Um wieder sichtbar zu werden im sowjetischen Kulturbetrieb, schreibt der Schriftsteller Michail Bulgakow ein Stück über den jungen Stalin. Doch es wird nicht aufgeführt

Gesetzt den Fall, du bist Schriftsteller, hochbegabt und einstmals hochgelobt, giltst aber als unzeitgemäß, abtrünnig, ja feindlich, und nichts von dem, was du verfasst, wird noch gedruckt, gesendet, aufgeführt – so verdammt, was bleibt dir zu tun? Du hast drei Möglichkeiten. Du schreibst weiter still und ohne jede Resonanz, hoffend, es sei für die Nachwelt. Du dienst dich den Verhältnissen an und setzt dich an ein Werk, von dem du dir ausrechnest, das „geht“. Oder du gibst auf und in Zukunft Nachhilfeunterricht für lernschwache Kinder. Okay, für die Sowjetunion in jener Zeit kommt eine vierte Variante ins Spiel: Du wirst verhaftet und hingerichtet. Besser, du hast deinen Koffer gepackt.

Der russische Arzt Michail Bulgakow hatte Anfang der 1920er Jahre zu schreiben und zu veröffentlichen begonnen. Vor allem als Satiriker war er schnell erfolgreich. Doch Satire hat’s schwer in Diktaturen. Außerdem drängte es Bulgakow zum Theater. Er schrieb sein erstes Stück, Die Tage der Turbins, eine Dramatisierung seines eigenen Romans Die weiße Garde. Das wurde ein Riesenerfolg am Moskauer Künstlertheater (MChAT). Fast tausend Aufführungen erlebte die Inszenierung zwischen 1926 und 1941.

Auch Stalin sah das Stück; und er muss diese Turbins wirklich in sein Herz geschlossen haben, denn fünfzehnmal, heißt es, saß der Herrscher in der Loge. Dennoch wurde die Inszenierung 1929, dem „Jahr des großen Umschwungs“, vom Plan genommen. Das Polit-Ruder war wieder einmal heftig herumgerissen worden. Das Stück passte nicht länger, und Bulgakow war über Nacht ein Totgeschwiegener. Er konnte nicht wissen, ob er je in der Sowjetunion noch würde publizieren dürfen. Er wandte sich an die Regierung und bat um Ausreise. Keine Genehmigung.

Doch am Karfreitag des Jahres 1930 kommt ein Anruf, und Stalin höchstpersönlich ist am Apparat. Er verspricht Bulgakow eine Stelle als Regieassistent an eben jenem verhasst-geliebten MChAT und sagt – sofort nach dem Gespräch hat Bulgakow den Wortlaut des Telefonats notiert –: „Wir sollten uns treffen und miteinander reden.“ Bulgakow: „Ja. Ja, Jossif Wissarionowitsch! Ich muss dringend mit Ihnen sprechen.“ Stalin: „Man muss Zeit finden und sich treffen, unbedingt. Und jetzt wünsche ich Ihnen alles Gute.“ Es kommt wie geweissagt. Das Theater beeilt sich, Bulgakow als Regieassistenten zu verpflichten. Der schreibt weiter Stücke. So dramatisiert er Gogols Tote Seelen. Auch dieses Stück wird ein Erfolg. Und sogar seine Turbins kehren Anfang 1932 zurück ins Repertoire.

Nur Stalins Einladung lässt auf sich warten. Dabei, hatte der nicht selbst ein Treffen vorgeschlagen? „Wir sollten miteinander reden.“ Das waren seine Worte! Doch der Kreml schweigt. Und schweigt. Und je länger dieses Schweigen währt, desto mehr gewinnt der Gedanke, Stalin zu treffen, womöglich gar „Zarenerzieher“, kluger Erster Ratgeber des Diktators zu werden, an Macht über Bulgakow. Die fixe Idee verfolgt ihn – und er sie. Nur so ist zu erklären, dass der Autor von Meister und Margarita, dem anti-stalinistischen Jahrhundertroman, sich breitschlagen und herablässt zu einem Unterfangen, das nichts anderes als jämmerlich schiefgehen kann.

Die Idee muss in Bulgakows Hirn schon eine Weile herumgespukt haben. Sie wird konkret, als eine kleine Abordnung des Künstlertheaters bei ihm erscheint. Bulgakow hatte das Haus im Streit verlassen, weil dort zuletzt alles scheiterte, zum Beispiel sein Stück über Molière. Nun wird er angebettelt, alle Missetaten zu vergeben und dem „Friedhof seiner Stücke“, wie er das MChAT inzwischen nennt, ein Stück zu schreiben. Das ereignet sich im November 1938. Der „Große Terror“ hält das Land in Blut getaucht, zwei Jahre schon. Allmählich werden die Verhaftungen weniger.

