Wenn der MDR täglich in seinen Fernseh-Abendnachrichten die aktuellen Infektionszahlen bringt, reibt man sich seit der zweiten Corona-Welle verwundert die Augen. Sachsen, das nach seinem Selbstverständnis doch seit der Erschaffung der Welt alles am besten macht im gesamten Universum, liegt im Vergleich mit seinen Nachbarn Thüringen und Sachsen-Anhalt beim Zwei- bis Dreifachen dessen, was relativ zur Einwohnerzahl zu erwarten wäre. Das gilt sowohl für die Neuinfektionen als auch für Intensiv- oder Todesfälle. Mit einem Sieben-Tages-Inzidenzwert je 100.000 Einwohner von 321 führt Sachsen einsam im Ländervergleich. In der Hälfte der zehn Landkreise überschreitet er bereits die Marke von 400. Auch in der Relation der absoluten Fallzahlen zur Landesbevölkerung führt der Freistaat im Bundesvergleich. Den tiefen Dank von Sozialministerin Petra Köpping (SPD) aus dem Frühjahr an die disziplinierten Sachsen hat man in diesem Herbst nicht wieder gehört.

Damals wurde noch spekuliert, ob ein kontrollierteres Verhalten der Ostdeutschen insgesamt für deren relativ bessere Resistenz gegenüber der Seuche verantwortlich sei. Über die Gründe für das inzwischen eingetretene Gegenteil kann ebenfalls nur spekuliert werden. Wie konnte aus dem ostdeutschen Corona-Musterländle das Sorgenkind werden, das mittlerweile als erstes Land erneut einen totalen Lockdown wie im Frühjahr beschließen musste?

„Nicht vollständig nachvollziehbar“

Bei Politik und Wissenschaft stößt man mit dieser Frage nur auf Ratlosigkeit und Vermutungen. Das sei bei einer vermuteten Vielzahl von Gründen „präzise nicht zu sagen“, antwortet Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD). Aber auch ihre Thüringer Kollegin Heike Werner (Linke) reagiert verhalten auf die Frage, was Thüringen besser mache als ihr Heimatland Sachsen. Denn der strategische Ansatz des „Ermöglichen statt Verbieten“ verband doch bislang den Linken Bodo Ramelow und seinen sächsischen Ministerpräsidentenkollegen Michael Kretschmer von der CDU. „Die Ursachen sind vielfältig und nicht mehr vollständig nachvollziehbar“, sagt Ministerin Werner zum diffusen Infektionsgeschehen.

Die Universitätsklinika in Leipzig und Dresden wagen sich ebenfalls nicht einmal in die Nähe einer Erklärung für die sächsischen Rekordinfektionszahlen. Lediglich der Wissenschaftler Markus Scholz vom Institut für Informatik und Epidemiologie der Leipziger Universität brachte gegenüber dem MDR den höheren sächsischen Altersdurchschnitt und die Grenznähe zu Polen und Tschechien ins Spiel. Seine Vermutungen treffen aber nur mögliche Teilursachen. Sachsen ist zwar mit einem Durchschnitt von 46,8 Jahren das am meisten überalterte Bundesland, woraus man eine besondere Anfälligkeit gegenüber dem Virus ableiten könnte. Schleswig-Holstein als drittältestes Bundesland mit 45,2 Jahren und Spitzenreiter Hamburg mit durchschnittlich 42,1 Jahren liegen aber nicht so weit entfernt, dass aus der Altersdifferenz die starken Unterschiede in der Infektionsstatistik abzuleiten wären.

Für Scholz’ Annahme eines negativen Einflusses der Nachbarn könnten hingegen Gründe sprechen. Alle südlichen sächsischen Kreise weisen hohe Infektionszahlen auf. Zuletzt zog der Landkreis Sächsische Schweiz/Osterzgebirge mit einem Inzidenz-Rekordwert von über 500 nach. André Beuthner, Sprecher des Erzgebirgskreises, erwähnt diesen Grenzfaktor nicht einmal. „Sogenannte Hotspots gab es in den letzten Wochen nicht, die ein Ansteigen der Infektionszahlen eindeutig erklären würden“, antwortet er vielmehr auf die Frage nach denkbaren Ursachen. Außerdem gilt das Nachbarland Tschechien seit dem 23. September als Hochrisikogebiet mit Reisewarnung und Beschränkungen des kleinen Grenzverkehrs.

Alles übertrieben

Niemand verfügt über schlüssige Belege, und es gibt erst recht keine wissenschaftlichen Studien über Zusammenhänge zwischen kulturellen, sozialen, politischen Einstellungen und Verhaltensweise und den regional unterschiedlichen Infektionszahlen. Noch nicht. Und doch legen auffällige Korrelationen und Indizien gerade auf diesem Feld am ehesten einen Erklärungsversuch nahe.

Das muss ausgerechnet auch die Deutsche Bank geahnt haben, als sie eine Studie „Robuste Deutsche? Wie die Bundesbürger die Corona-Krise meistern“ beim Meinungsforschungsinstitut Ipsos in Auftrag gab. Die Erhebung stammt allerdings noch aus der zweiten Septemberhälfte, als die zweite Infektionswelle erst in der Ferne zu rauschen begann. 14 Prozent der Sachsen stimmten der Aussage zu: „Eine Krise gibt es doch aktuell nicht. Da wird viel dramatisiert und das dauernde Sprechen über die Krise ist überzogen.“ Ebenfalls ein Spitzenplatz, gefolgt von Sachsen-Anhalt mit 9 Prozent Zustimmung. In ganz Deutschland teilen im Durchschnitt nur 6 Prozent diese Sorglosigkeit. Sachsen ließen sich eben besonders ungern von Fakten irritieren, wurde schon vor der Krise kolportiert.

