Keine Partys, kaum Feuerwerk, mancherorts Ausgangssperre, maximal zwei Haushalte: Es scheint, als werde aus dem bundesdeutschen Kultprogramm Dinner for One dieses Silvester eine Realsatire. Nicht nur, dass sich 2020 ohnehin schon so angefühlt hat wie ein permanentes Stolpern über den Tigerkopfteppich — tatsächlich verbringen viele Bürger das Henkersmahl des Jahres alleine. Glücklich wird, wer wie Miss Sophie im Kreise einer imaginierten Abendgesellschaft feiert, die natürlich den klaren Vorteil hat, dass die Runde so groß sein darf wie man will.

Wer mag sich da schon beschweren. Überhaupt dienen die Regeln einem höheren Zweck. Und mal ehrlich: Es gibt Schlechteres, als zum Jahreswechsel „alleine“ zu sein. Obwohl es zugegebenermaßen spaßiger wird, wenn man wie Miss Sophie einen Landsitz hat — über einen Butler lässt sich da schon eher streiten. Auch aus Silvester in der städtischen Mietswohnung lässt sich jedenfalls etwas machen, vor allem kulinarisch. Immerhin hat in 2020 wenig so getröstet wie Speis und Trank. Vielleicht noch der Halt von Traditionen: Egal, was passiert, unser Dinner for One kann uns keiner nehmen!

Bleibt zu klären, mit welcher Speis und welchem Trank das neue Jahr begrüßt werden soll. Wie aufwendig darf es sein, ein Dinner für sich allein? Entscheidungshilfe für Unentschlossene bietet ein blitzschneller Psychotest à la „Welcher Typ sind Sie?“. Eher Typ 1, Miss Sophie, Vier-Gänge-Menü plus Pairing? Oder vielmehr Typ 2, Butler James, kein Essen — dafür Saufen für Vier?

Vorspeisensuppe mit kolonialem Beigeschmack

Weil die Antwort vermutlich dazwischen liegt, könnte man sich auf einen Gang und zweimal Alkoholhaltiges verständigen. Im Dinner for One gibt es Sherry, Weißwein, Champagner und Portwein. Man wähle nach persönlicher Präferenz. Aus den vier Gängen erscheint der erste — die Suppe — die pragmatischste Wahl: Sie muss niemandem etwas beweisen, macht wenig Dreck in der Küche und saugt am nächsten Mittag aufgewärmt den ersten Kater des neuen Jahres einfach auf. Schmecken tut sie übrigens auch.

Für Miss Sophie und ihre Runde gibt es die sogenannte Mulligatawny-Suppe, und die hat mit Silvester und Deutschland in Wahrheit genauso wenig zu tun wie Dinner for One. Aber das versteht der Zuschauer vielleicht gar nicht, immerhin ist der 18-minütige Kult-Sketch auf Englisch – und vermutlich das einzige fremdsprachige Erfolgsformat im deutschen Fernsehen jemals, das weder synchronisiert noch mit Untertiteln belegt wurde, wobei knapp 50 Prozent des Dialogs aus Lall-Lauten besteht. Die sind dann doch wieder universal verständlich.

Mulligatawny ist eine indisch-britische Suppe und hat – auweia, man ahnt es jetzt schon – den faden Beigeschmack der Kolonialzeit. Auch das ist 2020: Noch nicht einmal Dinner for One kann man mehr gucken, ohne den geschichtlichen Kontext kritisch mitzudenken. Kein Grund für Hasskommentare, denn das ist natürlich eine postive Entwicklung. Das hat man sich in der Vergangenheit eingebrockt. Jetzt muss man die Suppe halt auch auslöffeln.

Apropos Suppe: Wie zur Kolonialzeit üblich brachten auch die Briten ihre Küchentraditionen mit nach Indien, die sich dort mit lokalen Aromen vermischten. Was wir heute essen, ist das Ergebnis von Kolonial- oder zumindest Migrationsgeschichte. Im Falle der Mulligatawny waren das feurige tamilische Curry-Noten einerseits sowie das britische Format „Vorspeisensuppe“ andererseits.

