Sie mache eigentlich Gangsta-Rap, sagte Haiyti diesen Sommer in Interviews. Dass ihr Stil oft anders eingeordnet und mit ihrem Kunststudium in Verbindung gebracht wird, sei ein Missverständnis. Auf dem neuen Album Influencer macht sie damit ernst.

Haiyti ist in ihren Erzählungen immer hin- und hergerissen zwischen Kurierfahrten für Drogendealer und Frühstück bei Tiffany. Ein Bild aus dem Video zu 100.000 Fans vom Album Montenegro Zero (2018) brachte es gut auf den Punkt: Haiyti im Audrey-Hepburn-Gedächtnis-Look (Kopftuch, große Sonnenbrille) auf einem Autoschrottplatz. Spätestens seit Montenegro Zero sind sich die meisten Kritiker*innen einig, dass Haiyti eine der besten Rapperinnen Deutschlands ist – das ist ein generisches Femininum. Der kommerzielle Durchbruch blieb aber bislang aus. Auf dem letzten Album Sui Sui schien sich das in ihr Narrativ einzuschreiben. Auf Audrey singt sie: „Wieder aufgewacht wie Audrey / Keine Diamonds, doch ist okay / Ich war glücklich für einen Moment / Check-out im billigsten Hotel“. In Rap-typischer Weise hatte Haiyti ihr Leben in ihrer Musik überzeichnet und mit ihren Träumen vermischt. Wie bei Hepburns Figur in Frühstück bei Tiffany musste die Fassade irgendwann bröckeln.

„Tak tak“ und „brrr“

Der Opener von Influencer heißt Comeback. Damit ist nicht gemeint, was man sonst unter diesem Begriff versteht: Sui Sui liegt erst fünf Monate zurück. Haiyti kehrt aus einer emotionalen Krise zurück: „Ich hab alles, was ich liebe, verflucht / Mann, ich wollt’ es fast tun und ich weiß, es war nicht cool“. Nun ist das Selbstbewusstsein zurück: „Scheiß mal auf die ganzen Fake News, ich bin Deutschraps Zukunft“. Sollte der Durchbruch erneut ausbleiben, gibt es laut Klunker einen Plan B: „Rap ist cool, doch dafür würd ich nicht mein Leben geben / Wenn’s nicht klappt, überfall ich einfach Edelläden“ – eine Zeile, analog zu Haftbefehls legendärem „Wenn nicht mit Rap, dann mit der Pumpgun“. Haiyti hat auf Influencer wieder die Attitüde der Gangstarapperin. Ständig wird in den Texten die Luftpistole durchgeladen und aus dem Auto geschossen, dazu macht sie lautmalerisch „tak tak“ und „brrr“. Auf 100.000 Feinde sind sogenannte „808 Slides“ zu hören – Notensprünge machende Synth-Bässe, deren Klang stark mit dem Trap-Subgenre Drill assoziiert ist. Der im Februar verstorbene Rapper Pop Smoke aus Brooklyn machte sie bekannt, während er davon rappte, Mitglieder rivalisierender Gangs zu töten. Auf Klunker nennt Haiyti den Rapper Project Pat aus Memphis und entlehnt den Flow dessen 1999er-Song Ballers. Auch der Memphis-Rap der 90er drehte sich um organisierte Kriminalität und ist der direkte Vorläufer des Südstaaten-Trap, an dem sich Hayiti seit jeher oft orientiert.

Neben Ausflügen ins Gangsta-Rap-Geschichtsbuch finden sich auch eine sehr kauzige Kanye-West-Hommage (Benzin), ein offensichtlicher Versuch, einen Radiohit zu produzieren (Holt mich raus), Haiytis erster Song auf Kroatisch (Kokaina) und ein paar sehr geschmackvolle Liebesballaden (Star und zurück, Weltzeituhr). Dass Haiyti oft nicht als Straßenrapperin gelesen wird, könnte schlicht und einfach daran liegen, dass sie sich mehr traut, als man hierzulande in dem Genre gewohnt ist. Der Haiyti-Stil ist ein Buffet. Wenn sie sich bemüht, geradlinig zu sein, wird das, was dabei entsteht, nur noch interessanter.

Influencer Hayiti Warner 2020



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Von Veritatis

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