Mit einer ergreifenden, sechsminütigen Dankes-Ansprache verabschiedete sich Ende Oktober der ehemalige Präsident Uruguays, José Pepe Mujica, von der offiziellen Politik. Der seit 2015 amtierende und wiedergewählte Senator begründete die Unterbrechung seines Mandats mit dem Corona-Virus. „Die Pandemie schlägt mich in die Flucht. Senator zu sein bedeutet, mit Menschen zu reden und überall hin zu gehen“, was er jetzt nicht dürfe. „Das politische Spiel findet nicht in Abgeordnetenbüros statt, und ich bin von allen Seiten durch doppelte Umstände bedroht: durch das Alter und durch chronische immunologische Erkrankungen“, erklärte der 84-jährige Star-Politiker. Von Frederico Füllgraf.

Das Attribut „Star“ ist keine sensationalistische Überhebung der Boulevard-Presse, sie ist nicht übertrieben. Mythenforscher wie Joseph Campbell würden den Werdegang der literatur- und filmreifen Figur Mujicas als „Stationen der Heldenreise“ bezeichnen. Zur Andeutung sollte der Hinweis reichen, dass der ehemalige Präsident 15 Jahre als politischer Gefangener hinter den Gittern der uruguayischen Militärdiktatur der 1970er und 1980er Jahre verbrachte, bevor er ins Leben und in die Politik zurückkehrte. Der serbische Filmemacher Emir Kusturica bezeichnete Mujica als „den letzten Helden der Politik“ und widmete ihm den Dokumentarfilm „Pepe, ein erhobenes Leben“, der auf dem Filmfestival von Venedig 2018 debütierte. Der Uruguayer Álvaro Brechner drehte den Spielfilm „Die zwölfjährige Nacht“ über die Haftzeit Mujicas und seiner Genossen Eleuterio Fernández Huidobro und Mauricio Rosencof als Geiseln der uruguayischen Militärs. Auch dieser Film gehörte zur offiziellen Auswahl der Filmfestivals von Venedig und San Sebastian und konkurrierte für die Goya-Verleihung in Spanien.

Geiseln? Ja, den Häftlingen drohte Folter oder Hinrichtungstod, sollte die Tupamaro-Guerilla auch nur einen einzigen Militär antasten. Die Geiselnahme zeigte Wirkung, die Tupamaros zogen sich zurück und ihr bewaffneter Widerstand wurde bereits Ende der 1970er Jahre mit Hilfe des US-amerikanischen CIA von den Zahnrädern der Foltermaschinerie zermalmt. Elf Jahre seines Lebens verbrachte Mujica in einer 3,5 Quadratmeter engen Einzelzelle, oft in Handschellen, den eigenen Urin trinkend, unter Dauerbeleuchtung gesetzt, die den Unterschied von Tag und Nacht aus der Wahrnehmung löschte.

Als Gastredner bei hunderten Auftritten besitzt der Uruguayer das rhetorische Talent, quer durch Jung und Alt sein Publikum von den Stühlen zu reißen, wie seine Ansprache während einer Wahlveranstaltung von 2019 des inzwischen amtierenden argentinischen Präsidenten Alberto Fernández deutlich macht.

Im Jahr 2016 bot ihm die Deutsche Welle eine wöchentliche Video-Kolumne mit dem Titel Südliches Bewusstsein: die Welt aus der Sicht Pepe Mujicas. Die maximal dreiminütige, wöchentliche TV-Spalte wurde drei Jahre lang von einem Team im Privatgarten des Politikers im legeren Stil des Protagonisten aufgenommen, verlagerte sich jedoch nach Ausbreitung der Covid-19-Pandemie ins Hausinnere Mujicas als Skype-Sendung und wurde seit September des auslaufenden Jahres immer seltener.

Wie von ihm selbst in seiner Abschiedsansprache angedeutet, leidet der ehemalige Präsident und Senator seit Jahren unter einer unheilbaren immunologischen Krankheit. Autoimmun-Infektionen brechen dann aus, wenn das Immunsystem selbst versehentlich gesunde Zellen im eigenen Körper angreift. Selbstverständlich hatte der Uruguayer seinen letzten Krankenhaus-Aufenthalt in Erinnerung, als er im November 2017 wegen eines immunologischen Kollapses im Rollstuhl eingeliefert und 36 Stunden lang ärztlich überwacht wurde. Mujica wollte diesmal kein Risiko eingehen und beschloss nach Ausbreitung des Corona-Virus, sich auf sein kleines landwirtschaftliches Gut am Rande Montevideos zurückzuziehen.