Schaut man sich daraufhin die sächsische Corona-Karte an, fallen regionale Häufungen auf, die nach einer Interpretation rufen. Bei den Neuinfektionen der vergangenen Woche treiben der Erzgebirgskreis, der Landkreis Bautzen und die Landeshauptstadt Dresden die absoluten sächsischen Zahlen nach oben. Diese südlichen Kreise einschließlich der Sächsischen Schweiz und des Kreises Görlitz führen auch die Sieben-Tages-Inzidenzstatistik an. Es sind dies genau die Regionen, in denen die Ignoranz gegenüber der Pandemie-Gefahr am weitesten verbreitet ist. Hier erzielte die AfD bei den Landtagswahlen vor einem Jahr ihre sächsischen Spitzenergebnisse.

Keine Masken im Hotel

Mit dieser auffälligen Kongruenz konfrontiert, weist ein Sprecher des Dresdner Universitätsklinikums einen kausalen Zusammenhang zurück. Das „Multifaktorielle Geschehen“ bleibe den Nachweis schuldig, dass sich Menschen beispielsweise in Ostsachsen weniger gründlich schützen würden, stimmt er in den Chor der Ratlosen ein. Aus dem Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena heißt es nach ersten Berechnungen auf Ebene von 400 Landkreisen und kreisfreien Städten: „Die Korrelation zwischen AfD-Wahlergebnis bei der Bundestagswahl 2017 und der Coronainzidenz laut Robert-Koch-Institut vom 4. Dezember“ sei „statistisch stark und signifikant“, besonders in Sachsen, ergebe aber noch längst keine Kausalität. Weitere Untersuchungen seien nötig.

Überrascht, dass es gerade diese Regionen besonders trifft, zeigt sich aber auch niemand. Spitzenreiter Erzgebirge ist bekannt für ein zwar ebenfalls erodierendes, aber noch relativ intaktes Familien-, Gemeinschafts- und Kirchenleben. Das „hutzn giehe“, also das gemütliche Beieinanderhocken, ist nicht nur zur Weihnachtszeit beliebt. Das Erzgebirge bleibt ohnehin von fast allen Veränderungen unberührt, also auch vom heimtückischen Virus, war noch im Sommer eine verbreitete Sorglosigkeit zu spüren.

Rico Gebhardt, Linken-Fraktionsvorsitzender im Landtag, ist in Annaberg zu Hause. Er berichtet von Genossen, die eher der Querfront zuneigen und die Aufregung um eine angebliche Pandemie auch nicht verstehen. In einem Hotel in Markersbach fand er im Oktober niemanden, der eine Maske trug. Und im kleinen Aue brachte der NPD-Mann Stefan Hartung, der schon die „Lichtelläufe“ gegen Flüchtlinge organisierte, immerhin 600 Verweigerer auf die Straße.

In der heimattreuen Lausitz stehen bis heute jeden Sonntag zwischen 10 und 11 Uhr südlich von Bautzen in den Dörfern entlang der Bundesstraße 96 Hunderte Fahnen schwenkende Protestierer. Mischt man sich radelnd incognito unter sie, hörte man im Sommer Glaubensbekenntnisse, die die schlimmen Frühjahrsbilder aus Italien mit denen der angeblich gefakten ersten Mondlandlandung verglichen. Bautzener Schaufensterplakate laden zum Ladenbesuch auch ohne Maske ein. Der regionale AfD-Bundestagsabgeordnete Karsten Hilse wurde in Berlin am Rande einer Demonstration festgenommen.

Auffallend stark betroffen sind katholische sorbische Gemeinden. Intern rechnet man beim Sorben-Dachverband Domowina Inzidenzwerte um 2.000 hoch. Der Domowina-Vorsitzende Dawid Statnik vermutete gegenüber dem ZDF traditionelle und resistente Verhaltensmuster als ursächlich. Starke soziale Bünde und Mehrgenerationenwohnen zählten dazu, und vielleicht hätten die Lausitzer „Corona etwas unterschätzt“.

Dass solches Unterschätzen Folgen haben kann, deutete in der MDR-Diskussionsrunde Fakt ist! sogar Ministerpräsident Michael Kretschmer an. „Zu viele haben nicht die richtige Haltung und ermöglichen so eine Infektion“, schimpfte er und brachte aus seiner Heimatstadt Görlitz gleich ein anschauliches Beispiel. Er habe erlebt, dass Bürger nicht über ihren Schutz, sondern über Schlupflöcher diskutierten, wie man unentdeckt nach Polen reisen könne.

Indessen wollen die „Querdenker“ am Sonnabend wieder in Dresden demonstrieren. Sie werden sich nicht davon beeindrucken lassen, dass das überfüllte Städtische Klinikum mit seinen beiden Häusern derzeit keine Covid-19-Patienten mehr aufnehmen kann. Vermutlich auch von keiner noch ausstehenden Studie, die einen Zusammenhang der Inakzeptanz von Schutzvorschriften mit explodierenden Infektionszahlen nachweist.

Michael Bartsch arbeitet als freier Journalist und Autor in Sachsen



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Von Veritatis

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