Chemnitz.

Der Chemnitzer Club “Weltecho” schwimmt gegen den Strom. In Zeiten des erneuten Lockdowns und massenhafter Kurzarbeit hat das Veranstaltungszentrum sein Personal aufgestockt. Ein Techniker, der bisher in freier Mitarbeit das “Weltecho” unterstützte, hat kürzlich einen festen Arbeitsvertrag bekommen. “Damit haben wir ihm das Überleben gesichert”, sagt “Weltecho”-Mitarbeiterin Julia Voigt. Gerade in einer Krisensituation wie derzeit, wo der Kulturbetrieb weltweit brach liegt, sei es wichtig, aufeinander zu achten und Solidarität zu zeigen, sagt Voigt. “Hinter jeder Fassade einer geschlossenen Kultureinrichtung, und hinter jedem Song, den wir streamen, steckt eine Crew an Menschen, denen es jetzt richtig schlecht geht.”

Thomas Kahl hat sich vorgenommen, diese Menschen sichtbar zu machen. Gemeinsam mit einigen Bekannten initiierte er die Kampagne “Kulturgesichter Chemnitz”, die Teil einer deutschlandweiten Aktion mit dem Namen “Ohne uns wird’s still” ist. Kahl, Geschäftsführer der Produktions- und Eventdienstleistungsfirma FOG Produc- tions mit Sitz in Limbach-Oberfrohna, ließ über 100 Personen aus der Kulturszene der Region fotografieren. Ihre Gesichter sind in den Sozialen Medien zu sehen, Gespräche für Plakatkampagnen laufen. Konkrete politische Ziele will Kahl nicht benennen, ganz bewusst, wie er sagt. Stattdessen gehe es ihm darum, die Kulturschaffenden aus der Anonymität zu holen – nicht nur die Künstler selbst, sondern auch Logistiker, Techniker, Caterer, Sicherheitspersonal und viele mehr.

Benjamin Sieber aus Flöha ist einer der Menschen hinter den Kulissen, die von der Krise schwer betroffen sind. Der 22-Jährige ist selbstständiger Veranstaltungstechniker. Seit Corona die Kultur lahmgelegt hat, repariert er Kaffeeautomaten. Das Geld, das er damit verdient, reiche gerade so, um Miete und Lebensmittel zu bezahlen. Aber es sei ihm lieber als das ständige Gefühl, nicht gebraucht zu werden: “Abgestempelt als nicht systemrelevant”, nennt es Sieber.

Dabei hätten die letzten Monate gezeigt, dass Kultur sehr wohl ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft sei. Auch aus wirtschaftlichen Gründen. Laut Zahlen des Bundeswirtschaftsministeriums arbeiten deutschlandweit 1,8 Millionen Menschen in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Im Vorjahr setzte die Branche 174,1 Milliarden Euro um.

Für regionale Verhältnisse ein Branchenriese ist die Firma Japo, die alle Arten von Veranstaltungen plant und umsetzt. Seit März fehlen dem Chemnitzer Unternehmen durchgehend 80 bis 90 Prozent der üblichen Auftragslage, beklagt Geschäftsführer Robert Jacob. Die Umsatzeinbußen lägen in Millionenhöhe. Im März hatte Japo noch 120 Mitarbeiter, ein Viertel der Belegschaft ist inzwischen weg. Und die, die noch da sind, sind größtenteils in Kurzarbeit. Selbst, wenn beispielsweise durch Impfstoffe ein Durchbruch in der Pandemie-Bekämpfung gelingen sollte, glaubt Jacob nicht, dass der Kulturbetrieb wieder von Null auf Hundert wird hochfahren können. Zu groß ist der Ressourcen- und Personalverlust bei seiner und anderen Firmen. Bleibt ein Großteil der Veranstaltungen auch für weite Teile des kommenden Jahres untersagt, wird es für Unternehmen wie Japo düster. Bisher seien sie durch Rücklagen zwar relativ gut durch die Krise gekommen, sagt Robert Jacob. “Aber auch eine wirtschaftlich gesunde Firma kann nicht zwei Jahre ohne Einnahmen auskommen. Wir haben die Firma über 25 Jahre aufgebaut, uns einen Namen gemacht. Und von heute auf morgen ist im Grunde alles Asche”, sagt er.