„Nach dem Virus wird nichts sein wie gestern”

„Liebe Freunde der Deutschen Welle, ich habe seit mehr als zwanzig Tagen nicht mehr das Haus verlassen, weil ich alt bin, immunologische Probleme habe, dem Grab nahe bin, doch das Leben liebe und es dem Sensenmann nicht leichtmachen werde …“.

Ironisch und gut drauf, sorgte der 84-jährige uruguayische Politiker mit einer improvisierten Skype-Übertragung aus einem Schuppen für Aufsehen, als er den Umgang der westlichen Regierungen mit der Pandemie kritisierte. Eines sei klar, so Mujica: „Dieses Virus ist das globalisierteste Wesen aller Zeiten. Ob reiche oder arme Länder, es lässt keinen Kopf auf den Vogelscheuchen sitzen. Zum anderen erleben wir die Folgen der langjährigen Kritik am Staat, weil es einerseits eine sowjetische Staatsformel gab, die glaubte, alles mit dem Staat gelöst zu haben. Doch dann tauchten die Ultraliberalen auf, die im Grunde überhaupt nicht liberal sind, weil sie jede Form von Diktatur befürworten und glauben, dass der Staat auf ein Minimum reduziert werden muss. Doch jetzt, wo die Kartoffeln anbrennen, rufen alle nach dem Staat: ´Gib mir dieses, fordere Disziplin, lass dieses und mach das andere´, und so weiter. Unser eigentlicher Kampf sollte sein, dass wir das Beste im Staat erkennen und von ihm fordern, denn in Wirklichkeit ist der Staat ein kollektiver Wert, den wir besitzen und brauchen. Und warum ist er es? Weil der Markt dies nicht leisten kann … Die Welt wird (Anm.: nach dem Virus) nicht dieselbe sein. Wir müssen lernen, das Leben anders anzupacken. Die Frage ist, wieviel wird es uns kosten und welchen Preis werden wir zahlen, bis zu dem Tag, an dem die Wissenschaft uns eine Reihe von Antworten gibt, die heute noch lange nicht verfügbar sind. Es kann dem Homo sapiens auch helfen, etwas bescheidener aufzutreten und zu lernen, dass die Natur befolgt und respektiert werden muss“, warnte er.

Der lateinamerikanische Armutsbekämpfer und Integrationist

Als José „Pepe“ Mujica Cordano nach fünfjähriger Amtszeit im März 2015 die Präsidentschaft an seinen Vorgänger und Nachfolger Tabaré Vásquez abtrat, hatte Uruguay eine historische soziale, bildungs- und rechtspolitische Wende vollzogen. Die sogenannte „moderate Armut“ von Ende der 1990er Jahre war von 40 Prozent auf weniger als 10 Prozent und die soziale Ungleichheit empfindlich abgebaut worden. Mit dem „Juntos“-Programm („Zusammen“) für den Sozialen Wohnungsbau förderte die Regierung Mujica den Bau tausender Häuser für Minderbemittelte, während die Arbeitslosigkeit einen historischen Rückgang und der Mindestlohn umgekehrt mit einer nachhaltigen Einkommenssteigerung gefestigt wurden. Zusammengenommen und in Relation gesetzt, förderte diese Politik die Herausbildung der robustesten und zahlenmäßig stärksten Mittelschicht in Lateinamerika sowie die Rangführung des Human Development und des Human Opportunity Index, was publizistische, jedoch oft kritische Stimmen des „Marktes“, wie den Londoner The Economist, im Jahr 2013 dazu veranlasste, Mujicas Uruguay zum „Land des Jahres“ zu küren.

Geradezu avantgardistisch, nicht nur im lateinamerikanischen, sondern im Weltmaßstab, stärkte die Regierung Mujica identitäre Rechte, wozu die Legalisierung der gleichgeschlechtlichen Ehe, die Entkriminalisierung sowohl des freiwilligen Schwangerschaftsabbruchs als auch des Cannabis-Konsums gehörten. Letztere Maßnahme war jedoch nur ein Nebenaspekt der eigentlichen, aggressiven Politik, den kriminellen Drogenkartellen „den Markt zu entreißen“ (Mujica), ihn zu verstaatlichen und den Drogenkonsum unter gesundheitspolitische und nicht wie bislang unter polizeiliche Überwachung zu stellen; Entschlüsse und Erfolge, die auch noch Jahre danach kontrovers diskutiert werden.

