Die Schriftstellerin Petra Morsbach hat einen Essay über das Thema „Machtmissbrauch“ geschrieben. Titel: „Der Elefant im Zimmer. Über Machtmissbrauch und Widerstand“. Der Philosoph, Diplomat und Schriftsteller Nicolo Machiavelli hatte 1513 seine bis heute relevante und zitierte Schrift „Der Fürst“ verfasst. Darin analysiert er, wie Macht in der Wirklichkeit funktioniert und wie sie ein Fürst anwenden sollte, um erfolgreich zu herrschen. Darauf geht der Begriff „machiavellistische Politik“ zurück, der eine skrupellose Machtpolitik meint. Im Prinzip hat Petra Morsbach in ihrem Buch das Gleiche gemacht – nur mit einer umgekehrten Perspektive. Was können Menschen tun, die von Machtmissbrauch betroffen sind? Udo Brandes hat das Buch für die NachDenkSeiten gelesen und meint: eine sehr lohnenswerte Lektüre.

Petra Morsbach ist eigentlich Romanautorin. Deshalb fragt man sich natürlich: Warum hat sie ihr Thema nicht in Form einer fiktiven Geschichte bearbeitet, sondern indem sie drei reale Fälle detailliert analysiert? Die Antwort dazu findet man auf dem Klappentext:

„Man hat mich gefragt, warum ich, die Romanautorin, das Thema nicht fiktiv behandle. Antwort: Die erkundeten Milieus waren so exotisch und die Verwicklungen so reich an Widersprüchen und bestürzenden wie komischen Pointen, dass ich sie als Erfinderin nicht hätte toppen können. Auch hätte mir niemand geglaubt.“

Der erste Fall handelt von Kardinal Hermann Groer. Er war der oberste Würdenträger der Katholischen Kirche in Österreich. Wie sich herausstellte, hatte er über Jahre hinweg ihm anvertraute Jungen und Novizen sexuell missbraucht. Als dies öffentlich wurde, deckte ihn der Apparat zunächst. Und letztlich wurde er nie strafrechtlich belangt.

Im zweiten Beispielt untersucht Morsbach die sogenannte „Modellautoaffäre“. Die Akteure in diesem Fall: Die CSU-Politikerin Christine Haderthauer und ihr Ehemann Dr. Hubert Haderthauer. Das Ehepaar hatte nebenberuflich eine Firma gegründet, die mit extrem hochwertigen Modellautos mutmaßlich Gewinne im hohen sechsstelligen Bereich erwirtschaftete (die genaue Summe wurde nicht geklärt). Produziert wurden die Autos von Häftlingen, die in einer forensischen Landesklinik in Bayern untergebracht waren – im Rahmen von deren Arbeitstherapie. Diese Arbeitstherapie unterstand dem Psychiater Dr. Hubert Haderthauer. Oberste Dienstherrin der Klinik (als Sozialministerin) wurde schließlich ausgerechnet Christine Haderthauer. Auf Betreiben der Opposition wurde deshalb ein Untersuchungsausschuss im Bayrischen Landtag eingesetzt. Dessen Arbeit analysiert Petra Morsbach in ihrem Essay detailliert. Denn auffällig war, dass die Opposition nach Einsetzung des Ausschusses plötzlich keine Lust mehr hatte, nähere Details der Affäre ans Tageslicht zu bringen. Das Ehepaar Haderthauer kam trotzdem nicht ganz so glimpflich weg wie der Kardinal. Beide erhielten Strafbefehle (Geldstrafen) und sind damit juristisch betrachtet vorbestraft.

Die Duldung von Machtmissbrauch ist kein Einzelfall

Den dritten Fall hat Petra Morsbach am eigenen Leib erlebt und dokumentiert. Sie ist Mitglied der bayrischen Akademie der Schönen Künste. Diese ist gegliedert in fünf Abteilungen, eine pro Kunstsparte: Bildende Kunst, Darstellende Kunst, Film- und Medienkunst, Literatur und Musik. Die Akademie wird vom bayrischen Staat finanziert und hat grob zusammengefasst die Aufgabe, die Kunst und die Auseinandersetzung zwischen Kunst und Gesellschaft zu fördern. Das Direktorium dieser Akademie erließ eines Tages die Regel, dass die Künstler ihre eigenen Bücher in Veranstaltungen der Akademie nicht vorstellen dürfen. Was bis dato problemlos möglich war. Und auch ein wichtiger Teil der Arbeit in der literarischen Sparte. Petra Morsbach wunderte sich, dass dies fast alle ihre Schriftstellerkollegen widerspruchslos hinnahmen. Dieses Erlebnis war der Ausgangspunkt für ihre Recherchen zu dem Buch. Sie fragte sich, warum die Betroffenen ihre Freiheit und ihre Rechte nicht nutzten. Und kam zu dem Ergebnis: Ihr Erlebnis in der Akademie war kein spezieller Einzelfall, sondern eher die Normalität in Fällen von Machtmissbrauch. In Bezug auf den Fall des Kardinals Hermann Groer und die in den Fall verwickelten Bischöfe kommt sie zu dem Ergebnis, dass diese lange Zeit vor den ersten öffentlichen Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs bereits Bescheid gewusst haben:

„Noch mal in aller Deutlichkeit: Den Bischöfen müssen die Vorwürfe lange vor dem ersten profil-Artikel bekannt gewesen sein. Es gab jahrzehntelang Gerüchte“ (S. 42).