Am Chemnitzer Unternehmen Gigbus, das Tournee-Fahrzeuge und Tontechnik vermietet, lässt sich gut aufzeigen, in welcher Not sich kleinere Firmen jetzt befinden. Vor fünf Jahren fingen die drei Gründer mit einem Bus an, seitdem sind sie kontinuierlich gewachsen. Bis zu diesem Jahr. Eigentlich sollten einige Fahrzeuge durch neue ersetzt werden, erklärt Mitgründern Katharina Grund. Stattdessen wurde die Flotte ersatzlos verkleinert. Gigbus habe alle staatlichen Hilfen in Anspruch genommen, die möglich waren, sagt Grunds Mitstreiter Valentin Sterken. Sobald die Hilfen weg sind, werde die Firma schließen müssen. Die Fixkosten seien zu hoch. Grund und Sterken haben sich bereits alternative Jobs gesucht, und auch der dritte Beteiligte, Nico Lindner, hat sich umorientiert: Er arbeitet jetzt auf dem Bau, im gelernten Beruf als Steinmetz. “So lange die Knochen es hergeben, würde ich das auch weiter machen”, sagt der 42-Jährige.

Solche Umorientierungen sind keine Einzelfälle. Als absehbar war, dass es für ihn als DJ mittelfristig keine Verdienstmöglichkeit mehr geben würde, machte Bach Tran, der unter dem Namen “KarmaXutra” auflegt, einen Second-Hand-Klamottenladen auf dem Chemnitzer Kaßberg auf. Die Chemnitzerin Yvonne Preibisch, die für die Kulturproduktionsfirma “In Move” arbeitet, erstellt in ihrer durch Kurzarbeit freigewordenen Zeit Illustrationen für Tassen, Stoffbeutel, Anstecker, Handyhüllen und Schmuckdosen. “Das Geld, das ich damit verdiene, reicht gerade so für einen Restaurantbesuch”, sagt sie. “Aber es ist schön, wieder eine Aufgabe zu haben.” Eine komplette Abkehr von ihren Berufen in der Kulturbranche kommt aber für kaum eines der Kampagnengesichter in Frage.

Auch die Chemnitzer Kabarettistin Ellen Schaller sehnt sich danach, wieder auf der Bühne zu stehen. Zugleich sagt sie, man müsse kein Prophet sein, um festzustellen, dass das vor kommenden März nicht passieren werde. Und Schaller ist wütend: “Weihnachten soll gefeiert werden, Gottesdienste sind weiter möglich, man diskutiert sogar schon wieder über mögliche Skiurlaube. Aber die Theater- und Konzertbühnen bleiben leer.” Trotz ergriffener Maßnahmen wie Hygienekonzepte lasse man die Branche büßen. “Das ist absurd, und auch verantwortungslos der Kultur gegenüber.”

Bei allen Schwierigkeiten und Problemen ist für Julia Voigt vom “Weltecho” eines wichtig zu betonen: “Wir müssen die Gesundheit der Leute schützen.” Pandemiebedingte Einschränkungen hält sie für notwendig. Das Nonplusultra wäre zwar, wenn es im kommenden Jahr wieder normale Veranstaltungen geben könnte. “Aber für alle anderen Fälle arbeiten wir an den Plänen B bis Z.” Auflagen, Hygienekonzepte, all das sei Teil der verschiedenen Pläne, die das Überleben von Kultureinrichtungen sichern sollen. Die Politik müsse sie nur lassen.schab



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Von Veritatis

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