Der Verrat des Generalleutnants Andrej Wlassow wurde wegen seines Ausmaßes und seiner Folgen zu einer Art Phänomen des Zweiten Weltkrieges. Er war nicht einfach selbst ein Verräter, sondern führte eine ganze „Armee von Verrätern“ an.

Am Montag präsentieren Russlands Archivagentur Rosarchiv und das Russische Staatsarchiv für sozio-politische Geschichte (RGASPI) die englische Version einer einzigartigen Sammlung historischer Dokumente unter dem Titel „The Vlasov Case: History of a Betrayal“ (dt. „Fall Wlassow: Geschichte eines Verrats“), die Licht auf den wohl aufsehenerregendsten Verrat im 20. Jahrhundert wirft. Die dreibändige Ausgabe enthält freigegebene Vernehmungsprotokolle, Befehle und Meldungen aus den Archiven Russlands, Weißrusslands, Deutschlands und der Vereinigten Staaten.

Gefangenschaft

Wlassow ergab sich den Deutschen am 11. Juli 1942 unweit der Stadt Luga, ohne einen einzigen Schuss abgegeben zu haben, nachdem Wlassows 2. Stoßarmee vollständig eingekreist und vernichtet worden war. Die Deutschen nahmen dem Armeekommandeur den Revolver ab und sperrten ihn in eine Dorf-Banja.

Einen Tag später berichtete Sonderführer Pelhau dem Kommando der 18. deutschen Armee von einem dünnen, hochgewachsenen russischen Soldaten mit einer Hornbrille auf der Höckernase, der eine typische lange Feldbluse ohne Rangabzeichen und ohne Orden getragen habe. Der Soldat habe sich in einem gebrochenen Deutsch als General Wlassow vorgestellt und anschließend einen roten Ausweis mit der Faksimile-Unterschrift des sowjetischen Marschalls Semjon Timoschenko überreicht.

Nach einem kurzen Verhör wurde der General in ein Kriegsgefangenenlager in Winnyzja gebracht, das der Aufklärungsabteilung der deutschen Wehrmacht unterstellt war. Die Abteilung war zuständig für die Arbeit hinsichtlich der ideologischen Korruption des Personals der Roten Armee sowie für die Abwerbung sowjetischer Militärs auf die Seite der Nazis.

„Anführer der Verräter“

Den Dokumenten der Sammlung ist zu entnehmen, dass der NS-Staat sich noch vor Beginn des deutsch-sowjetischen Krieges mit der Idee beschäftigte, einflussreiche sowjetische Militärs oder Politiker an die Seite des Deutschen Reiches zu gewinnen.

Allerdings taugten von den vielen gefangengenommenen sowjetischen Armeekommandeuren sehr wenige für die Position eines „Anführers der Verräter“. Einige wollten nicht zusammenarbeiten, andere waren nicht bekannt genug, um zur Ikone der russischen Kollaboration zu werden. Wlassow passte perfekt für diese Rolle.

Entstehen des „Russischen Komitees“

Dem gefangengenommenen General wurde erklärt, dass der NS-Staat einverstanden sei, eine neue russische Regierung zu bilden, die nach der Niederlage der sowjetischen Truppen an die Macht komme. Gustav Hilger, der politische Chefberater für Ostfragen im Auswärtigen Amt während des Krieges, kam ins Lager und besprach mit Wlassow laut dessen Angaben, welche Territorien der UdSSR an Deutschland übergeben werden sollten. Hilger habe die Sicht vertreten, dass die Ukraine und das sowjetische Baltikum ein Teil Deutschlands werden sollten.

„Später rief mich Hauptmann Strikfeldt und sagte, dass die Deutschen mehrere Militäreinheiten aus gefangenen Rotarmee-Soldaten bilden konnten, und empfahl mir, mein Einverständnis dafür zu geben, diese Truppen zu befehligen. Da dies meinen antisowjetischen Überzeugungen entsprach, erklärte ich, dass ich diesen Vorschlag annehme“, sagte Wlassow später bei einem Verhör.

Unter der Aufsicht deutscher Sicherheitsdienste bereitete der ehemalige Chef der 2. Stoßarmee den Entwurf einer Ansprache des sogenannten „Russischen Komitees“ vor, die später an der ganzen Ostfront und im Hinterland verbreitet wurde. Demnach übernimmt das Komitee die Funktion der Regierung Russlands und hat den Sturz Stalins, die Vernichtung des Bolschewismus sowie den Abschluss eines „ehrenhaften Friedens mit Deutschland“ zum Ziel erklärt.

Arbeit mit der NS-Propaganda

Kurz nach der verkündeten Gründung des „Russischen Komitees“ besuchte Wlassow das Schulungszentrum in Dabendorf, wo rund 4000 Propagandisten ausgebildet und später in die Lager sowie in die von Deutschen gebildeten russischen Einheiten geschickt wurden.

Wlassow gehörte offiziell der Propagandaabteilung des deutschen Heeres an und trat in Dörfern und Städten okkupierter Territorien mit Agitationsreden auf, etwa in Mogiljow, Pskow, Dno, Strugi Krasnyje und Luga. Zuerst übermittelte er die Floskel der Nazi-Propaganda, allmählich sprach er aber davon, dass „Russen keine Sklaven werden wollen und es nicht sein werden“ oder dass „der Nationalsozialismus nicht vollständig auf das russische Volk ausgebreitet werden“ könnte.