Im Dezember des folgenden Jahres wird Stalin 60 Jahre alt. Natürlich will das MChAT ihm eine Gabe bringen. Man redet auf Bulgakow ein. Und der entschließt sich, ein Drama über die revolutionären Anfänge des weisen Führers zu verfassen. Batum wird es heißen, nach der Stadt in Georgien, Batumi, in der der jugendliche Dschughaschwili (d. i. Stalin) sich als Erpresser, Bankräuber, Sex Maniac und Mörder um die Jahrhundertwende einen Namen machte. Diese üblen Sachen kommen in Bulgakows Stück natürlich nicht vor. Hier ist Dschughaschwili ein wegen seiner sozialdemokratischen Umtriebe aus dem Priesterseminar verbannter aufrechter Held an der Seite der Arbeiter, der geborene An- und Streikführer für das Gute.

Bulgakow schreibt die Sache schnell. Und alle sind begeistert. „Höchst reizvoll“ sei der Held gestaltet. Auch die Zensurbehörde hat ausnahmsweise nichts zu meckern und reicht den Text „nach oben“. Im Juli 1939 findet eine Lesung vor der Parteiversammlung des MChAT statt. Standing Ovations. Bulgakows Frau Jelena Sergejewna, die in jeder Lebenslage zu ihrem Mann hält, findet „alle Personen so lebendig“ und notiert in ihr Tagebuch: „Gott gebe, dass es ein Erfolg wird!“ Das Paar schickt dem Theater schon mal eine Liste, wo es wen der Freunde zur Premiere gern im Saal platziert sähe. Endlich! Nach so vielen Jahren würde der Erfolg sich einstellen, durchschlagend, unwiderruflich.

Und der Herrscher? Wird nicht länger umhinkönnen, das gegebene Versprechen einzulösen. Eine Audienz wird dem Autor nun gewährt werden müssen, und das qualvoll ersehnte Gespräch stattfinden. Bulgakow hat Stalin überlistet. Alles andere ist undenkbar.

Das Moskauer Künstlertheater ist landesweit berühmt – auch dafür, dass man hier akribisch probiert, in jede Zeile hineinhorcht und alles sehr genau nimmt. So liegt es nahe, die Stadt zu sehen, die dem Stück den Titel lieh, sich vor Ort zu informieren, in welchen Straßen und an welchen Plätzen der Held einst wirkte. Am 14. August 1939 findet die Reise statt. Nach zwei Stunden Fahrt, man frühstückt gerade im Abteil, der Zug hält. Eine Briefträgerin bringt ein Telegramm: „Notwendigkeit der Reise entfallen. Kehrt nach Moskau zurück!“ Ende einer Dienstfahrt. Das Ehepaar Bulgakow verlässt den Zug, nimmt ein Taxi, und in rasendem Tempo geht’s heim. „Mischa“, notiert seine Frau, „verdeckte mit einer Hand die Augen vor der Sonne, mit der anderen hielt er sich an mir fest und sagte: Wo jagen wir hin? Auf den Tod zu?“

Das Stück jedenfalls ist gestorben, verboten, das ist klar. Aber wieso? Wieso jetzt? Stalin wird es vermutlich in der Nacht gelesen und seine Entscheidung getroffen haben. Und das Theater startete hektisch die Rückrufaktion.

Es gehe nicht an, heißt es nun zur Begründung, „dass man eine Persönlichkeit wie Stalin in fiktiven Situationen zeige und ihr fiktive Worte in den Mund lege“. Ist das tatsächlich der Grund? Oder will der Diktator ausnahmsweise zum Sechzigsten nicht Kult um seine Person treiben lassen? Oder zumindest so tun, als gäbe er selbst keinen Anstoß? Dafür spricht, dass ihm zu seinem Ehrentag der Orden „Held der sozialistischen Arbeit“ verliehen wird, eine hohe Auszeichnung – die aber andere Arbeiterhelden auch bekommen; und so steht er lediglich herausragend unter Herausragenden. Auch soll er gesagt haben über sein Wirken in Tiflis und Batumi, er sei keine Ausnahmeerscheinung gewesen. „Etliche Jugendliche“ wären, wie er, „seinerzeit vorgeprescht.“

Alle Mutmaßungen sind vergebens. Stalin hat entschieden. Und der Kreml ist keine Auskunftei. Wenige Tage zuvor schlossen Hitlerdeutschland und die Sowjetunion ihren Nichtangriffspakt. Der Zweite Weltkrieg beginnt am 1. September. Bulgakow ist zu Tode getroffen. Er erkrankt schwer und erholt sich nicht wieder. Er stirbt im März 1940.

Im Juni 1941 überfällt Deutschland die Sowjetunion und entfacht sofort die Kesselschlacht von Białystok-Minsk. Das Moskauer Künstlertheater gastiert gerade mit seinen Turbins in Minsk. Die Inszenierung stirbt, als deutsche Bomben das Bühnenbild und die Requisiten vernichten. Der Autor ist also tot? Es lebe der Autor!

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Von Veritatis

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