Was dieser Tage hinter der steinernen Fassade des Museums für Naturkunde in Berlin wohl vor sich geht? Die Saurierskelette des Hauses, das Johannes Vogel leitet, faszinieren nicht nur Kinder.

der Freitag: Herr Vogel, profitieren Sie von erfolgreichen Filmreihen wie „Jurassic Park“ oder „Nachts im Museum“?

Johannes Vogel: Als exzellentes Forschungsmuseum der Leibniz-Gemeinschaft und global sichtbares Vorbild müssen wir uns irgendwo zwischen Disneyland und Max-Planck-Gesellschaft bewegen. Schließlich haben wir einen Forschungs- und einen gesellschaftlichen Auftrag. Gleichwohl bieten wir für bestimmte Zielgruppen Spezifisches. Wir machen zum Beispiel Führungen für Menschen mit Alzheimer. Da muss ich eine andere Ansprache finden, als wenn ich mit Fridays-for-Future-bewegten 16-Jährigen rede. Stolz bin ich darauf, dass fast 60 Prozent unserer Besuchenden zwischen 14 und 40 Jahre alt sind.

Ich hätte auf unter zwölf und über 65 getippt.

Nun, des Morgens und am Wochenende kommen tatsächlich Familien, Großeltern und Enkel. Nachmittags und abends, insbesondere in unsere Veranstaltungen, kommen junge Erwachsene. Ich glaube, die jungen Menschen spüren, dass wir sie ernst nehmen, den Dialog suchen und nicht versuchen, sie wie eine Gans mit Wissen zu stopfen. Wir bieten die Möglichkeit der Auseinandersetzung mit den Objekten und zugleich mit den Themen Natur und Demokratie, die ja schon lange miteinander verwandt sind. Deshalb haben wir unser Haus auch für Fridays for Future geöffnet.

Wie sah das aus?

Die Demonstrationen fanden ja vor unserer Haustür auf dem Invalidenpark statt. Ab 14 Uhr, wenn die offizielle Anwesenheitspflicht in der Schule vorbei ist – wir werden ja vom BMBF gefördert, und es macht überhaupt keinen Sinn, sich mit der Ministerin zu streiten –, konnten Schüler und Studentinnen umsonst ins Museum kommen. Wir haben die Möglichkeit geboten, mit Wissenschaftlerinnen und Politikern zu diskutieren. Was bei mir hängengeblieben ist: Wie hoch wissenschaftlich diese 15-, 16-, 17-, 18-Jährigen sind. Sie diskutieren auf Augenhöhe. Und das ist der Unterschied zu Corona: Es zeigt sich, dass es zu wenig Wissenschaftsverständnis in der Gesellschaft und in der Politik gibt. Als Museum wirken wir dahin, unser Wissenschaftsverständnis, unser Naturverständnis, unser Umgehen mit der Natur zu überdenken. Unsere Arroganz muss aufhören. Corona ist in diesem Jahrhundert nur die erste Krise.

Ist es legitim, die Natur zu vermenschlichen, um sie Besuchern näherzubringen?

Wir versuchen alles, um das zu vermeiden, aber ich kann nicht dafür garantieren, dass wir es immer richtig machen.

Johannes Vogel, 57, ist seit 2012 Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin. Zuvor war er seit 1996 am Natural History Museum in London tätig, ab 2004 als Chefkurator der botanischen Abteilung. Er ist Mitglied des Hightech-Forums, das die Bundesregierung berät

Sie selbst promovierten zum Sexualverhalten der Farne – eine Steilvorlage für Vergleiche.

Das provoziere ich damit ja auch. Wir leben in einer Aufmerksamkeitsökonomie, das sind die Spielregeln, unter denen wir arbeiten. Wir können nicht sagen, nur weil wir Donald Trump nicht mögen, versuchen wir nicht, in Konkurrenz mit ihm um öffentliche Wahrnehmung zu treten. Um komplexe Sachverhalte zu vermitteln, müssen Sie diese attraktiv darstellen.

Die da wären?

