Dass Friedrich Engels ein äußerst vielseitiger Mann war, ist bekannt: Manager, Kapitalist, Börsenspekulant, Schriftsteller und Sozialist, schließlich für eine Weile der Guru der sozialistischen Bewegung in Europa. „Der große Lama von Regent’s Park Road“ hieß er bei einigen seiner Bewunderer. Seine engsten Freunde aber nannten ihn den „General“. Ein richtiger Offizier war er nie, eine Militärakademie hat er nie besucht. Als Militärtheoretiker und -historiker war er Autodidakt, allerdings ein eminent gründlicher und fleißiger. Noch heute werden seine militärwissenschaftlichen Arbeiten an Militärakademien auf der ganzen Welt studiert. Nicht nur in China, wo die Volksarmee eigene Hochschulen unterhält wie die Bundeswehr. Dort steht die Kriegslehre des Friedrich Engels auf dem Stundenplan. Auch an Militärakademien in Israel, in Frankreich, in Italien, in Afrika und in Lateinamerika findet der alte Engels heute noch eifrige Studenten.

Ein Sozialist, sogar ein Marxist, der etwas vom Militär und Krieg versteht? Kaum zu glauben. Und heute von gestandenen Linken eher als peinlich empfunden. Mit knapp zwanzig hatte er in Berlin Militärdienst geleistet, bei der königlich-preußischen Fußartillerie, die ihm den Rang eines Bombardiers verlieh. Zehn Jahre später, 1849, nahm er am badisch-pfälzischen Aufstand teil. Engels war einer der wenigen linken Intellektuellen seiner Zeit, der tatsächlich die Kugeln hatte pfeifen hören und der aus eigener Erfahrung wusste, was Krieg bedeutete.

Er wurde zu einem der angesehensten und meistgelesenen Militärschriftsteller seiner Zeit. Auch wenn seine Artikel und Bücher bis 1870 anonym, manchmal auch unter Marx’ Namen erschienen. Kaum ein Krieg seiner Zeit, den er nicht ausführlich beschrieben und analysiert hat, angefangen mit den Napoleonischen Kriegen. Mit Kritik hielt er nicht zurück, kein Mythos der Kriegsgeschichte war vor ihm sicher. So erklärte er das militärische Überleben der ersten französischen Republik trotz der massiven Überlegenheit der Invasionsarmeen schlagend: Nicht der revolutionäre Enthusiasmus der Freiwilligen, nicht die Massenaufgebote der Republik, sondern die Dummheiten der Generäle der Invasionsarmeen hatten die französische Republik gerettet.

Kriegsführung, revolutioniert

Die Französische Revolution, so Engels, hatte auch die Art der Kriegsführung revolutioniert. Mit der Emanzipation von Bürgern und Bauern kamen neue Elemente ins Spiel. Nicht neue Waffen, sondern ein ganz anderes Soldatenmaterial, Massen von intelligenten und gebildeten Leuten, die als Bürgersoldaten in den Krieg zogen. Damit wurde eine neue Kombination von großen Truppenmassen und hoher Beweglichkeit möglich. Aber ohne einen Napoleon, der die neue Art der Kriegsführung perfektionierte, ging es nicht. Ganz anders als Marx, der die Entwicklung der Waffentechnologie für entscheidend hielt, pochte Engels auf die Bedeutung der Staatsverfassung und des Bildungsgrads für die Militärorganisation.

Fast alle Kriege seiner Zeit hat Engels beschrieben und kommentiert. Den Krimkrieg, der die Schwächen der Militärorganisation der europäischen Großmächte gnadenlos offenlegte. Den Sepoy-Aufstand in Indien, der die Brüchigkeit der britischen Kolonialherrschaft sichtbar machte. Die italienischen Befreiungskriege und den US-amerikanischen Bürgerkrieg. In diesem Fall stritt er sich mit Marx. Denn obwohl beide für die Nordstaaten eintraten und einen Sieg des industriell entwickelten und bevölkerungsreicheren Nordens auf die Dauer für unvermeidlich hielten, räumte Engels den Konföderierten Chancen ein. Sie hatten die besseren Generäle, ihre Armeen, obwohl stets in der Minderzahl, schlugen sich besser. Waffentechnisch waren sie dem Norden nicht gewachsen, aber ihre Kampfmoral war besser und ihre Generäle, allen voran Robert E. Lee, hatten mehr strategischen Weitblick und weit höheres taktisches Geschick. Der Norden hatte mehr Truppen und Material, aber keine adäquate Strategie. Engels war es, der als Erster die Strategie entwickelte, mit der der Norden den Süden besiegen konnte. Georgia war der Schlüssel, ein Einmarsch dort würde die Konföderation in zwei Teile zertrennen. Das war genau die Strategie, mit der Grant und Sherman den Süden schließlich in die Knie zwangen.

Natürlich verfolgte Engels – als deutscher Patriot, der er war – die deutschen Einigungskriege, den Deutsch-Dänischen, den Deutsch-Österreichischen Krieg, schließlich den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Er kommentierte ihn im Wochenrhythmus in einer langen Serie von Artikeln. Da gelang ihm eine weitere, überraschend genaue Prognose: Wenige Tage vor der Kapitulation Frankreichs erschien ein Artikel von Engels, in dem er diesen Ausgang der Schlacht um Sedan vorhersagte.