Kein Blatt vor dem Mund: auf Kollisionskurs mit der kolumbianischen Rechten und der venezolanischen Linken

Im Bunde mit den progressiven Präsidenten im ersten Jahrzehnt des neuen Millenniums – Hugo Chávez (Venezuela), Néstor Kirchner (Argentinien), Luis Inácio Lula da Silva (Brasilien), Rafael Correa (Ecuador) und Evo Morales (Bolivien) – spielte Pepe Mujica eine zentrale außenpolitische Rolle bei der Gründung der Union der Südamerikanischen Nationen (spanisch: UNASUR) und der Gemeinschaft der Lateinamerikanischen und Karibischen Staaten (CELAC), beide als Pendant zur von den USA gegründeten und in Washington ansässigen Organisation der Amerikanischen Staaten (OAS/OEA).

Als internationaler Vermittler diente der ehemalige uruguayische Präsident auch bei der Ausarbeitung des Friedensabkommens zwischen der kolumbianischen Regierung und den FARC-Guerillas, von denen seit ihrer Waffenniederlegung im Jahr 2016 nicht weniger als 250 ehemalige Partisanen von straflos gebliebenen „Unbekannten“ ermordet wurden. Mujica hat den von der kolumbianischen Rechten boykottierten und gescheiterten Friedensprozess wiederholt scharf kritisiert. „Wenn wir nicht in der Lage waren, diejenigen zu beeinflussen, die Kolumbien dazu veranlassen, eine historische Wende eines endlosen Konflikts zu unterstützen, wenn die kolumbianische Regierung zum zweiten Mal die Vereinbarungen verletzt, sind die Konsequenzen für die Zukunft, offen gesagt, unvorhersehbar“, beklagte der Uruguayer.

Von unterkühlt bis harsch entwickelte sich jedoch auch Mujicas Verhältnis zum regierenden Chavismo in Venezuela. Während ihn eine enge, wenngleich debattenreiche Freundschaft mit dem 2013 verstorbenen Präsidenten Hugo Chávez verband, rückte Pepe Mujica in den vergangenen Jahren sichtlich von Chávez-Nachfolger Nicolás Maduro ab. Weit davon entfernt, den politischen Offensiv-Kurs der ultrakonservativen, US-freundlichen und OAS-gesteuerten „Lima-Gruppe“ nachzubeten und auf die Gefahr eines Interventionskrieges hinzuweisen, fordert der uruguayische Ex-Präsident allgemeine Wahlen mit starker internationaler Überwachung in Venezuela. Mujica zweifelt nicht daran, dass die USA aus geopolitischen Gründen dazu bereit seien, in Venezuela einzugreifen, um Chinas Einfluss auf dem gesamten Kontinent einzudämmen. Mit einem Seitenhieb gegen Nicolás Maduro, den er als „verrücktspielende Ziege“ bezeichnete, warnte Mujica, „ein Teil der lateinamerikanischen Linken lehnt es stur ab, Lehren aus der Geschichte zu ziehen“. Der Distanzierung Mujicas von Maduro schlossen sich längst linke Politiker wie die gestürzte brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff, der kolumbianische Ex-Guerillero und Präsidentschaftskandidat Gustavo Petro sowie der argentinische Präsident Alberto Fernández an.

Doch zurück zum rauschenden Applaus: Was macht wirklich Pepe Mujica so populär?

Der „leichte Rucksack“ gegen die Anbetung des Marktes: vom Guerillero zum Anhänger Senecas für den asketischen Lebensstil

Nur wenige Überlegungen lassen sich mit der scharfsinnigen Kritik des ehemaligen uruguayischen Staatschefs an der Konsumgesellschaft vergleichen. Mujica übt eine erweiterte antikapitalistische Kulturkritik und setzt der Konsumgesellschaft die Forderung nach einem anderen Lebensstil entgegen, der den Widerstand gegen den gesteuerten Konsum mit dem Imperativ des Umweltschutzes verbindet. Doch es bleibt bei Mujica auch nicht beim Diskurs und schönen Worten: Der ehemalige Untergrundkämpfer lebt, was er predigt, und diese Kohärenz macht ihn quer durch alle Altersgruppen so glaubwürdig und attraktiv.