Mulligatawny heißt auf tamilisch so viel wie „Pfefferwasser“. Zumindest, wenn man es denn tamilisch korrekt und nicht anglisiert ausspräche. Überhaupt scheint Mulligatawny international und insbesondere in England, wo sie ab Mitte des 19. Jahrhunderts als „exotische“ Ergänzung der britischen Küche gefeiert wurde, berühmter als in Südindien selbst. Offiziell sei die Mulligatawny sogar die indische Nationalsuppe, bemerkt etwa der indische Youtube-Koch „Vahchef“ Sanjay Thumma. Aber: „Viele Menschen wissen das nicht, da es nicht üblich ist, sie zu servieren.“

Did you enjoy the soup?

Von der also doch ziemlich europäischen Mulligatawny gibt es vermutlich so viele Varianten wie Köche auf der Erde. Einigen kann man sich im Kern auf Hähnchchenbrust, Karotte und etwas Fruchtiges wie Apfel sowie rote Linsen, Ingwer, Knoblauch, Curry und Kokosmilch, dazu etwas Reis als Einlage. Wobei auch das alles verhandelbar ist: Manch einer bevorzugt Meeresfrüchte, Lamm, Rind oder verzichtet lieber aufs Fleisch. Manch anderer nimmt zum Apfel Mango dazu oder stattdessen Tomate.

Eine Mulligatawny geht außerdem mit der Zeit. In einem Rezept in der New York Times von 1983 ist von der praktischerweise veganen Kokosmilch keine Rede, jedoch von jeder Menge schwerer Sahne. Die Suppe kommt außerdem in verschiedenen Schwierigkeitsgraden daher: Man kann einfach alles in einen Topf schmeißen, oder man stellt etwa seine Curry-Mischung selbst her und röstet die Gewürze für ein besseres Aroma vorher an. Von einigen Herstellern gibt es Mulligatawny übrigens auch fertig aus der Dose. Aber selbstgemacht darf es zum Jahresausklang dann schon sein!

Für einen stattlichen Topf werden benötigt: eine Zwiebel, eine Karotte, eine Knoblauchzehe, ein kleines Stück Ingwer, sowie Currypulver oder -paste, in seiner Komplexität und Würze je nach Geschmack. Des Weiteren einen kleinen Apfel, eine kleine Mango, Gemüse- oder Hühnerbrühe, 250 Milliliter Kokosmilch, 150 Gramm rote Linsen, etwas Koriander sowie 500 Gramm Brustfilets von glücklichen Hühnern. Salz und Cayennepfeffer. Und etwas vorgekochter Reis als Einlage.

Alle Zutaten klein hacken. Zunächst Pfefferkörner, Zwiebeln, Knoblauch, Ingwer und Curry gefolgt von Karotte sowie den Früchten mitdünsten. Die Linsen und die gewaschene Hühnchenbrust hinzugeben und alles mit Brühe aufgießen, wer will, kocht die letzteren beiden separat. Ansonsten köchelt alles rund 20 Minuten, dann wird das Huhn hinaus genommen. Alles andere darf rund 15 Minuten weiter köcheln. Die Zeit lässt sich gut nutzen, um in den Instagram-Stories seiner Bekannten die Haushalte zu zählen und hier und da besorgt mit dem Kopf zu schütteln, auf einschlägigen Online-Shops nach Tigerkopfteppichen zu suchen oder in der Mediathek schon mal Dinner for One zu finden.

Dann wird püriert, aber bitte so, dass noch ein paar Stücke bleiben, sowie die Kokosmilch hinzu gegeben und abgeschmeckt. Et Voilá: mit Hühnerbrust, Reiseinlage und frischem Koriander servieren. Wie heißt es in Dinner for One: „Did you enjoy the soup?“ — „Delicious, James.“

Celina Plag ist freie Autorin und schreibt unter anderem über Geschmacksachen (und manchmal auch Krisenherde) für die FAZ



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Von Veritatis

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