“Wenn du durchhängst” komponierte Martin Tingvall vor einiger Zeit für Udo Lindenberg. Das würde im Jahr der Pandemie besser passen als ein Album, das “Dance” heißt. Wobei: Vielleicht lässt sich der Frust ja auch wegtanzen? Wenn auch nur in den eigenen vier Wänden? Seit der 1974 in Schweden geborene Pianist Martin Tingvall nach dem Studium seinen Freund Jürgen Spiegel (Schlagzeug) in Hamburg besuchte, dort hängen blieb und mit dem Kubaner Omar Rodriguez Calvo (Bass) das Tingvall Trio gründete, ist er aus der deutschen Jazz-Szene nicht mehr wegzudenken. Die “karibisch-skandinavische Band aus Hamburg”, wie sie gerne genannt wird (Tingvall und Rodriguez Calvo sind mit Deutschen verheiratet, Spiegel mit einer Schwedin), hat mehrere Echos abgeräumt und stürmt regelmäßig die internationalen Jazz-Charts. Das aktuelle Album ist da keine Ausnahme.

Dabei haben die 13 Tracks nichts mit Dancemusic zu tun. Es gibt keine elektronischen Spielereien wie einst beim legendären Esbjörn Svensson Trio (EST), jenem wichtigen Impulsgeber für etliche junge Klavier-Trios. “Die Idee zu ,Dance’ kam, als wir einen der ersten neuen Songs geprobt haben und es uns tatsächlich schwerfiel, sitzen zu bleiben”, sagt der Pianist, der von sich selbst behauptet, eigentlich gar nicht tanzen zu können. Mal als Reggae (“Ya Man”), mal lateinamerikanisch (“Bolero”), dann aber auch getragen wie ein Altersstück von Gary Peacock (“In Memory”) oder im typischen EST-Sound (“Sommarvisan”) kommen die Songs daher. Einmal mehr beweist Martin Tingvall, der mit besagtem Lindenberg ebenso zusammenarbeitete wie mit Gunter Gabriel oder Inga Rumpf und für etliche “Tatort”-Folgen die Musik schrieb, wie vielseitig er ist: Immer dominieren starke Melodien, sodass seine Musik nicht nur etwas für Jazz-Fans ist. (welf)

Die Alben des Jahres werden von den Musikkritikern und Musikkritikerinnen der “Freien Presse” zusammengestellt.

freiepresse.de/alben2020

 



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Von Veritatis

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