Mit verheerenden Auswirkungen auf Individuum und Gemeinde ist „die Konsumgesellschaft heute die stärkste Kolonisierungskraft“, warnt Mujica. Der grausame Konsumrausch verpflichte das Individuum zu dauerhafter Abhängigkeit von der Arbeit, womit sich der Mensch wiederum von der Freiheit entfremde. Dies geschehe zum einen wegen der absoluten Notwendigkeit zur Bestreitung des Lebensunterhalts, doch zum anderen auch durch einen unerklärlichen Drang und Zwang, neue Dinge zu kaufen; „zu kaufen, zu kaufen und zu kaufen …“ Und sich zu Schulden, Kreditkarte und Raten zu verpflichten. Diese Entfremdung werde medial mit der Dauerwerbung für das „Glück“ verstärkt, das als dauerhafter Zustand mit der Notwendigkeit gleichgesetzt wird, zwanghaft zu kaufen.

Soll das etwa Inhalt und Sinn des Lebens sein? Die Rechnung geht nicht auf, denn mit der Mehrarbeit für den Mehrerwerb wurde Lebenszeit verbraucht. Doch Leben kann man nicht in einem Einkaufszentrum oder Supermarkt kaufen. Was verbraucht wurde, ist pfutsch, so Mujica. Und das liest sich wie das Einmaleins von Karl Marx‘ Entfremdungs- und Mehrwert-Theorie. „Das ist die Kultur, die uns unterwirft, tyrannisiert, uns in unserer Zeitgestaltung beherrscht“, sagt der Uruguayer. Dieses Herrschaftsritual ist nicht zufällig, geschweige denn unschuldig.

„Das System verlangt, dass wir Handys, Turnschuhe, Marken, Autos, Kreuzfahrten für ahnungslose Touristen mit wenig soziologischer Vorstellungskraft, Häuser mit skurrilen symbolischen Konnotationen und unendlich unnötige Autos lieben lernen… Und denken Sie an Folgendes, das Einfachste: Wie Sie die unerschwingliche Zeit Ihres Lebens verbringen, ist die zentrale Frage Ihrer Existenz. Es ist das, was Glück oder Entfremdung in diesem wunderbaren Abenteuer des Lebens erzeugen wird. Die tiefste Ursache für das gegenwärtige Unglück ist, dass wir schrecklich allein sind. Einige Jahrhunderte Kapitalismus haben uns Technologie, Individualismus und Fortschritt beschert, aber wir haben unseren geselligen, sozialen Zustand verloren. Wir befinden uns an einem Kreuzpfad. Der einzige Kampf, den wir anbieten können, ist kultureller Natur: mehr Betrachtung der Natur und weniger Zeitaufwand fürs Einkaufen! Mehr Sein und weniger Schein. Wir müssen bewusst vermeiden, aufgesogen zu werden. Keine Regierung, kein Markt kann uns „Glück“ geben. Wirkliches Glück braucht Zeit, Umgebung, Räume zum Nachdenken, zur Wiederherstellung von Gefühlen, Worten, Gedanken und Zuneigungen. Aber das ist nicht kompatibel mit den Millionen Pesos, die durch den Kauf von Dingen aus unserer Tasche gezogen werden. Anstatt die Globalisierung zu regieren, regiert sie uns. Und der perfekte Plan des Neoliberalismus wird auf Kosten dieses neuen, undurchsichtigen, entfremdeten und gelittenen Lebens erfüllt“, mahnt Pepe Mujica, und spricht den Leuten aus den langsam wachgerüttelten Herzen.

Nachwort: Uruguay verliert an diesem Jahresende 2020 gleich zwei ehemalige progressive Präsidenten. Nach Mujicas Rückzug aus der Politik verstarb am 6. Dezember sein 80-jähriger Vorgänger und Nachfolger Tabaré Vásquez an den Folgen eines Lungenkrebses.

Titelbild: ymphotos/shutterstock.com



Source link

Von Veritatis

Schreibe einen Kommentar