Man sollte meinen, das sei ein klarer Fall. Da ist Amnesty International, eine international geachtete Menschenrechtsorganisation, die sich über Jahrzehnte vor allem im Kampf gegen unrechtmäßige Inhaftierung und gegen Folter einen Namen gemacht hat. Und da ist ein Gefangener, der nichts verbrochen hat, außer einigen Mächtigen durch Aufdeckung der Wahrheit auf die Füße zu treten, der jedoch auf beispiellose Weise vor den Augen der Öffentlichkeit gequält wird — in einem Verfahren, das jeder Rechtsstaatlichkeit Hohn spricht. Julian Assange, so sollte man meinen, wäre für Amnesty ein „Vorzeige-Schützling“, einer, um den sich die Organisation schon um der eigenen Glaubwürdigkeit und um ihrer Breitenwirkung willen dringend kümmern müsste. Obwohl jedoch schon im Mai 2019 der UN-Sonderberichterstatter über Folter, Nils Melzer, dem Verfahren gegen Assange ein verheerendes Zeugnis ausgestellt hatte, schweigt die deutsche Sektion der Menschenrechtsorganisation in dieser Sache bis heute. Leidet Amnesty an Amnesie? Finden die Aktivisten den Fall nicht so wichtig, Folter und politische Schauprozesse nicht so schlimm? Oder hat sich die Organisation längst mit dem US-Machtapparat arrangiert und kneift nur vor einer Herausforderung, die zu den wichtigsten ihrer Geschichte zählen könnte? Ein offener Brief.



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Von Veritatis

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