Dresden.

Zuerst ist da nur Pianoflüstern und das innig tiefe Raunen einer lebensverletzten Stimme: Musik, wie man sie als Atmosphäre vieler aktueller Fernsehserien kennt. Doch dann wächst “Growing Pains”, der Opener von “Human Touch”, in die Höhe, windet sich dornensanft in einen freien Chanson – und blüht nach drei Minuten auf als Popsong-Perle von innigem Charme, leicht in der Anmutung und gehaltvoll im Abgang. Doch das ist nur der Anfang: “Human Touch”, das Debütalbum des Dresdner Duos I Want Poetry, reiht eine ganze Kette solcher Stücke aneinander. Mal denkt man an Aurora oder Enya, mal an gesundgeschrumpfte Balladen von 30 Seconds To Mars, und mal meint man, Òlafur Arnalds habe seiner Landsfrau Björk einen besonnenen Alt abgerungen: Und über allem liegt die berauschende Trendferne eigenen Stils; eine feine Eleganz, die man von ganz großen Popkönnern wie Tears For Fears oder Woodkid kennt.

Dass zwar die Band, nicht aber die Protagonisten neu sind, ist bei der Klasse kaum anders denkbar: Sängerin Tine Schulz und Pianist Moritz Eßinger komponieren und musizieren bereits seit 2011 als symbiotisches Duo. Als “Couscous” spielten sie Kleinkunstpop mit Märchenflair. Der war handwerklich bereits gekonnt, allerdings noch nicht die Liga von I Want Poetry. “Als wir 2018 die Songs für das neue Album geschrieben haben, hat sich plötzlich diese neue Richtung entwickelt”, sagt Eßinger: “Da passte nichts mehr zu Couscous, unter dem Namen hätte sich das nicht richtig angefühlt. Für uns gibt es zwischen den Bands keine Verbindung.”

Man merkt den Stücken dabei vor allem ihr organisches Wachstum aus Stimme und Piano an: “Wir schreiben permanent Songs, unsere Gehirne sind diesbezüglich immer an”, sagt Schulz: “Ich springe manchmal sogar abends nochmal aus dem Bett und nehme was mit dem I-Phone auf. Wir halten alles fest und sehen, was sich entwickelt. Am Anfang ist da immer die Bedeutung im Stück. Der Song selbst wächst dann um diese herum.”

Erstmals arbeitete das Duo diesmal mit einem Produzenten: Michael Vajna, der schon Jan Delay oder Malky veredelte, lernte man über eine musikalische Freundin kennen. Mitten in den Aufnahmen im Frühjahr kam dann der Lockdown – was dem Albenkonzept zusätzliche Bedeutung verlieh. Eßinger: “Es geht darum, wie man berührt wird von Menschen; wie die Menschheit insgesamt miteinander verbunden ist.”

Gemischt hat das Album schließlich Kieron Menzies, der bereits seit 2012 Lana del Rey produziert. Schulz: “Wir haben ihn einfach angeschrieben, und die Songs haben ihm so gut gefallen, dass er den Job übernommen hat. Und es war irre zu erleben, was für Kleinode er aus den rohen Spuren gezaubert hat. Es war immer ein großer Tag, wenn ein fertiger Mix aus L.A. ankam.”



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Von Veritatis

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