Engels mischte sich direkt in die geostrategischen und geopolitischen Debatten seiner Zeit ein. In zwei Schriften kritisierte und widerlegte er die damals in allen Nationalstaaten Europas beliebte Theorie der „natürlichen Grenzen“, der zufolge die Deutschen zwecks Verteidigung der Rheingrenze in Oberitalien am Po gegen Frankreich antreten sollten. Die beiden Broschüren erschienen anonym 1859 und 1860 und machten Furore. Engels, Manager und Kapitalist in Manchester, ein hoch angesehenes Mitglied der guten Gesellschaft, durfte sich nicht als Journalist und Militärkritiker outen. So vermutete man in Berlin, der Verfasser der viel diskutierten Schriften sei ein pensionierter preußischer Generalstäbler. Niemand dachte an den königlich-preußischen Bombardier Friedrich Engels.

Auch sein alter Freund Karl Marx war von Engels’ geostrategischen und geopolitischen Analysen schwer beeindruckt und lobte sie in den höchsten Tönen. Er ging so weit, Engels um einen Abriss der Militär- und Kriegsgeschichte zu bitten, historisch-materialistisch beleuchtet. Den wollte er unter Engels’ Namen als Anhang in den ersten Band des Kapitals aufnehmen. Aber Engels hatte zu viele Skrupel, war zu detailversessen, um den Essay zu liefern, den Marx gern haben wollte. Er kannte die Kriegsgeschichte, die Wandlungen der Kriegsführung und der Militärorganisation zu gut, um sich zu einfachen Formeln verleiten zu lassen. Die Waffentechnik und deren Entwicklung, so wichtig sie war im Kriegshandwerk, galt ihm keineswegs als der eine, alles bestimmende Faktor. Mindestens ebenso groß war der Einfluss der Staatsverfassung, der gesellschaftlichen Ordnung, der Erziehung und Bildung, der militärischen Ausbildung und der militärischen Akteure selbst. Engels folgte Clausewitz: Der Krieg galt ihm als politisches Phänomen, nicht als Zusammenstoß von Waffentechnologien.

Seinen strategischen Blick hat Engels wieder und wieder bewiesen. Auch wenn er mitunter danebenhaute, wie am Vorabend der Schlacht von Königgrätz, als er einen Sieg der Österreicher vorhersagte. Aber im Großen und Ganzen lag er oft erstaunlich richtig. Den Ersten Weltkrieg sah er sehr genau voraus. Denn anders als die europäischen Berufsmilitärs, die über die Bürgerkriegsarmeen in Amerika nur die Nasen rümpften, hatte er den Verlauf dieses Krieges genau studiert. Ihm war klar, dass alle Kriege der Zukunft industrielle Kriege sein würden, in denen die neuen Kommunikationsmittel, Eisenbahn und Telegraf, die entscheidende Rolle spielen würden. Die Erfahrung des Krieges von 1870/71 bestärkte ihn darin. Politisch hatten sich die europäischen Großmächte in eine Sackgasse manövriert, die früher oder später zu einem allgemeinen Krieg führen musste. Nicht weil „der Kapitalismus“ als solcher Krieg gebären würde. Sondern weil sich die Dummheiten aller Beteiligten wunderbar ergänzten und weil alle Großmächte sich in einen gnadenlosen Rüstungswettlauf verstrickt hatten.

Generäle lasen Engels nicht

Kam der Krieg, würde es ein Weltkrieg sein, schrieb Engels. Drei bis vier Jahre würde dieser Krieg dauern, zehn bis fünfzehn Millionen Soldaten würden einander abschlachten und den Kontinent verwüsten. Der Krieg würde die gesamte Wirtschaft auf Jahre hinaus ruinieren, horrende Inflationen, Staatsbankrotte überall die Folge sein. Der Ausgang sei völlig offen, weil niemand in der Waffentechnologie einen entscheidenden Vorsprung hatte. Nur in einem Punkt irrte Engels: Er nahm an, dass die Waffentechnik so weit entwickelt sei, dass bedeutende Fortschritte nicht mehr möglich seien. Maschinengewehre, Flugzeuge, Panzer, Giftgas konnte er sich noch nicht vorstellen. Aber die Realität des Grabenkriegs sah er schon, denn das hatte es schon in einigen Phasen des Amerikanischen Bürgerkriegs gegeben.

Lange vorher hatte er bereits den deutschen Angriffsplan gegen Frankreich skizziert, den Einfall von Norden, durch das neutrale Belgien, also jene Strategie, die später als „Schlieffen-Plan“ bekannt wurde und nach der die deutschen Armeen in der Anfangsphase des Ersten Weltkriegs operierten. Ob die Neutralität Belgiens mehr wert sei als ein Blatt Papier, werde man im Kriegsfall rasch sehen, so Engels. Allerdings hatte er auch erklärt, warum, wo und wie dieser Plan letzten Endes scheitern müsste: Den Ausgang der Marneschlacht, zu der es unweigerlich kommen musste, hatte er genau vorhergesehen.

Michael Krätke ist Mitautor des Bandes Arbeiten am Widerspruch – Friedrich Engels zum 200. Geburtstag (Metropolis 2020, 596 S., 48 € ) und Herausgeber des Buches Friedrich Engels oder: Wie ein Cotton-Lord den Marxismus erfand



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Von Veritatis

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