Der Dauerregen hat eine Pause eingelegt. Der Himmel bricht auf. Die Leute auf dem Kollwitzmarkt genießen die unerwarteten Sonnenstrahlen vor dem nächsten Lockdown. Über die nassen Marktstände zieht eine flirrende Melodie. Fistelnd, ein wenig blechern, dann satter, sehnsüchtiger. Sie kommt aus dem verbeulten Trichter eines Grammofons.

Feiert der Prenzlauer Berg bereits mit Nostalgie-Konserven – um sich langsam an eine Zeit ohne Live Acts zu gewöhnen? Nein, hier findet keine Schellackplatten-Party statt, die Klänge sind live und kommen (jetzt guttural gescattet) aus der Kehle eines jungen Herrn im eleganten Anzug, der sich den Grammofon-Trichter wie ein Megafon an die Lippen presst. David Hermlin, 20, Sohn des Jazz-Pianisten Andrej Hermlin. Andrej Hermlin kennt man in Berlin als Leader des Swing Dance Orchestra, mit dem er sich auch international einen Ruf erspielt hat. Seit mehr als 35 Jahren jammt er in großen Konzertsälen, spielt Musik von Benny Goodman, Count Basie, Teddy Wilson, Glenn Miller, zuletzt in der Philharmonie.

Im Nadelstreifenanzug

Seit Corona spielt Andrej Hermlin jetzt öfter auf dem Kollwitzmarkt. Im Nadelstreifenanzug, mit pomadisiertem Haar unterm Humphrey-Bogart-Hut, gibt er den perfekten Conférencier. (Würde er die Zuhörenden nicht zu mehr Abstand und Masken auffordern, könnte man ihn mit der runden Hornbrille glatt für einen Wiedergänger Goodmans halten – nur dass er eben nicht Klarinette, sondern Keyboard spielt.) Auch der Rest der Combo, die an diesem Vormittag neben Sohn David aus Saxofon, Kornett, Gitarre und Bass besteht, wirkt im feinen Zwirn wie aus der Zeit gefallen. Um die weit geschnittenen Anzughosen der Musiker springen Kinder in quietschgelben Gummistiefeln. „Mama, I wanna make rhythm … don’t wanta make music“ – David singt einen Song von Cab Calloway, einem der beliebstesten schwarzen Entertainer der 1930er, die im Cotton Club in Harlem auftraten. Ein witziges, mitreißendes Lied über die Magie und subversive Kraft des Rhythmus. Saxofon, Piano und Kornett übertrumpfen sich in virtuosen Läufen, ohne an Lässigkeit zu verlieren. Dazu schlägt David mit den Fingern einen schnellen, federnden Beat auf den Grammofon-Trichter, beginnt zu steppen. Leichtfüßig gleitet er über die feuchten Pflastersteine, mit weichen Knien, crazy legs, sagt man im Swing. Mit den Schuhspitzen wirbelt er gelbes Laub in die Luft. Die Leute am Gemüsestand gegenüber drehen sich um, für einen Moment spielen Kohl- und Salatköpfe keine Rolle, selbstvergessen lassen sie die Hüften kreisen, dann zucken auch ihre Schultern im Takt.

Wut wegen dieses Geschwafels

„Swing packt jeden und jede!“ Andrej Hermlin spricht mit Nachdruck und vollem Mund. Wir stehen am Fleischerstand, wo er Bierschinken und Leberkäse kauft, zwei Scheiben schiebt er sich direkt in den Mund, einen Knacker nimmt er auf die Hand. Swing sei der „Anti-Corona-Sound“, sagt er und beißt in die Wurst. Das beste Mittel gegen Depression. Gegen die Allmacht der Pandemie. Die erneuten Regierungsmaßnahmen gegen die steigenden Infektionszahlen machen ihn wütend, das „Geschwafel von der Alternativlosigkeit“ – Andrej Hermlin kann es nicht mehr hören. Warum Baumärkte und Kaufhallen gegen Museen, Bühnen und Konzertsäle ausspielen? „Natürlich müssen alle überprüfen, was möglich ist. Die Gefährlichkeit des Virus möchte ich nicht herunterspielen, aber warum ausgerechnet die Kunst auf null fahren, wo gerade hier so viel in teure Hygienekonzepte investiert wurde? Wenn der Mensch auf bloßes Essen und Trinken reduziert wird, ist das zu wenig.“

Hermlin schlägt vor, das Gespräch bei ihm zu Hause in Pankow fortzusetzen. Die schmucke 20er-Jahre-Villa, in der er aufgewachsen ist, hat er vor ein paar Jahren gekauft. Jetzt wohnt er hier mit seiner Frau Joyce, die aus Kenia stammt, und den gemeinsamen Kindern David und Rachel. Wir sitzen im Esszimmer. Tisch, Wandregal, die Modellflugzeuge in der Vitrine, alles stammt aus der Blütezeit des Swings. Selbst der olivgrüne Aschenbecher, den niemand mehr benutzt, ein Designerstück aus Paris.

„Schuld an meiner Swingbegeisterung, daran, dass ich überhaupt Musiker geworden bin, ist Benny Goodman!“, sagt Hermlin. „Hier in diesem Raum habe ich ihn entdeckt“, zwischen den Klassikplatten seines Vaters, des Dichters Stephan Hermlin. Da war er drei oder vier. „Hier“ – er deutet auf den altmodischen Plattenspieler in der Ecke – „habe ich ihn zum ersten Mal gehört – allerdings auf einem moderneren Gerät, als es heute hier steht.“ Seine Augen hinter der runden Brille leuchten. „Swing ist ein Körperteil von mir geworden. So wichtig wie Herz, Lunge, Leber – ohne ihn könnte ich nicht leben.“ Der Beat, die Melodien pulsierten immer mit, sagt er. Auch wenn er andere Musik höre, selbst jetzt, in unserem Gespräch.

