Die Zauneidechse tritt eine zweite Amtszeit an. Das „Reptil des Jahres 2020“ regiert auch 2021 als Heidekönigin der Herpetologie weiter. Ihre Mission: erst mal Winterstarre halten, Spinnen fressen und dann gucken, was noch so geht.

Ganz ohne Wahlkampf oder Neuauszählung ist es der Zauneidechse gelungen, im Amt zu bleiben. Sie verdankt das der Pandemie: Die Echse konnte nicht wie geplant auf Fachtagungen und an Infoständen gewürdigt werden, also verschob man die Wahl ihres Nachfolgers um ein Jahr. Als „idealen Werbeträger für die heimischen Kriechtiere“ hatte die Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde e.V. (DGHT) die Zauneidechse, das Reptil des Jahres 2020, angekündigt. Doch als sie im Frühjahr als neuer Titelträger aus dem Winterquartier krabbelte, verkroch sich ihr Zielpublikum: die Menschen.

Trotzdem hatte die Zauneidechse ein beachtliches Jahr. Ihr größter Erfolg: Als derGuardian im Dezember titelte: „Lizards and snakes bring halt to work on Tesla plant near Berlin“. Der „lizard“, von dem die Rede war: Natürlich sie, die Zauneidechse. Sie hatte einen einstweiligen Abbruch der Rodungen auf der Baustelle für Teslas Gigafactory in Grünheide erwirkt.

Lacerta agilis, die flinke Echse, ist ein in Mittel- und Osteuropa sowie Vorderasien verbreitetes Reptil aus der Familie der Echten Eidechsen (Lacertidae). Husch, Husch! Ist sie da? Ist sie weg? Wo eben noch eine Echse saß, verschwindet sie bei der leisesten Erschütterung oder wenn sich Feinde wie Greifvögel, Katzen oder Marder nähern schnell unterm Stein, im Erdloch oder eine Mauer hinauf. Gut getarnt und flink. Ihr Lebensraum braucht sonnige Plätzchen, um die Echsen auf Betriebstemperatur zu bringen, und viele Verstecke, aber auch Nahrungsgrundlage – sie lebt räuberisch: Insekten, Spinnen, Regenwürmer. Sie trinkt: schlürft den Tau von den Blättern und die Regentropfen.

Die Zauneidechse lebt in Randbereichen. Sie bevorzugt trockene Übergangssäume – wenn es dies und jenes gibt und sie unterschiedliche Bereiche in ihrem Lebensraum vorfindet. Waldränder, Hecken, Brachland, Sand-, Kies- und Tongruben, Abraumhalden und Steinbrüche bieten das. Sie steht auf Bahn- und Straßensäume, sie bewohnt Truppenübungsplätze. Sie findet auch Industriebrachen und Friedhöfe lebenswert. Die Weinkönigin des Kriechtierreiches mag Weiden, Wiesen und Gärten, Weinberge, Magerrasen, Dünen und Heide. Sie ist wählerisch, aber nicht kapriziös. Sie kann sich mit vielem arrangieren. Aber wo sie wohnt, da wohnt sie. Denn an einer Horizonterweiterung hat sie kein Interesse. Mehr als 30 Meter von ihrem Schlupfort entfernt sie sich oft zeitlebens nicht. 100 Meter sind eine weite Reise. Die Echse zieht nicht gerne um. Neue Standorte besiedelt sie zögerlich. Sie bleibt in ihrem Versteck. Sie sitzt das aus, wenn sie gehen soll.

Wo sie wohnt, da wohnt sie

Was will das Tier während seiner Regentschaft sagen? Haben nicht bereits Feuersalamander (2016) und Mauereidechse (2011) für sich gesprochen? Nun: Die Zauneidechse ist eine, die sich klar positioniert, weil sie Fressen, Eierlegen und Winterschlaf an Orten zelebriert, die auch der Mensch gern nutzen würde. Dass es da zu Zielkonflikten kommt, liegt daran, dass sie so selten gar nicht ist, diese Echse. Nicht überall jedenfalls. Sie kommt vor. Und weil sie vorkommt, kommt der Mensch mancherorts nicht voran.

