Ganz schön schwer, meint die Nachbarin und reicht das Paket durch die Tür: „Ich bin ein bisschen neidisch.“ Auf dem Lieferschein stehen 2,284 Kilogramm, der Band hat ein großes Format: New Queer Photography, 304 Seiten Party, Verfolgung, Trotz, Zärtlichkeit, Zwischentöne. Viele Bilder, die aus der Werbung kommen könnten, leere Blicke, Haut, Brüste, beschnittene Penisse, unbeschnittene Penisse, Tätowierungen, Achselhaare, Hände, noch mehr Haut. Viel von dieser Ästhetik all der Magazine, die man in Berlin, Zürich, Wien, London, Paris in hippen, sauteuren kleinen Läden kaufen kann. Etliche von denen blättert man einmal durch und denkt sich: Ja nun, kann man machen.

Die 304 Seiten Körper sind eine geballte Masse, ein erschöpfender Reigen, in rascher Folge wechseln Stile, sechs Seiten hat ein*e Fotograf*in, wir springen von den USA über Vietnam, Großbritannien nach Bangladesch. Welcher Zugang macht da Sinn, wie sortiert man das? Kunstkritik? Politische Analyse? Blick auf kleine Risse in der Warenästhetik?

Benjamin Wolbergs hat eine Rundum-Sicht versammelt, mit bonbonrosafarbener Typografie eingeleitet und die einzelnen Fotograf*innen kurz vorgestellt. Der Blick geht von Matt Lamberts Umschlagbild, das in schwarzweißer Unschärfe zwischen sexuellem Akt, Gewalt, Lust und Zärtlichkeit siedelt, über Florian Hetz’ Erkundungen entlang im Detail aufgenommener Intimität: Hier greifen Finger nach Haut, wölbt sich eine Bauchfalte, glänzt rotes Achselhaar. Fast enttäuschend danach seine Standardporträts, da steht jemand, einer Auflösung gleich, in der Gegend herum.

Schlichte Porträts wechseln sich ab mit dokumentarischer Beobachtung, Inszenierungen inmitten des Lebensumfeldes von trans Menschen, sexuellen Positionen, der Feier ums Selbst, Mittelmaß. Dann aber Pauliana Valente Pimentels Reihe aus Cabo Verde – von ihren Protagonist*innen geht ein Kontrast zu kargen Landschaften und ärmlichen Häusern aus, dem man sich schwer entziehen kann: Wir ahnen die Enge der Insel.

Der Körper, diszipliniert

Wer diesen Band in Berlin geliefert bekommt, in Zürich, Wien oder London, kann schnell den Fehler machen, eben zu denken: Ja nun. Die Disziplinierung des Körpers durch gesellschaftliche Machtverhältnisse, über die sich Michel Foucault gründlich beugte, funktioniert in diesen Städten anders, lässt vielfältigere Räume zu. Vieles, was einst als Devianz gemaßregelt und verfolgt wurde, wird heute mitunter stolz als Banner in die Höhe gereckt.

Vielleicht ist es der Text von Ben Miller nach einem guten Drittel des Bandes, der den Blick verändert und die Aktualität von Foucaults Paradigma aufzeigt. Miller führt Laurence Rastis Aufnahmen von schwulen Iranern ein und weist auf die Praktiken der Entmenschlichung hin. Zugleich zeigt er die Grenzen der Alltagswahrnehmung in Berlin oder Zürich auf, indem er noch einmal Ex-Präsident Mahmud Ahmadinedschads Behauptung aufnimmt, dass es im Iran nun mal keine Homosexualität gebe. Miller schreibt, dass „die Abwesenheit von Homosexuellen im Iran ironischerweise durch den Mangel von iranischen Queers in vielen Medien des Westens reproduziert wurde“. Rasti – iranische Eltern, in der Schweiz aufgewachsen – porträtiert schwule Iraner, die in einer türkischen Grenzstadt darauf warten, irgendwohin kommen zu können, wo es sicherer ist. Ihre Gesichter bleiben verborgen, sie sind der Todesstrafe entkommen.

Mit dieser Fallhöhe kann man zurückblättern und über den generellen Mangel an Queers in Medien nachdenken. Sicher, die quietschbunten Bilder von Ralf Obergfell kümmern sich um Oberflächen des Hedonismus, aber die Aufnahmen der geschlechterflexiblen, sich im Dazwischen verortenden Personen haben fortan einen anderen Geschmack: Es sind Bilder, die auch auf eine große Angst des Bürgertums hinweisen. Der Normierungswahn findet in ihnen eine Grenze. An manchen Orten springen symbolische Akte, bei denen sich LGBTQ-Feiern ausdauernd selbst bejubeln, recht kurz. Aber durch die unterschiedlichen Perspektiven, die Wolbergs versammelt, schimmert stets die nur brüchige Akzeptanz, die Mehrheitsgesellschaften Menschen entgegenbringen, die sich ihnen ästhetisch und sexuell widersetzen.

Dabei ergibt sich die Relevanz des Rundblicks nicht nur aus den Aufnahmen von Shahria Sharmin und den schwarzweißen Fragen nach Geschlechterdispositionen – auch in Berlin, knapp außerhalb der Orte, von denen Spyros Rennt eher Party-Banalitäten zu berichten hat, steigen die Zahlen homophober Übergriffe. Pünktlich versuchte die NZZ diesen Umstand vor allem Muslimen in Neukölln an die Backe zu kleben und kritisiert „linke Gruppierungen“, also die Grünen, als „naiv“. Daran ist einiges falsch, anderes nur zu schlicht gedacht: Die Verwechslung von Islam und Islamismus ist schon trauriger Standard. Und ob homophobe Gewalt grundsätzlich im Islam oder in toxischer Männlichkeit verankert ist, könnte eine Kontrollgruppenuntersuchung erarbeiten. Zum Beispiel bei der sächsischen Polizei.

New Queer Photography Benjamin Wolbergs ( Hrsg.) Kettler 2020, 304 S., 58 €



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Von Veritatis

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