Das Sexualleben der Farne zeigt uns, wie Organismen auf große Klimaschwankungen reagieren. Durch genetische Untersuchungen an diesen Sexualsystemen und den Populationen, die durch dieses Sexualleben genetisch strukturiert sind, können Sie genau ablesen, wo Arten Warm- und Kaltzeiten überleben und wo nicht. Es gibt ja einen natürlichen Klimawandel, der sehr dramatisch ist und in dessen Bereich wir uns jetzt durch den menschengemachten Klimawandel unnatürlich schnell bewegen, mit Konsequenzen, die keiner wahrhaben will. Wo dann was übrig bleibt, das können Sie an meinen „blöden“ Farnen ablesen.

Nun ist das Naturkundemuseum auch ein Archiv der Biodiversität.

Wir sind eine einmalige Schatztruhe. Auf der ganzen Welt sind bisher 1,8 Millionen Arten beschrieben worden. Das ist nur ein Bruchteil dessen, was es an Biodiversität gibt. Für jede Art, die Sie beschreiben, muss ein Belegexemplar in einem Naturkundemuseum hinterlegt sein. Und von den 1,8 Millionen Arten sind zehn Prozent aller Beleg-exemplare bei uns im Haus.

Wie kommt das?

Deutschland war im 19. und frühen 20. Jahrhundert eine Wirtschafts-, Wissenschafts – und Kolonialmacht, und das Haus war von 1810 bis 1990 das deutsche nationale Naturkundemuseum. Die Entdeckung der Welt ist von Europa vorangetrieben worden, davon haben wir profitiert. Das bedeutet auch Verantwortung.

Das heißt, unter den Belegexemplaren befinden sich noch viele aus dem 19. Jahrhundert?

Fast alle. 19. und frühes 20. Jahrhundert, das ist die Zeit der Naturentdeckungen gewesen. Jetzt, im 21. Jahrhundert, muss eine andere, eine genetische Naturentdeckung vorangetrieben werden. Dafür bauen wir gerade ein Zentrum auf, das den Turbolader in die Biodiversitätsentdeckung bringen soll. Wir wollen mit hochmodernen genetischen und optischen – auch KI-gesteuerten – Verfahren herausfinden, ob es 18 Millionen, 80 Millionen oder 1,8 Milliarden Arten auf der Welt gibt. Je mehr Genetik angewandt wird, desto mehr Arten werden wir entdecken.

Können Sie das verdeutlichen?

Wenn Sie einen Kasten Hummeln bei uns sehen, sind da vielleicht 60 Stück aus ganz Europa drin. Die wurden zusammengesteckt, weil sie gleich aussehen.

Die genetische Entschlüsselung könnte ergeben, dass sie weit unterschiedlicher sind?

Bisher wurde mit Auge, Papier und Bleistift gearbeitet. Wahrscheinlich ist, dass in dem Kasten sieben bis acht Arten stecken statt einer.

Haben Sie ein Lieblingsexponat?

Archaeopteryx – der Urvogel.

Warum dieser Flugsaurier?

1859 veröffentlichte Charles Darwin On the Origin of Species. Die Hauptkritik an der Evolutionstheorie war „Where are the missing links?“, wo sind die Objekte, die diese graduelle Evolution zeigen? Zwei Jahre später wird Archaeopteryx ausgebuddelt. Der erste klare Beweis für die Theorie der Evolution. Und jeder kann ihn sehen, jeder kann ihn anfassen. Der Paradigmenwechsel von einer glaubensgestützten zu einer wissensgestützten Welterklärung wird durch Archaeopteryx symbolisiert. Das heißt aber auch, dass Archaeopteryx ein Zeichen für Hoffnung ist, dass wir uns von einer konsumgläubigen zu einer nachhaltigen Welt entwickeln können. Nur welches Objekt das symbolisiert, können wir vielleicht in zehn Jahren mal besprechen. Und wir werden es im Museum haben!

Das Museum für Naturkunde Berlin ging aus drei Museen hervor, die 1810 im Zuge der Gründung der Universität zu Berlin Unter den Linden entstanden. 1898 wurde das Gebäude in der Invalidenstraße eröffnet. Mit über 30 Millionen Objekten verfügt es über die größte naturkundliche Sammlung in Deutschland. 2018 bewilligten der Bund und das Land Berlin 660 Millionen Euro für den Aus- und Umbau des Museums.



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Von Veritatis

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