Die Zauneidechse zählt zu den streng geschützten Arten. Sie muss in der Vorhabensplanung berücksichtigt werden. Daraus ergibt sich planerisches Konfliktpotenzial: Die Echse hat andere Interessen als die Bauherren. Dass ihre Meinung zählt, ergibt sich aus ihrem europäischen und nationalen Schutzstatus – Bundesnaturschutzgesetz und Flora-Fauna-Habitat-Richtline (FFH-Richtlinie). FFH, das ist Naturschutz, wie ihn die EU vorsieht, mit strikten Vorgaben, dass Lebensräume schützenswert sind und ein Verschlechterungsverbot für die Lebensräume geschützter Arten besteht. Also verzögert die Zauneidechse den Bau von Autobahnen, blockiert Neubauprojekte und torpediert neue Bahnhöfe. So manches Mal heißt es im Wettbewerb Mensch gegen Zauneidechse aus europäischer Sicht: Zauneidechse – zwölf Punkte; Sand Lizard – twelve points; Lézard de sable – douze points. Tesla-Chef Elon Musk kann ein Lied davon singen.

Jedes Bauvorhaben im Echsenland braucht vorab einen Plan, wie mit der Echse umzugehen ist. Umsiedlungsmaßnahmen sind zeitintensive Handarbeit. Ob man in einem Umsiedlungsprojekt jemals alle Tiere erwischt? Unwahrscheinlich. Ob sie im neuen Territorium klarkommen? Ungewiss. Teils müssen neue Lebensräume geschaffen werden, teils braucht es außerdem Vergrämungsmaßnahmen für verbliebene Echsen. Man kriegt sie nie alle. Sind eben flink.

Ganze Baugebiete können in Sommer- oder Winterstarre fallen, wenn die Echse umgeht. Es geht dabei um richtig viel Geld. Die Kosten für ein Umsiedlungsprojekt belaufen sich teils auf mehrere Tausend Euro – pro gefangener Echse. Umso mehr, wenn ein neuer Lebensraum erst noch eingerichtet werden muss. Die Bahnhöfe Stuttgart-Feuerbach und -Untertürkheim als Teil des Stuttgart-21-Bauvorhabens waren ein Lebensraum für Zaun- und Mauereidechsen. Der Echsorzismus soll rund 15 Millionen Euro gekostet haben, heißt es.

Sicher ist: Die Zauneidechse ist in ihrem ganzen Verbreitungsgebiet – und das reicht von Schweden bis Griechenland und von Südengland bis nach Zentralasien – nicht überall bedroht. Es gibt sie nicht flächendeckend, weil sie eher warme und trockene Standorte bevorzugt. So ist sie im Norden oft nur hier und da Zaungast. Im Süden und Südosten ist aber durchaus mit ihr zu rechnen. Oft. Sie steht in einigen Bundesländern als „gefährdet“ oder „stark gefährdet“ auf den jeweiligen Roten Listen. Von der Roten Liste des Bundes ist sie aber in die Vorwarnliste heruntergestuft worden, weil es insgesamt doch nicht ganz so schlecht um sie bestellt ist. Die Rote Liste zeigt die Prioritätensetzung im Artenschutz an. Ein Rettungsschirm ist sie nicht automatisch. Artenschutz ist komplex.

Als Markenbotschafter der Fauna dient das Reptil des Jahres einer höheren Sache: Es geht darum, Aufmerksamkeit zu schaffen, Bewusstsein für ihre Bedürfnisse und Lebensräume. Und natürlich um niedlich. Ganz klar geht es auch um niedlich. Die Echse braucht Fans und Follower in der heutigen Welt. Der Gedanke ist grün, die Echse in diesem Fall auch, zumindest die männliche. Nur nicht im Winter. Da sind alle Zauneidechsen braun. Gemustert sowieso, mit Bändern und Tupfen. Sie ist keine blasse Spargelprinzessin – farblich eher Typ Gurkenkönigin, nur halt mit Glitzer.

Die Zauneidechse als Botschafterin, Flaggschiff für die Rechte der Reptilien: Bewirkt sie etwas oder bleibt sie nicht vielmehr den einen lieb, den anderen lästig? Ihre zweite Spielzeit wird angepfiffen. Nur fair. Aber wie das nächste Jahr in Sachen Echsen-PR wird, weiß keiner: lauter ungelegte Eier. Die wird dann die Sonne ausbrüten. Überhaupt herrscht bei der Zauneidechse jetzt erst mal Winterruhe. Seine Durchlurcht, das Reptil in Residence, schläft.

Regina Bartel ist Biologin, Autorin und Wissenschaftsjournalistin



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Von Veritatis

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