Paris.

Müssen wir uns Sorgen machen um Michel Houellebecq? Schon bevor sein aktuelles Buch “Ein bisschen schlechter” erschienen war, kolportierte die Presse, er halte Donald Trump für einen “der besten Präsidenten, die Amerika je hatte”. Im Buch, das sein drittes und letztes mit Interventionen sein soll, singe er ein “Loblied auf den Konservatismus”. Und sah er auf Fotos letzthin nicht ziemlich kaputt aus? Alles halb so wild, wie sich nach der Lektüre der elf Interviews und Essays herausstellt: An Trump lobt Houellebecq nur, dass der die militärischen Interventionen der USA ausgesetzt und den globalen Handel eingeschränkt habe. Dem Konservatismus hält er zugute, dass er in “intellektueller Faulheit” wurzele. Und das Rätsel um sein eingefallenes Gesicht klärt sich auch: Beim Besuch der Berlinale vor ein paar Jahren habe er seine Zähne auf dem Tisch von Frédéric Beigbeder liegengelassen und daher die Filmfestspiele ohne Gebiss bestritten – weswegen er auf den dort entstandenen Fotos etwas “verändert” aussehe.

Alles beim Alten also beim Enfant Terrible des französischen Literaturbetriebes: Ohne Ironie lässt sich dem Mann nunmal nicht beikommen, und Biss hat Hoeullebecq auch ohne Zähne. Oft entstehen seine Provokation aus dem Impuls heraus, die Freiheit des Individuums zu wahren, auch wenn er an die eigentlich gar nicht glaubt. So ertappe er sich, wie er schreibt, regelmäßig dabei, die ihm unterstellte Islamophobie zu verteidigen, “ob ich nun selbst islamophob bin oder nicht. Denn das muss Teil der Meinungen sein, die man äußern darf … Man hat das Recht, eine Religion anzugreifen.”

Es ist nicht das einzige Mal, dass Houellebecq sich am Puls der Zeit bewegt. Von einer politischen Korrektheit ist da die Rede, die seitrund 20 Jahren stetig auf dem Vormarsch gewesen sei und nun bei manchem jungen Menschen dazu führe, dass er den “Quenelle-Gruß” (die französische Variante des Hitlergrußes) zeige. Die “totale Vorherrschaft der Linken über die Intellektuellen” sei vorbei. Stattdessen erkenne er eine “Rückkehr des Religiösen” und findet die gar nicht mal so schlecht. Wenn die Kirche nur endlich aufhören würde, modern sein zu wollen und sich auf ihre Liturgie besinnen würde.

So lustig sich das oft auch liest, es steckt viel bittere Wahrheit in den Worten von Houellebecq. Hinter der Maske des dekadenten Nihilisten offenbart sich einmal mehr “ein fast schon christlicher, romantischer Moralist”, wie Frédéric Beigbeder ihm attestiert – und das trifft den Punkt. Houellebecq hat seinen Blaise Pascal gut gelesen, kennt sich mit Schopenhauer, Nietzsche und Huysmans aus. Als den Autor, der den stärksten literarischen Einfluss auf ihn ausgeübt habe, nennt er Paulus: Wer die Interventionen liest, glaubt ihm das. Allerdings fürchtet der Autor, dass die Menschen, die sich ans Homeoffice und die Reduzierung der Sozialkontakte gewohnt hätten, nach der Krise noch einsamer werden als zuvor: “Wir werden nach der Ausgangssperre nicht in einer neuen Welt erwachen; es wird dieselbe sein, nur ein bisschen schlechter.”



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Von Veritatis

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