Was kann Literatur? Das Werk von Paul Auster hat viele Antworten auf diese Frage parat: die ungelebten Möglichkeiten eines einzelnen Lebens durchdenken, wie er es anhand der vier Versionen der Geschichte von Archie Ferguson in seinem über 1.000-seitigen Roman 4 3 2 1 tut. Diese Literatur entwirft ein komplexes Bild eines bestimmten Lebensgefühls von New York. Sie lässt ein Zeitbild entstehen, wie in der New-York-Trilogie. Und sie bewegt. Ich erinnere mich, wie bei einer Pressereise durch Ungarn 2009 eine ältere Journalistin aus Tel Aviv beim Aussteigen aus dem Bus weinte. Ich fragte sie nach dem Grund, und sie antwortete: „Ich lese Invisible von Paul Auster und bin ergriffen.“

In seiner Rede zur Verleihung des Prinz-von-Asturien-Preises sagt Auster zu der Frage „Was kann Literatur?“, es sei gerade die Nutzlosigkeit der Kunst, die ihr ihren Wert verleihe. In dem Umstand, dass man etwas aus reinem Vergnügen und um der Schönheit des Tuns willen tut, mit keinem anderen Ziel als dem, es so gut zu machen, wie man kann, liege ihr Vermögen begründet. Die Rede ist abgedruckt im nun erschienenen Band Mit Fremden sprechen, der Notizen, Reden und Essays Austers aus 50 Jahren versammelt.

Dieses leidenschaftliche Plädoyer für das Ästhetische, für das Nutzlose findet man in der Auswahl der Texte, die Auster selbst vorgenommen hat, in vielen Formen realisiert: in feinfühligen Essays zu Werken bekannter Autoren, etwa Paul Celan, Franz Kafka, Georges Perec und Giuseppe Ungaretti, und weniger bekannter, wie Charles Reznikoff, für den Auster sich genauso einsetzte wie Reznikoff für Auster. Oder zu Edmond Jabès’ Buch der Fragen, aus dem Auster eine „Poetik der Abwesenheit“ abliest, und über Laura Riding Jackson, die es hierzulande in Sachen Unbekanntheit mit der kürzlich mit dem Literaturnobelpreis bedachten Louise Glück aufnehmen kann. Austers Essays widmen sich oft Momenten befremdenden Entzückens, die beim Lesen entstehen. Momenten, die „jenes Staunen und Glücksgefühl einfangen, das uns überkommt, wenn wir zum ersten Mal etwas lesen, das die Welt für uns verändert, das uns die unendlichen Möglichkeiten zeigt, was ein Buch alles sein kann“, wie es in den Postkarten für Georges Perec heißt. Sie untersuchen stilistische Eigenheiten, wie der Essay Von Kuchen zu Steinen, in dem Auster über Samuel Becketts Wechsel von der englischen zur französischen Sprache als der seiner Bücher nachdenkt. Wer Romane Austers gelesen hat, wird mit diesen Essays besser verstehen, warum er so schreibt, wie er schreibt, wenngleich oder gerade weil Auster sein eigenes Schreiben kaum je explizit ins Verhältnis zu den besprochenen Werken setzt. Es überwiegt eine aufs Fremde gerichtete Bewunderung.

An einer Kasse in Brooklyn

Haben wir es also zu tun mit den Reflexionen eines Mitglieds im „Verein einer geheimen Bruderschaft von Einsiedlern, Eigenbrötlern und Verrückten, von Männern und Frauen, die die meiste Zeit in kleinen Zimmern hocken und mühsam Worte zu Papier bringen“, wie Auster Autoren charakterisiert? Womöglich mit einem Weltfremden, der inmitten einer immer stärker digital verwalteten Welt seine Texte noch immer auf einer Olympia-Reiseschreibmaschine aus dem Jahr 1974 schreibt? Auster erweist sich in seiner Rolle als homo scripturus, wie er sich in Die Geschichte meiner Schreibmaschine selbst bezeichnet, auch als homo politicus. Indem er leidenschaftlich plädiert für das Nutzlose und Schöne, indem er den atemberaubenden Hochseilakt literarischen Schreibens feiert, den man gespiegelt findet in seiner Begeisterung für den französischen Hochseilkünstler Philippe Petit, der zwischen den Türmen von Notre-Dame ebenso balancierte wie zwischen denen des World Trade Center, deren Einsturz Auster als Ankündigung von „mehr Gewalt, mehr Tod, mehr Schmerz und Leid für alle“ sieht, als endgültigen Beginn des 21. Jahrhunderts.

Wenn er die Hingabe ans Ästhetische im Versuch, Erlebtes, Wahrgenommenes, Gedachtes in Sprache zu fassen, und den Rückzug des Schreibenden aus der Welt zelebriert, verkehrt sich der Rückzug in eine Bewegung in Richtung einer Welt, die sich wandelt, ständig vom Verschwinden bedroht ist. Diese Bedrohung wird durch das Erzählen und Schreiben gemildert. Wie das geschehen kann, zeigt sich besonders an Austers Antwort auf die Frage der New York Times Book Review nach seinen Lieblingsgeschichten über New York. Er schildert den Besuch eines von einem chinesischstämmigen Inhaber geführten Schreibwarenladens in Brooklyn. Dort habe er an einem frostigen Nachmittag seine Einkäufe bezahlen wollen. Seine Nase lief. Die aus Jamaika stammende Kassiererin habe aus ihrer Kleenexschachtel ein Tuch gezogen und ihm sachte die Nase geputzt. Die Geste habe er nicht als distanzlos, sondern als freundlich empfunden.

Was Auster 2017 im Interview als entschiedenes Plädoyer für eine Einwanderergesellschaft formuliert wissen wollte, ließe sich im Winter 2020 nicht mehr als Ausdruck einer unschuldig-zugewandten Absicht der Kassiererin erzählen. Indem die Geste mit der Pandemie ihre Unschuld verloren hat, wächst ihr eine neue Dimension zu, gewinnt sie in ihrer Historizität an Eindrücklichkeit, bekommen Austers Worte eine zusätzliche Bedeutung. Man landet mit der Lektüre von Mit Fremden sprechen unversehens von einer ganz anderen Seite her im 21. Jahrhundert, das „mehr Gewalt, mehr Tod, mehr Schmerz und Leid für alle“ mit sich bringt.

Mit Fremden sprechen. Ausgewählte Essays und andere Schriften aus 50 Jahren Paul Auster Werner Schmitz, Marion Sattler Charnitzky, Andrea Paluch, Robert Habeck, Alexander von Pechmann (Übers.), Rowohlt 2020, 416 S., 26 €



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Von Veritatis

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