzen, wer von “sogenannt[n] ‘Alternativmedien’” (also gleich doppelte Anführungszeichen!) schreibt, ohne sie beim Namen zu nennen und damit den Eindruck erweckt, als gebe es im Internet nur Schrott zu lesen, und wer dann noch so tut, als verdiente das öffentlich-rechtliche Mediensystem (noch) Vertrauen, dem fehlt meines Erachtens die notwendige kritische Distanz zu den Herrschenden. Sehr viele Journalist:innen in Funkhäusern wie in Print-Redaktionen haben das hartnäckige Nachfragen und Recherchieren eingestellt und beschränken sich darauf, die amtliche PR zu verbreiten. JAAA, natürlich gibt es auch sehr gute Reportagen, Analysen …, aber leider immer seltener und mit welcher Reichweite (Sendezeiten!).

Demokratiefreund:innen müssen sich nicht nur mit der AfD auseinandersetzen, sondern auch mit dem Streben nach immer mehr Kontrolle über die Bürger:innen in den staatstragenden Parteien, mit dem Bellizismus in CDU/CSU, SPD, GRÜNEN, FDP (?), dem neoliberalen Abbau des Sozialstaats durch die “guten” Parteien. In jedem Fall hätte das aber mit Argumenten und nicht mit dem Verteilen von Etiketten zu geschehen.

Fein, dass Campact eine weitere selbsternannte Zensur unterstützen will (DetektivKollektiv). Es wird ja wirklich Zeit, dass (auch) im Internet die Milliardäre ggf. einschreiten, wenn jenseits der von der Gedankenpolizei gesetzten Grenzen von der Meinungs- und Publikationsfreiheit Gebrauch gemacht wird.

Nehmen Sie sich 20 Minuten, um Glenn Greenwalds erste Analyse der US-Wahl anzuhören (veröffentlicht am 4. Nov.), um einen Eindruck davon zu bekommen, was Journalisten leisten sollten und (Scheuklappenfreiheit vorausgesetzt) können. Vielleicht erkennen Sie dann auch, das Wunschdenken die Realität nicht ändert. Lesen Sie auch seine Begründung, weshalb er sich von The Intercept – einem dieser Alternativmedien – getrennt hat, zu dessen Mitbegründern er gehört.

Mit Maybrit Illner wünsche ich Ihnen: Viel Erfolg beim Vermehren der gewonnenen Einsichten.

Mit freundlichen Grüßen
Volker Jansen

Anhang: Greenwalds Text in der deutschen Übersetzung von Volker Jansen

Titelbild: campact.de



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Von Veritatis

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