Leugnen und Angriffe statt sachliche Aufklärung

Aber wie haben sie darauf reagiert? Indem sie die Straftat verleugneten und stattdessen die aufdeckende Presse massiv angriffen. Die Wiener Weihbischöfe Helmut Krätzl und Christoph Schönborn erklärten in einer Stellungnahme kurz vor dem Erscheinen eines Interviews des Magazins „profil“ mit einem der Opfer des Kardinals:

„Wo sind wir hingekommen? Seit der Zeit des Nationalsozialismus, als Priesterprozesse unter dem Vorwand homosexueller Verfehlungen geführt wurden, hat es in Österreich derlei Verleumdungspraktiken gegen die Kirche nicht mehr gegeben. Auf das Entschiedenste muss ein sogenannter ‚Enthüllungsjournalismus’ zurückgewiesen werden, der den Angeschuldigten wehrlos entehrenden Verdächtigungen ausliefert. Wir appellieren an alle recht und billig denkenden Menschen in unserem Land, gegen solche menschenunwürdigen Praktiken (…) Widerstand zu leisten. Es geht um die Würde eines Menschen, die Ehrfurcht vor seinem geistlichen Amt, und es geht nicht nur um die Kirche, sondern um Österreich“ (S. 29).

Und aus Sicht der katholischen Bischöfe nicht um die Opfer, möchte man anmerken. Und das gilt ja leider bis heute. Immer wieder verhindert die Katholische Kirche auch in Deutschland eine Aufklärung. Erst jüngst war dies im Erzbistum Köln der Fall. Dort hält die Katholische Kirche das Gutachten einer Münchner Kanzlei unter Verschluss. Dem Kölner Erzbischof Rainer Maria Woelki wird außerdem aktuell vorgeworfen, dass er Maßnahmen zur Aufklärung sexueller Belästigung durch einen inzwischen verstorbenen Geistlichen nicht ergriffen habe. Wie ist so etwas zu erklären? Mosbach schreibt dazu:

„Es scheint absurd und unglaublich, dass renommierte Leistungsträger, die so gewaltige Agenden verantworten, es nicht fertigbringen, ein entgleisendes Mitglied zur Ordnung zu rufen. Und doch ist es der Normalfall. Selbst wenn das deregulierte Mitglied sie alle und die ganze Firma gefährdet, solidarisiert sich das Gremium mit ihm, befeuert dadurch noch den Machtmissbrauch des Delinquenten, macht sich mitschuldig und wird in der Folge darauf achten, nur Leute zuzuwählen, die die verdorbene Kultur billigen. Genau dieses Phänomen ist das Rätsel, mit dem wir uns hier beschäftigen“ (S.43).

Doppelte Buchführung für das korrupte Gewissen

Aber wie ist es psychologisch zu erklären, dass ausgerechnet in einer Institution wie der Katholischen Kirche von Mitarbeitern bzw. Funktionären schwerste Verbrechen gedeckt werden? Schließlich ist sexuelle Gewalt gegenüber Minderjährigen und Novizen, also quasi Azubis, kein kleines Delikt wie falsche Spesenabrechnungen. Und die Katholische Kirche beansprucht, die moralische Anstalt schlechthin zu sein. Morsbach erklärt dies durch ein psychologisches Phänomen, das sie „doppelte Buchführung“ nennt:

„(…) eine normale individuelle Psychotechnik ist in solchen Fällen die doppelte Buchführung: ‚Nun ja, es gibt Gerede, doch Genaues weiß man nicht.’ Jeder, der solche Informationen nicht bewusst verarbeitet, darf sich vor seinem inneren Gericht als Nichtwisser führen. Wenn aber Rechtslage oder herrschende Meinung sich ändern, darf er wahrheitsgemäß sagen: ‚Ich hab’s immer geahnt.’

Unterdessen können dieselben politischen Informationen politisch genutzt werden. In einer Vorstandswahl geht es um Postenverteilung und jahrelang aufgebaute Karrieren. Seilschaften spielen eine Rolle, Ansprüche, Versprechungen, Verpflichtungen, Gefährdungen und unausgesprochene sowie ausgesprochene Drohungen. Der Kardinal war ja erpressbar. Es gab die Chance, durch Loyalität Beförderung zu erzwingen, wodurch man allerdings zum Komplizen und seinerseits erpressbar wurde. So hatte sich im Lauf der Jahre ein dichtes Gewebe aus Macht und Lüge gebildet, das auf Groer abgestimmt war, zweifellos mithilfe lähmender Schweigeabkommen; und als dem Gremium (die Konferenz der Bischhöfe; UB) nun die Sache um die Ohren flog, gab es nicht mal einen Plan B“ (S.43).