Wie er Swing beschreiben würde, frage ich. „Überraschend, elegant, voller Lebensfreude!“ Könnte man ihn auch als rhythmischen Konflikt zwischen Beat und Offbeat beschreiben, als Beschleunigungsphänomen? Hermlin schüttelt den Kopf. Definitionen versagen hier, intellektuell sei der Spirit des Swing sowieso nicht zu fassen. Hermlin lacht und empfiehlt, Goodmans Stompin’ at the Savoy in Endlosschleife zu hören. „Swing war die erste kommerziell erfolgreiche Musik“, sagt er, „die ganz Amerika und Europa infizierte.“ Man würde ihr Unrecht tun, wenn man sie politisiert. Ein Protest gegen die Nazis sei sie nämlich nicht gewesen. Eher flüchtige Ablenkung vom tristen Alltag. Das sei auch der Grund, warum sie heute wieder so viele Menschen begeistere.

Sein Vater, der eigentlich lieber Schumann und Bach hörte, habe hier im Salon eines Tages aus voller Kehle „Heaven, I’m in heaven“ gesungen. Einfach so, aus purer Lebenslust. „Von Musik verstand mein Vater ebenso viel wie von Literatur“, sagt Hermlin und erzählt von einer glücklichen Kindheit, von Eltern, die ihn sich frei entwickeln ließen. Dass auch seine Kinder inzwischen erfolgreiche Swingmusiker sind, wundere ihn selbst. Hat er nicht nachgeholfen? „Nein, nie!“ Er schüttelt energisch den Kopf. Beide verfolgen eigene Karrieren, seien talentierter als er selbst. Staunend, „wie ein Schwein, das ins Uhrwerk starrt“, stehe er davor, wenn seine 17-jährige Tochter Rachel tanzt, singt und Sohn David neben Gesang, Stepptanz und Schlagzeug auch noch eigene Songs schreibt. „Ohne die beiden würden die Hermlins nicht auf diesem Level spielen“, sagt er stolz.

Hermlin spricht von bedeutenden Auftritten, im Rockefeller Center, New York, wo er die Spuren Goodmans suchte, im Teatro Massimo in Palermo, in Moskau und Tel Aviv. Das wichtigste Konzert seines Lebens aber habe er am 14. März dieses Jahres in Berlin erlebt, am Tag nach der Bekanntgabe des Lockdowns. Hermlins sonore Stimme klingt brüchig. Mit David und einigen Musikern, die er nur flüchtig kannte, habe er spontan im Yorkschlösschen gespielt: „Früher als geplant, um die Zeit, bevor alles geschlossen werden sollte, noch einmal auszukosten. Irgendwann habe ich weinend am Klavier gesessen, wollte nicht mehr aufhören zu spielen.“ In diesem Moment entstand die Idee zu einer Swingkommune, die ihr Publikum im Netz sucht, die Musik in die Welt sendet. „Die Idee hatte meine Frau, ohne sie hätte ich das nie gemacht.“

Am ersten Abend musste Hermlin noch googeln, wie man einen Stream überhaupt erstellt, er bastelte eine provisorische Smartphone-Halterung aus Pappe. Das erkläre die verwackelten ersten Sendungen. Seit Mitte März streamen die Swingin’ Hermlins jeden Abend um 19 Uhr ein improvisiertes Konzert, und mittlerweile hätten sie nicht nur eine professionellere Technik, sondern täglich bis zu 3.000 Zuschauer – von Berlin über Warschau, Zürich, New York und Tel Aviv bis nach Kenia, China und Peru. Für viele seien sie der einzige Lichtblick, eine Frau aus der Schweiz schreibt gar auf Facebook, dass sie wegen der Hermlins nun keine Psychopharmaka mehr nehme. Und gerade deshalb soll es weitergehen. So lange, bis die Pandemie vorbei ist. Ob er nicht Angst habe, seine Kunst im Netz zu verschleudern, was er von der Stille halte, die einige Kollegen fordern, um auf die Relevanz ihrer Musik zu verweisen? So leicht seine Musik klingt, so ernst, beinahe pathetisch spricht er, wenn es um die Lage der Künstler geht. Wenn es darauf ankomme, könne er ein Bulldozer sein. Seine Stimme für die Kunst zu erheben, sei gerade sein wichtigstes Anliegen. Denn wo diese verschwinde, beginne die Barbarei.

Noch immer sitzen wir an dem ovalen Holztisch im Salon. An ihm verfasste Hermlins Vater vor mehr als vier Jahrzehnten den Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Jetzt ist hier die Sendezentrale von Hermlinville. Eine Gemeinschaft Swingbegeisterter rund um den Globus, die dieser trüben Zeit Leichtigkeit und Freude entgegensetzen will, aber auch zur Solidarität aufruft, selbst wenn der Swing keine ausgewiesene Protest-Musik ist. Der lodernde Rhythmus von The Music Goes ’Round and Around, das zum musikalischen Intro der Hermlins geworden ist, konterkariert die Fantasielosigkeit politischer Maßnahmen. Mitreißend, ohne niederzutrampeln. Offen für alle. Ganz im Sinne Benny Goodmans, der als erster weißer Musiker mit schwarzen Kollegen auftrat. Wenn man sich irgendwann an diese Pandemie erinnere, solle man sich auch an Hermlinville erinnern, sagt Andrej Hermlin. Die Titanic will er diesmal vor dem Untergang bewahren. Falls das nicht geht, werde er mit seiner Band trotzdem weiterspielen. Aufrecht, swingend, mit Würde. So lange, bis aus dem Kornett die letzte Luftblase steigt.



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Von Veritatis

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