Wolfgang Büschers „Heimkehr“ in den Wald ist eine Lektüre, die lange nachhallt

In vielen Regionen Deutschlands dürfte zumindest für die Generationen bis in die Anfangsfünfziger Kindheit und Jugend oft noch waldnah gewesen sein. Ob Indianer- oder Räuberspiele, Hütten bauen, Holz lesen, Beeren sammeln, Tiere beobachten oder auch Angst vor angeblichen Diebesbanden und realen Mördern darin – der Wald war ein nicht unwesentlicher Sozialisationsort.

Da nimmt nicht wunder, wenn im fortgeschrittenen Alter die Blicke sich nostalgisch zurückwenden, zumal angesichts der gegenwärtig realen Waldmiseren ringsum. Wolfgang Büscher, Jahrgang 1951, leitet die Reportage-Redaktion der Welt, ist vor allem aber bekannt als Autor von Büchern über ganz eigene Wanderwege, darunter von Berlin nach Moskau, Deutschlandumrundung oder durch die USA von Nord nach Süd. Bücher, die in ihrer Kombination aus scharfer Beobachtung und geradezu poetischer Sprachmacht einen unwiderstehlichen Sog erzeugten. Nun ist er in den Wald gegangen. In Nordhessen, im Waldecker Land, in der Gegend um Bad Arolsen. Auch gewandert ist er, zumindest ein Stück auf dem Bonifatius-Weg.

Im Innersten der Welt

Doch hat er meist zurückgezogen in einer Hütte gelebt, vom Frühjahr bis zum Herbst, und ist dabei zurückgegangen in den Wald und die Erinnerungen seiner Kindheit. Vaterlos im großelterlichen Haus aufgewachsen, war der Wald ihm Ort der Freiheit. Genauer: „Wir waren Halbfreie.“ Gebunden einzig durch die Schule. Nun, in einer Scheune mehr denn Jagdhütte, mit karger Ausstattung lebend, kehrt die „Waldfreiheit“ zurück. „Meine Tage glichen tatsächlich den Tagen des Jungen, der ich gewesen war. Dieses Streunen, das Hingehenlassen der Zeit.“ Er erfährt die Stille des Waldes. „Ich hörte jedes Blatt fallen, jeden Maustritt im Laub, jedes Tropfen, ich saß im Innersten der Welt.“

Er beobachtet und belauscht das Getier, evoziert die vielfältige Waldnatur in faszinierender Intensität. Doch ist das nur die eine Seite des Waldes. Die andere, unlösbar verquickt, ist die Arbeit am und im Wald – „Dieser Arbeitsernst, im Wald lebt er noch“. Arbeit gibt es genug, die saurierhaften Harvester müssen das vom Sturm gefällte Holz verarbeiten, der Förster muss sich um den Umbau des Waldes kümmern, kämpft gegen die Borkenkäfer. Aussichtslos.

„In diesem Sommer starb der Wald, unbetrauert von der Stadt. Sie, die das Wort vom Waldsterben erfunden hatte, bemerkte es nicht einmal, als es nun wirklich geschah. Natürlich starb der Wald nicht im Ganzen, aber er würde verschwinden, wie wir ihn kannten.“ Der Förster ist notwendigerweise zugleich Jäger. So weit geht er zwar nicht, Rehe ebenfalls wie Sturm, Hitze, Käfer als „Feind“ des Waldes anzusehen. Aber was muss, das muss. Auch das macht Arbeit. Büscher begleitet ihn, eine rundum imposante Figur – „Notarzt“ des Waldes, Öko-Rebell, ZZ-Top-Fan, Wald- und Weltkundiger – auf den nächtlichen Anstand, geht im Herbst sogar als Treiber bei der Treibjagd mit.

Ohne Jagdlust, aber mit Neugier für die Sache und Verständnis für die Notwendigkeit. Zugleich erkundet er die ländliche Gegend, besucht die dörflichen Feste, porträtiert die Residenzstadt, versenkt sich in die Geschichte und die über sie kursierenden Geschichten. Auch dies ein Musterstück des nachforschenden Abwägens. Ihn zeichnet ein außerordentlicher Sinn für Orte, Blick für Menschen und Gespür für Stimmungen aus. Er kann gelegentlich raunen, scheut nicht Pathos und nicht romantische Stimmung – und bleibt dennoch illusionsfrei präzise. So entsteht ein großartiges Porträt einer Waldlandschaft, ihrer Menschen, ihrer Geschichte und ihrer Faszination, nämlich ihrer Prägung durch den Menschen durch und durch – und dennoch zugleich natürlicher Gegenpol zur verstädterten Welt. Darum wohl sind Waldbegräbnisse so beliebt, die Büscher im dortigen Urnenwald beobachtet. Merkwürdig, wie alle die lebenslang so sehr auf Individualität Bedachten am Ende anonym im Schoß der Erde aufgehen möchten. Zusammengehalten wird die Einkehr in den Wald durch die Heimkehr zur Mutter und die damit verbundene Wiederbegegnung mit der eigenen Kindheit und Jugend.

Es scheint das eine generellere Erfahrung vieler der im ersten Jahrzehnt des Nachkriegs Geborenen: Der Weggang aus der Sesshaftigkeit und die damit verbundenen, je später desto mehr, Verlustwahrnehmungen. Die Mutter muss das Haus verlassen, das sie erhielt, um ihre Eltern im Alter zu versorgen, wofür sie ohne Partner blieb, auch, um dem Sohn einen fremden Vater zu ersparen, dem Sohn, der – mangels Vaters – sich gegen sie auflehnt, weggeht und den Pakt der Generationensorge aufkündigt.

Gegen die Jury der Jetztzeit

Der Besuch bei der Sterbenden, das stillschweigende Einverständnis am Ende, es rührt zu Tränen. Konterkariert durch die Lebensbilanz anhand der Relikte und Reliquien, die der Sohn im Hause findet, museal, wie in einer Wunderkammer aufbewahrt, all die Geschenke im Lauf der Jahre, unberührt, die Schulhefte, die vom Übergang kindlicher Schwärmerei in jugendlichen Fanatismus zeugen. Es ist das alles ineins eine Heimkehr in der Suche nach dem Überlieferten, Erprobten, Dauerhaften und Unverbrüchlichen. In begründeter Skepsis gegen die „Jury der Jetztzeit“, die Vorschreiber und Verbieter, zu denen der junge Mann einmal selbst gehörte. Eine Suche nach aufgehaltener Vergänglichkeit, die freilich die Fragilität der Dauer erspürt. „Ich war eine Runde mitgefahren im uralten Zyklus, es brauchte keine Grübelei, um zu verstehen, was beständig, was flüchtig war. Der Zyklus blieb, und ich stieg aus, wie ich als Junge ausgestiegen war, leicht schwindlig, nach einer Runde im Jahrmarktskarussell.“ Eine Lektüre, die lange nachhallt.

Info

Heimkehr Wolfgang Büscher Rowohlt 2020, 204 S., 22 €

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Von Veritatis

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