Ich denke, man kann diese Beschreibung auch auf jede andere Institution übertragen. Wahrscheinlich haben die Betrügereien bei Wirecard nach den gleichen Mustern funktioniert.

Jetzt noch ein kleines Detail, das gut veranschaulicht, wie unangenehme Sachverhalte in der Politik jenseits politischer Sonntagsreden gehandhabt werden. In Anmerkung 107 schreibt Morsbach:

„Ein sehr korrekter Beamter erzählte mir ganz ernst, dass der Knabenmissbrauch des Direktors der evangelischen Odenwaldschule Gerold Becker (1936-2012) aus Rücksicht auf Bundespräsident Richard von Weizsäcker (1920-2015) unter dem Deckel gehalten worden sei. Denn Weizsäcker hatte Becker geehrt und ist auf gemeinsamen Fotos zu sehen.“

Autosuggestion und Abschreckungstheater, gespeist aus Feigheit und Infantilität

Als Zwischenergebnis zum Fall Groer stellt Morsbach zum Thema Machtmissbrauch Folgendes fest:

„Die schlechte Nachricht: Wer dysfunktionale Zustände kritisiert, bekommt es mit einem Automatismus der Macht zu tun, der weder von Sachlichkeit, noch von Klugheit, noch von Moral gesteuert wird und in dem niemand Verantwortung übernimmt. Die gute Nachricht: Der so zynisch wirkende Automatismus speist sich aus Feigheit und Infantilität. Deshalb sind Korrekturen weniger gefährlich als es scheint, zumal wir Gesetze haben, die Missbrauch sanktionieren, und die Missbraucher das im Grunde wissen. Ihre Empörung ist Autosuggestion und Abschreckungstheater“ (S.74).

Deshalb könne schon eine kleine, selbstbewusste Minderheit etwas bewirken. Schließlich hätte sich am Ende auch im Fall Groer gezeigt, wie schnell die Drohgebärde der Mächtigen in sich zusammenfiel, als die Aufklärer nicht zurückwichen.

In allen beschriebenen Fällen spielt der Opportunismus der Funktionäre im Umfeld eines Machtmissbrauchers eine große Rolle. Deshalb fand ich es sehr interessant, was der Autorin auffiel: In allen im Buch angesprochenen Kreisen (im Zusammenhang mit den von ihr untersuchten Fällen von Machtmissbrauch) wurde opportunistisches, also prinzipienlos egoistisches Verhalten, missbilligt. Sowohl bei anderen als auch bei sich selbst:

„Nicht mal die Opportunisten selbst wollen sich für opportunistisch halten, je opportunistischer sie sind, desto weniger. (…) Empfindliche Opportunisten können sich schon durch die pure Gegenwart eines Menschen provoziert fühlen, der in derselben Situation unopportunistisch handelt“ (S.169).

Mir fiel dazu sofort ein Name ein: Oskar Lafontaine. Er wurde nach seinem Rücktritt als Finanzminister, Vorsitzender der SPD und Mitglied des Bundestages sowie seinem Austritt aus der SPD von SPD-Politikern wie ein Unberührbarer behandelt. Dabei war er es, der die Werte der SPD und das politische Interesse der SPD-Wähler verteidigte. Es spricht sehr viel dafür, dass der Hass seiner ehemaligen Parteifreunde auf ihn durch einen verdrängten Gewissenskonflikt bedingt ist. Und dieser Gewissenskonflikt wiederum durch ihren Opportunismus und Verrat an den Grundwerten der SPD – und ihren eigenen.

Der Schluss des Buches von Petra Morsbach ist so eine Art Ratgeber für Betroffene von Machtmissbrauch. Dort beschreibt sie unter anderem die Techniken der Macht und gibt Tipps, wie man als Betroffener eines Machtmissbrauches, der dagegen vorgehen will, sich verhalten sollte. Da wird zum Beispiel empfohlen, alles zu dokumentieren („Machtmissbraucher fürchten schriftliche Belege“).

Resümee

Petra Morsbach hat ein sehr interessantes Buch über die Praxis der Macht geschrieben. Wer wissen will, wie Macht jenseits von Sonntagsreden und Compliance-Gefasel in der gesellschaftlichen Realität funktioniert, und wie die Funktionäre einer Institution sich verhalten, wenn Missstände aufgedeckt werden, der bekommt mit Morsbachs Essay eine hervorragende Grundlage geliefert. Man muss allerdings auch bereit sein, sich in die Details und Verästelungen der geschilderten Fälle zu vertiefen. Das ist vielleicht nicht jedermanns Sache. In jedem Fall hat Petra Morsbach ein herausragendes Buch vorgelegt, das ich jedem politisch interessierten Leser nur wärmstens empfehlen kann.

Petra Morsbach: Der Elefant im Zimmer. Über Machtmissbrauch und Widerstand, Essay, Penguin Verlag 2020, Gebundene Ausgabe, 368 Seiten, 22 Euro.



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Von Veritatis

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