Manche Aussagen Wlassows widersprachen entschieden den Interessen des Deutschen Reiches. Dessen Konzept des Krieges gegen die Sowjetunion implizierte eine Versklavung und Vernichtung von Millionen Menschen. Von einem „Partnerstaat neues Russland“ soll keine Rede gewesen sein.

1943 sagte Wlassow bei einer Versammlung von Offizieren in Pskow, dass die Deutschen ohne die Unterstützung des russischen Volkes die Bolschewiki nie zerschlagen würden. Heinrich Himmler soll laut Wlassow von dieser Behauptung erfahren und sie scharf kritisiert haben, denn solche Aussagen würden „die Überzeugung der Deutschen untermauern, dass sie selbständig die Sowjetunion besiegen“ könnten.

Kurz darauf durfte Wlassow lange Zeit nicht auftreten und wurde in einem Haus am Stadtrand Berlins isoliert. Erst Ende 1944, als die Lage an der Front kritisch wurde, nahmen die Nazis die Idee der Russischen Befreiungsarmee unter Wlassows Kommando wieder auf.

Die erste Division mit rund 17.000 Soldaten und Offizieren unter dem Kommando von Sergej Bunjatschenko wurde im Februar 1945 gebildet und Ende März an die Ostfront bei Frankfurt-an-der-Oder geschickt.

Ungefähr 15.000 Menschen unter dem Kommando des ehemaligen Obersts der Roten Armee Swerew bildeten die zweite Division, die erst Mitte April 1945 entstand und nicht wirklich an Kampfhandlungen teilnahm.

Mit den USA verbundene Hoffnungen

„Im April 1945 wurde die Lage in Berlin so schwer, dass die Leiter vieler deutscher Behörden aus der Stadt geflohen sind“, so Wlassow bei einem Verhör. „Auch unser Komitee wurde nach Karlsbad evakuiert. Viele seiner Mitglieder flohen auf dem Weg. Ich, Truchin, Malyschkin, Sakutnyj und Schilenkow dachten, dass wir bei einer Ergreifung unserer Einheiten durch die Rote Armee für unsere Verbrechen gegen die Sowjetmacht hingerichtet werden. Deshalb war es für uns der einzige Ausweg, zu den Engländern und den Amerikanern zu gelangen.“

Mit dieser Absicht schickte Wlassow Vertreter des Komitees ins bayerische Füssen, damit sie Kontakte mit dem Kommando der US-Truppen knüpfen und Bedingungen für die Gefangennahme der Russischen Befreiungsarmee und ihrer Kommandeure aushandeln sollten.

Da Himmler den Oberbefehl über die nordöstlichen Truppengruppierung niedergelegt habe, zog Wlassow eigenen Angaben zufolge die 1. Division auf das Territorium der Tschechoslowakei ab, denn amerikanische Militärs waren in dieser Richtung herangerückt.

Festnahme

Am 12. Mai 1945 wurde Wlassow auf dem tschechoslowakischen Territorium von einer sowjetischen Streife gefangengenommen und später nach Moskau gebracht. Am 2. August 1946 schrieb die sowjetischen Zeitung „Iswestija“ über einen Gerichtsprozess gegen Wlassow.

Der Angeklagte gestand den Hochverrat, lehnte aber einige Beschuldigungen ab. Er gestand, dass die Spionageabwehr und das Gericht der Russischen Befreiungsarmee unter seinem Befehl gewesen seien und eine repressive Politik gegen Antifaschisten geführt hätten. Wlassow bestritt aber entschieden, Todesurteile für Festgenommene persönlich unterzeichnet zu haben, denen eine Tätigkeit gegen die Wehrmacht und gegen das Deutsche Reich vorgeworfen worden war. Diesen Anklagepunkt bestätigten später auch Wlassows Mitangeklagte.

Ursachen des Verrats

Wlassow wurde vom Mai 1945 bis Juli 1946 von den besten Fachleuten des militärischen Nachrichtendienstes SMERSch verhört. Lange Zeit war nicht klar, was den ehemaligen General zum Hochverrat bewegt hatte. Offenbar sind seine ersten solchen Ideen noch auf das Ende der 1930er Jahre zurückzuführen.

„Seit 1937 betrachtete ich die Politik der sowjetischen Regierung feindlich, denn ich meinte, dass die Bolschewiken die in den Jahren des Bürgerkrieges erzielten Eroberungen des russischen Volkes zunichte gemacht haben. Das Versagen der Roten Armee während des Krieges gegen Deutschland habe ich als Ergebnis einer miserablen Staatsführung gesehen und bin von der Niederlage der UdSSR überzeugt gewesen. Ich war sicher, dass Stalin und die sowjetische Regierung die Interessen des russischen Volkes zugunsten englisch-amerikanischer Kapitalisten geopfert hatten.“

Bei der Einkreisung durch die deutsche Wehrmacht hätten sich die antisowjetischen Stimmungen zugespitzt, so Wlassow. Er habe seiner Meinung nach nicht für fremde Interessen kämpfen wollen und habe sich freiwillig ergeben.

mo/mt/sna





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Von Veritatis

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