„Ich hätte mich nicht von dir getrennt. Sie haben uns mit Zwang getrennt.“ Diese Sätze stammen aus dem aserbaidschanischen Gedicht Arası ayırdılar, zu deutsch: „Sie haben den Aras getrennt“.

Die Verse haben zuletzt für eine Verstimmung im Iran und für Angriffe aus Teheran auf die Türkei gesorgt. Der türkische Präsident Erdoğan hatte den Sechszeiler zitiert, als er am 10. Dezember anlässlich der Siegesparade der aserbaidschanischen Armee in Baku war. Im Gedicht geht es um die Teilung des Siedlungsgebietes der turkstämmigen Aserbaidschaner entlang des Flusses Aras. Im Vertrag von Turkmanchai, geschlossen 1828, verlor der Iran auch sein letztes Gebiet nördlich des Aras an das Russische Reich.

Rede in Baku

„Wusste er denn nicht, dass er mit diesem Gedicht die Souveränität des Iran infrage stellt“, fragte Irans Außenminister Mohammad Jawad Zarif auf Twitter und fügte hinzu: „NIEMAND kann über UNSER Aserbaidschan sprechen.“ Weitere Reaktionen folgten, aus denen hervorging, dass der Nordwesten Irans, der mehrheitlich von Aserbaidschanern bewohnt wird und den gleichen Namen trägt wie die Republik, integraler Bestandteil der Islamischen Republik bleiben soll: „Ich opfere dir mein Leben, liebstes Aserbaidschan.“ Diesen auf Persisch geschriebene Satz ließ die Stadt Teheran am vergangenen Wochenende samt Staatsflagge auf den Azadi-Turm, das bekannteste Wahrzeichen der iranischen Hauptstadt, projizieren. Stunden zuvor hatte das Parlament mehrheitlich die Rede Erdoğans in Baku verurteilt.

Mahmoud Ahmadi Bighash, ein Hardliner unter den Abgeordneten, sagte, der türkische Präsident spiele die Rolle osmanischer Sultane. Eine fast schon verräterische Aussage, denn sie weist auf das eigentliche Problem hin: Teheran hätte im jetzigen Krieg den Armeniern helfen sollen, damit sich das Kräfteverhältnis nicht derart zugunsten Aserbaidschans verändern konnte.

Unerfüllte Erwartungen

Was Bighash indirekt einräumte: Teheran ist neben Jerewan der zweite große Verlierer des sechs Wochen dauernden Krieges. Die Islamische Republik hat enge Beziehungen zu Armenien und ist in der Region das einzige Land, das Jerewan auf einem direkten Landweg mit Gütern – darunter Waffen – versorgt. Im Gegenzug fungiert Jerewan auf politischer und wirtschaftlicher Ebene als Türöffner und Fürsprecher Teherans, das seit Jahrzehnten international isoliert ist und aufgrund der vielen Sanktionen zahlreiche Güter nicht einführen darf. Anders als von Teheran erwartet, ließ Moskau in diesem Kaukasuskrieg den Iran links liegen und arbeitete stattdessen mit Ankara zusammen, das seinerseits enge Beziehungen zu Baku hat.

Dass Teheran davon überzeugt war, mit einbezogen zu werden, zeigte Ende Oktober 2020 die Stationierung iranischer Truppen an der Grenze zu Armenien und Aserbaidschan. Die Hoffnung, Truppen in das (Nach-)Kriegsgebiet zu entsenden und so wie Russland und die Türkei auf die Region Einfluss zu nehmen, erfüllte sich aber nicht. Stattdessen musste man zusehen, wie Baku, das eng mit Israel, dem Erzfeind des Iran, kooperiert, den Krieg gegen Armenien durch den gezielten Einsatz israelischer Drohnen gewann.

Teheran fühlt sich düpiert und versucht seitdem, sein Gesicht zu wahren und Stärke zu zeigen. Dazu zählen neben Attacken auf politischer und diplomatischer Ebene auch Signale wirtschaftlicher Art. So ist es wohl kein Zufall, dass an dem Tag, an dem Aserbaidschans Präsident Alijew mit Erdoğan in Baku den Sieg über Armenien feierte, die Staatschefs Irans und Afghanistans, Hassan Rouhani und Ashraf Ghani, eine neue Bahnstrecke in der entgegengesetzten Grenzregion einweihten: 220 Kilometer lang, verbindet sie die Städte Khaf in Iran und Ghorian in Afghanistan.

Gebühren entfallen

Doch das kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die veränderte Situation nördlich des Aras Irans schon stark angegriffener Wirtschaft weitere Verluste einbringen wird. Da künftig eine Bahntrasse, die über armenisches Territorium führen soll, die Autonome Republik Nachitschewan mit der Republik Aserbaidschan direkt verbinden wird, werden Bürger der Republik Aserbaidschan nicht mehr den Transitweg über Iran wählen müssen, um die aserbaidschanische Exklave, die zwischen Iran, Armenien und der Türkei liegt, zu erreichen. Auch entfallen dadurch die hohen Gebühren, die Teheran bisher für den Transit gefordert hat.

