Roman Ehrlich erzählt in „Malé“ von einer Welt der Ichs, die nicht auszuhalten ist

Vor elf Jahren sorgte die Regierung der Malediven weltweit für Schlagzeilen. Um auf die Bedrohung durch den steigenden Meeresspiegel aufmerksam zu machen, tagte das Kabinett in Taucheranzügen auf dem Grunde des Indischen Ozeans. Eine Szene von Roman Ehrlichs Malé führt in eine Ausstellung über die spektakuläre Aktion, die allerdings, wie man da schon längst weiß, nichts geholfen hat. Roman Ehrlichs dritter Roman, der auf der Longlist des Deutschen Buchpreises stand, führt in eine mögliche, nicht allzu ferne Zukunft. Nach einem Bürgerkrieg haben Milizen die Kontrolle über die Malediven übernommen. Die einstige Hauptstadt überlassen sie einer Ansammlung von Aussteigern und Hippies aus aller Welt, hier, am Ende der Zivilisation, wollen sie ein neues Leben beginnen.

Auf knapp 300 Seiten fährt Ehrlich eine ganze Reihe von Figuren auf, von denen viele nur wie Komparsen durch diese Einöde waten. Ein Hauptstrang befasst sich mit dem Verbleib der Schauspielerin Mona Bauch. Sie floh vor ihrer Berühmtheit und psychischen Dämonen auf die Insel, wo sie sich in den Lyriker Judy Frank verliebte und wahrscheinlich mit ihm ins Wasser ging. Bauchs Vater versucht mehr über die letzten Tage seiner Tochter zu erfahren, gerät aber nur zwischen die Fronten eines Machtkampfs zwischen dem väterlichen Anführer der Gemeinschaft und einer Rebellin mit dem sprechenden Namen Lenín. Ihr Machtinstrument ist der Zugang zu einer Droge namens „Luna“, von der die ganze Insel abhängig ist. Die Wirkung ähnelt einer Mischung von LSD und MDMA, die Konsumenten durchströmt Wärme und Zuversicht, die sie auch über die Grenzen der diesseitigen Welt hinausleitet, worauf die hohe Suizidrate in diesem Paradies hindeutet. Der Selbstmord, so drückt es der Dichter Judy Frank aus, sei „der vielleicht einzig gangbare Weg, um sich wirklich endgültig zu emanzipieren von den Erwartungen und Projektionen der anderen“.

Diese Dystopie erzählt vor allem von der Gegenwart, in der sie verfasst wird, eskaliert einen Aspekt unserer Zeit, um sein Verhängnis überdeutlich vor Augen zu stellen. In diesem Falle ist das der Individualismus, jener in der Romantik keimende Gedanke, das Zentrum der Welt läge im Ich verborgen. Eben dorthin streben die Aussteiger, versinken immer tiefer in ihren eigenen Persönlichkeiten. Die Sehnsucht nach wahrer Entfaltung führt diese Mondsüchtigen über das Meer, blaue Blumen säumen ihre Wege in den Abgrund, wo sie sich an sich selbst berauschen.

Der 1983 geborene Autor tränkt seinen Plot mit romantischen Motiven, und immer wieder schildert der Erzähler die maroden Luxushotels und verlassenen Resorts. Die Ausgestiegenen blicken mit Genugtuung auf diese Ruinen, jene „Scheinwelt der ultimativen Häuslichkeit, wo nicht gearbeitet werden muss, wo es keine Verbindlichkeiten, keine Verantwortung gibt und keine Widersprüche, keine politische oder soziale Realität“. Diese Beschreibung mag zutreffen auf den Tourismus unserer Tage (zumindest vor Corona), also diese konsumistisch gewendete Aufforderung, sich die Erde untertan zu machen. Allerdings stehen die Aussteiger in gerader Genealogie mit diesen Urlaubern, beschränkt sich ihre Utopie doch nur auf eine hedonistische Selbstverwirklichung. Die totale Zerstörung dieser Stadt ist ihnen nur Entschuldigung, keinerlei Verbindung zueinander aufbauen zu müssen, die Apokalypse kommt ihnen gerade recht. Ein ganzer Planet ist dieser Geisteshaltung zum Opfer gefallen, nun tanzen ein paar letzte Unverbesserliche in den Trümmern. Nicht wenige von ihnen stürzen ab, distanziert und mitleidlos lässt Ehrlich sie über die Klinge springen, als wäre es der einzige Weg, ihnen beizubringen, dass so ein Ich zu klein ist, um eine Welt zu bedeuten, und zu eng, um darin zu leben.

Info

Malé Roman Ehrlich S. Fischer 2020, 288 S., 22 €

Lesen Sie mehr in der aktuellen Ausgabe des Freitag.



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Von Veritatis

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