In dieses Land fuhr ich, um eine mögliche Zukunft erahnen zu können. Der Westbalkan ist die einzige Gegend Europas, die sich stellenweise bereits in der dritten Welle der Pandemie befindet. Die erste serbische Welle dauerte bis 26. Mai (239 Tote), die zweite bis 13. September (494 Tote), die dritte und mit Abstand tödlichste endet laut Dr. Kočović erst am 15. April 2021.

Die Frühlingswelle war hier ein gnadenloser Lockdown, die mit der Sommerwelle angekündigte Ausgangssperre wurde nach Belgrader Wutkrawallen abgesagt, und die Herbstwelle rollte langsamer an als anderswo. Anfang Oktober verzeichnete Serbien noch die geringsten Neuinfektionen Europas, Ende November mit die höchsten. „Wir treten in den letzten Kreis der Hölle ein“, schrieb die Zeitung Blic. Wie lebt es sich also in der dritten Welle?

Wenn Gott nicht hilft …

Hier gleich die Zusammenfassung: Die Maskenpflicht in Läden wird eingehalten, auf die anderen Maßnahmen gepfiffen. Mehr noch: Ich treffe niemanden, der die offizielle Pandemie-Erzählung noch vollständig glaubt. Ich fahre nach Kovačica, eine viersprachige Großkommune im Banat. Die Dörfer Kovačica und Padina sprechen slowakisch, Debeljača ungarisch und serbisch, Uzdin rumänisch, die kleineren Dörfer serbisch. Einzige Attraktion: eine gut etablierte Bewegung naiver Malerei.

Einst folgten die slowakischen Kolonisten der Einladung der Habsburger in die flachen Sümpfe auch deswegen, weil sie hier ihren lutherischen Glauben leben konnten. Daher überrascht mich eine Studie, laut der ein wachsender Anteil der Serbien-Slowaken „aus religiösen Gründen nicht am kulturellen Leben der Minderheit teilnimmt“. Tatsächlich finde ich Dutzende turmloser Tempel, die von Freikirchlern, Pfingstlern und „Nazarenern“ erbaut wurden. Eine Bibliothekarin schimpft auf Slowakisch, amerikanisches Geld locke die Jungen besonders seit der Finanzkrise zu den Sekten. „Sie reisen durch die Welt, Florida, Dubai, quer durch Russland. Und das Weiblein muss dafür jedes Jahr ein Kind kriegen.“ Ein solches „Weiblein“ ist ihre beste Klientin, die Mutter von 13 Kindern las die ganze englische Belletristik des 19. Jahrhunderts. Die Bibliothekarin ist Impfgegnerin, auch wenn „uns der evangelische Pfarrer an dem Covid da gestorben ist“.

In Padina empfängt mich ein alter Bauunternehmer, der „Bischof“ von 130 Pfingstlern. Für slowakische Folklore, bestätigt er mir, „haben wir keine Zeit, die nationalen Angelegenheiten wurden hier für Kriege missbraucht“. In den Covid-Maßnahmen sieht er keinen Sinn: „Wenn uns Gott nicht hilft, lässt uns die Maske auch nicht bestehen.“ Der lutherische Pfarrer sitzt einstweilen im Pfarrhaus und antwortet nur online: „So funktioniert heute die Welt.“

Am Samstag genieße ich, dass Serbien eines der letzten Länder Europas mit offenen Kneipen ist. Etwa die Tanzbar Džejms Caffé im halbungarischen Debeljača. Ein Aushang beschränkt den Besuch auf zwölf Personen, ich trete als vierzehnte ein. Und da fangen sie erst an. Ein sehniges Kerlchen, das ich für Džejm halte, zählte Geldbündel, hängt Discoleuchtketten auf und bringt mir zum Macchiato ein schickes Flakon mit Desinfektion. „75 Prozent“, sagt er und zeigt mit spaßigen Gesten, was wäre, wollte ich das trinken.

Dann La Mitica, eine schmale kuschelige Hüttenbar auf dem Hauptplatz. „Sechs Personen“ steht auf dem Aushang, ich bin Nummer elf. Ein alter Schmuggler erzählt mir sein Leben. Seine Frau und alle Gäste sind ethnische Rumänen, der Serbe spricht aber kein Wort Rumänisch. Bulgarisch und Slowakisch hat er hingegen gelernt, auch den bulgarischen und den slowakischen Pass hat er sich gekauft. Über Deutschland sagt der alte serbische Schmuggler: „Die Deutschen wollen Serbien für einen Euro kaufen, aber sie wissen nicht, dass hier Viecher leben.“ Seine Pandemie-Theorie erweist sich als Achterbahn der Konspirationen, „die Rockefellers entführen Kinder und trinken Blut“.

Lockdown ist nur für Reiche

Mein Zimmerwirt in Kovačica ist zugleich Corona-Kontrolleur der Großkommune. Ich frage ihn nach dem Personenlimit. Er winkt ab. Ich frage ihn nach Strafen. Er winkt wieder ab, vorläufig gibt er sich mit der Einhaltung der Sperrstunde um 23 Uhr zufrieden. Um 22.20 Uhr setzt mich der Kneipenkontrolleur dann prompt in seiner Lieblingskneipe ab.

An der Bar sitzt der türkische Verlobte der Barfrau, er hat im Banat Windräder aufgestellt und meint: „Lockdown ist etwas für reiche Länder.“ Um 22.55 Uhr strömt die eben noch ausgelassene Partycrowd hinaus, um 23.03 Uhr marschieren maskierte Polizisten ein. Eine Sperrstunde um elf ist gerade noch durchsetzbar, denke ich mir, mehr geht in der dritten Welle wohl nur noch mit Gewalt. Nach meiner Abreise zieht die serbische Regierung die Sperrstunde auf 18 Uhr vor.



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Von Veritatis

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