Nun hat uns also die dritte Welle der grassierenden Selbstgerechtigkeit erreicht. „Wie viele Tote ist uns denn ein Shopping-Erlebnis wert?“, fragt Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller – gewissermaßen stellvertretend für alle Regierenden. Da wird mit moralischen Zeigefingern umher geworfen, dass es das Virus mit der Angst bekommen muss! „Uns“ meint natürlich nicht den Bürgermeister, der selbstverständlich keinen einzigen Tod riskiert, wenn er einkaufen geht. „Uns“, das meint die anderen, die Regierten, also Sie und mich.

Es ist ein herablassendes Sprechen, durchtränkt von der eigenen Rechtschaffenheit, das da von oben aufs Volk herabprasselt und es zusätzlich zu den Maßnahmen niederdrückt. Dieses Volk – Sie und ich – bezahlt den Regierenden Bürgermeister für seine Arbeit, es hat ihn gewählt, damit er sich für das Volk einsetzt, Mitgefühl zeigt, Verständnis, Vernunft. Stattdessen legt der Bürgermeister in populistischer Manier nach: Einkaufen gehen bedeutet nun nicht nur, das Leben anderer zu riskieren, sondern direkt für deren Tod verantwortlich zu sein. Von solch einer Rhetorik können sich die Rechtspopulisten noch eine Scheibe abschneiden. Widerspruch zwecklos, die Moral siegt immer.

Und diese Art, mit dem Volk zu sprechen, soll dann auch noch wissenschaftlich sein. Denn das ist das andere, was zurzeit unsäglich auf die Nerven geht, neben all den moralisierenden Schuldzuweisungen und dem unablässigen Panikverbreiten: die Behauptung, das, was die Politik entscheidet, sagt und tut, sei wissenschaftlich begründet – im Gegensatz zu den tumben Toren außerhalb von Politik und Wissenschaft, die der Aufklärung entgegenstünden. Die letzten Monate zeichnen ein Bild, das an dieser Selbsteinschätzung zumindest Zweifel sät.

Wer Moral, Wissenschaft und Politik vermischt, stiftet Verwirrung

„Ich glaube an die Kraft der Aufklärung“, verkündete pathetisch Bundeskanzlerin Angela Merkel. Setzt mal eben das Konstrukt „Aufklärung“ mit der Wissenschaft gleich und schlägt sich pseudowissenschaftlich auf die Brust. „Dass Europa heute da steht, wo es steht, hat es der Aufklärung zu verdanken, und dem Glauben daran, dass es wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, die real sind und an die man sich besser halten sollte.“

Europa hat es also der Wissenschaft – nicht etwa z.B. dem Kolonialismus, der seinen Rassismus ebenfalls als Wissenschaft vermarktete – zu verdanken, dass es da steht, wo es heute steht, bedroht von Populisten, Rechtsbrüchen, Auseinanderdriften, Klimakatstrophen und Ungerechtigkeit. Laut Kanzlerin gibt es Europa gewissermaßen nur, weil es die Schwerkraft gibt. Die hat die Kanzlerin nämlich auch noch ins Feld geführt: die Schwerkraft und die Lichtgeschwindigkeit, die nicht außer Kraft zu setzen seien. Nicht mal von Corona-Leugnern! Das Volk soll jetzt an die Kanzlerin glauben, weil die an die Schwerkraft glaubt. Und an eine Wissenschaft, die – sonst wäre es keine – ihr Wissen immer nur unter dem Vorbehalt künftigen Wissens produziert. Darin liegt das Wesen der Wissenschaft – und ihr Gegensatz zur Politik. Mit Glauben hat das gar nichts zu tun. Oder mit Bekenntnis.

Wer die Bereiche Moral, Wissenschaft und Politik in einer Weise vermischt, wie es die täglichen Nachrichten aktuell dem Volk zumuten, stiftet nicht nur Verwirrung, sondern untergräbt jedes Vertrauen in politisches Handeln. Und deshalb glaube ich nicht an die Kraft der regierenden Populismus-Phrasen.

Katharina Körting schreibt Prosa und Lyrik. 2018 erschien ihr Roman Rotes Dreieck, 2019 Mein kaputtes Heldentum bei Marta Press



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Von Veritatis

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