Darüber hinaus befürchtet der Iran, dass sein freier Grenzverkehr mit Armenien eingeschränkt werden könnte. Bedeutender ist die Tatsache, dass Öl und Gas aus Aserbaidschan dauerhaft über Georgien in die Türkei und nach Europa gelangen kann. Somit ist der Iran als Gaslieferant für die Türkei nicht mehr von Interesse. Hinzu kommt, dass der Plan reift, die Türkei mit Aserbaidschan und über das Kaspische Meer auch mit den zentralasiatischen Staaten, deren Bevölkerung ebenfalls primär turkstämmig ist, zu verbinden. Iran dürfte in dieser Hinsicht ebenfalls als Transitland keine Rolle mehr spielen.

Die Lage des Iran ist seit Jahren verheerend. Die Wirtschaft schwächelt wegen der US-Sanktionen. Es herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit. Junge, oft sehr gut ausgebildete Menschen wollen ins westliche Ausland, weil ihnen im Heimatland Perspektiven fehlen. Es fehlt Freiheit für Männer und Frauen, ebenso für die nicht-persischen Ethnien im Land. Allein 40 Prozent der Iraner sprechen laut dem ehemaligen iranischen Außenminister Ali Akbar Salehi „Türkisch“, was eine Eigenbezeichnung der turkstämmigen Bevölkerung für ihre Muttersprache ist, die hierzulande als Aserbaidschanisch bezeichnet wird.

Obwohl die Verfassung Irans allen Ethnien das Recht gewährt, ihre Sprachen und Kulturen zu pflegen, sieht die Realität anders aus. So sehr die Islamische Republik sich in vielerlei Hinsicht von der Pahlewi-Monarchie, die sie 1979 beerbte, unterscheidet: Die systematische Diskriminierung und Unterdrückung der nicht-persischen Ethnien hat Tradition im Iran. Seit der Absetzung der turkstämmigen Kadscharen im Jahre 1925 war es nicht nur das Ziel der Pahlewis, sondern ist es auch das der Islamisten und der mit ihnen arbeitenden persischen Nationalisten in Teheran, aus dem multiethnischen Iran einen rein persisch geprägten Nationalstaat zu schaffen, in dem Persisch die einzige Sprache ist, die gesprochen wird.

Dass die Islamisten und persischen Nationalisten in Teheran so scharf auf Erdoğan und das von ihm zitierte aserbaidschanische Gedicht „Arası ayırdılar“ reagiert haben, zeigt letztlich auch ihre große Unsicherheit und Angst vor der eigenen turkstämmigen Bevölkerung, die seit fast einhundert Jahren von der zentralistischen Macht in der Hauptstadt daran gehindert wird, sich politisch und kulturell auszudrücken. Eine wichtige, traumatische Erfahrung der turkstämmigen Iraner ist die Erinnerung an die 1945/46 bestehende autonome Republik Aserbaidschan im Nordwesten des Irans, die nach dem Abzug sowjetischer Truppen von der iranischen Regierung aufgelöst wurde. Dabei töteten die Truppen von Mohammed Reza Pahlewi massenweise turkstämmige Iraner, schlossen turksprachige Hochschulen und verbrannten turksprachige Bücher.

444 Jahre Krieg

Der Iran ist politisch und wirtschaftlich in einer Sackgasse und erlebt seit Jahren kulturell eine massive Identitätskrise, die von den Machteliten unterdrückt wird. Die Führung hat den Rückhalt großer Teile der eigenen Bevölkerung verloren. Sie setzt darum auf die persisch-nationalistische Karte, um zumindest die Perser an sich zu binden. Außenminister Zarif twitterte etwa am 14. Dezember: „Alle Iraner – unabhängig von ihrer Ethnie, ihres Dialekts oder ihres Glaubens – haben vereint über 444 Kriege, die ihnen aufgezwungen wurden, infolge unseres Stolzes und jahrtausendealten Geschichte abgewehrt. Ist es dann ein Wunder, dass der Iran das älteste, bestehende Land der menschlichen Zivilisation ist?“ Angesichts der anhaltenden Menschenrechtsverletzungen und der Hinrichtung von Kritikern wie des Bloggers Ruhollah Zam am 12. Dezember wirken Äußerungen wie die von Zarif zynisch und beleidigend.

Es brodelt gewaltig im Kessel Iran. Der Krieg zwischen Armenien und Aserbaidschan hat die Tektonik der Machtverhältnisse zuungunsten Teherans verändert und so den Druck auf das Regime erhöht. Hinzu kommt Irans Identitätskrise, die jetzt offen vor aller Welt liegt. Ein Gedicht hat einen Missstand und indirekt eine Forderung zum Ausdruck gebracht, die nach dem Willen Teherans nicht sein kann, weil sie nicht sein dürfen: Das hohe Maß an Diskriminierung und der damit verbundene Wunsch 40 Prozent turkstämmiger Menschen nach politischer und kultureller Mitbestimmung in ihrem Heimatland Iran.



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Von Veritatis

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