Das politisch zerrissene Land verbindet der Weihnachtsbaum. Die geschmückte Fichte oder ein künstlicher Baum erfreuen Millionen Amerikaner, ob religiös oder nicht. Ansonsten kann Weihnachten – seit 1870 ein staatlich anerkannter Feiertag – kompliziert sein. Weihnachten schürt in den USA den Kulturkrieg. Wünscht man säkular „Happy Holidays“ (frohe Festtage) oder sagt man „Merry Christmas“ (fröhliche Weihnachten), wie es Donald Trump verlangt? Seine rechtschristlichen Wähler wittern Diskriminierung, wenn das Fest verweltlicht wird.

In diesem Jahr warnen Maskenlose, der Staat wolle Weihnachten stehlen mit dem eingeschränkten Versammlungsrecht. Manchen US-Christen geht es auf die Nerven, dass „Christmas“ zu „X-mas“ abgekürzt wird. Darf Religiöses wie die Weihnachtskrippe auf öffentliche Plätze gestellt werden oder verstößt das gegen die Trennung von Kirche und Staat? Kompliziert, doch der neutrale Baum darf überall aufgebaut werden, so wie ihn die Amerikaner lieben, geschmückt und mit elektrischen Birnen beleuchtet. In Wohnzimmern, Einkaufszentren und Büros stehen meist künstliche Bäume. Da mag die Vereinigung der Weihnachtsbaumfarmer noch so pointiert auf den Umstand verweisen, dass die ersten modernen „Fakebäume“ in den 1930er Jahren mit Maschinen hergestellt wurden, die auch Toilettenbürsten fabrizierten. Nach Ansicht von Öko-Experten ist der auf einer Plantage oder in freier Natur im Alter von sechs bis zehn Jahren abgeholzte Weihnachtsbaum, zugeschnitten zur „richtigen Form“, besser für Umwelt und Klima als sein vermutlich in China zusammengeklebter Plastikkollege. Dieser könne auf der Müllkippe noch viel Unheil stiften.

Weihnachtsbaum? Sold out!

Um die Ankunft des Bäumchens in den USA ranken sich Mythen. Aus Germany komme der Brauch, heißt es. Aber wann das anfing, ist ungewiss. Auf britischer Seite kämpfende Söldner aus Hessen hatten möglicherweise einen aufgestellt, bevor sie Weihnachten 1776 in Trenton (New Jersey) den Kürzeren zogen bei einem Überraschungsangriff aufständischer Amerikaner unter dem späteren ersten Präsidenten George Washington. Definitiv etabliert hat sich der Weihnachtsbaum zusammen mit Santa Claus Mitte des 19. Jahrhunderts. 1832 soll der nach Nordamerika ausgewanderte deutsche Gelehrte Karl („Charles“) Follen einen in seinem Haus in Cambridge (Massachusetts) aufgestellt haben.

Im Covid-19-Jahr 2020 berichten Baumfarmen von Rekordumsätzen. Kunden wollten offenbar etwas Natürliches erfahren mitten im Winter. Manche Märkte für Weihnachtsbäume waren schon Mitte Dezember ausverkauft, schrieb die Chicago Sun Times. Lametta hängt nur an den allerwenigsten Bäumen nach einer amtlichen Warnung im Jahr 1971, der silberige Schmuck sei bleihaltig und gefährde besonders Kinder. Auf echte Kerzen verzichtet man wegen der Brandgefahr. Und früher war mehr Gesang unterm Baum.

Der Historiker Stephen Nissenbaum hat in seinem schönen Buch The Battle for Christmas (Der Kampf um Weihnachten) über das Fest der Geburt Jesu Christi und die USA geschrieben. Im 17. Jahrhundert hätten calvinistische Bewohner im Nordosten die Feierlichkeiten verboten. Mit der Bibel könne man den Feiertag nicht erklären. Dies blieb vielerorts wirkungslos. Bis ins 19. Jahrhundert hinein sei Weihnachten zu ausgelassenen Partys genutzt worden. Junge Männer aus der Unterschicht zogen zu den Wohlhabenden und baten um starke Getränke und Geld.

Kommerzialisiertes Familienfest wurde Weihnachten, nachdem 1823 das noch heute viel aufgesagte Gedichte A Visit from St. Nicholas (Ein Besuch von St. Nicholas) erschienen sei. Darin kommt ein übergewichtiger Santa Claus mit acht Rentieren und steigt mit Geschenken durch den Kamin ins Haus. Die Geschichte wurde begeistert aufgenommen. Einkaufsläden freuten sich.

Weihnachten ist eine große Show im Weißen Haus, 2020 unter dem Motto „America the Beautify“ (Das wunderschöne Amerika). Zuständig für den Weihnachtsschmuck ist die First Lady. Große Lust hat Melania Trump offenbar nicht. Kürzlich hat eine ehemalige Freundin ein 2018 heimlich aufgenommenes Gespräch mit der Präsidentengattin veröffentlicht. „Ich arbeite meinen Arsch ab mit diesem Weihnachtszeug“, klagte Melania. „And who gives a fuck about the Christmas stuff?“ (Wen interessiert das Weihnachtszeug?)



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Von Veritatis

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