Noch 24 Stunden bis zum Login. Ich bin zerrüttet. Leichtsinnig hatte ich zugesagt, mein Wochenendseminar dieses Mal auf Zoom zu halten: „Kein Problem, ich probier’ immer gern was Neues aus.“ Wirklich? Etwas spät, nun also auch ich: ein Opfer dieser Online-„Meetings“. Rettungsszenarien wirbeln mir im Kopf: Ich könnte Verbindungsprobleme simulieren. Oder ich schalte einfach meinen Ton aus, behaupte aber, der Ton ist an. Natürlich würde ich die Störungen so überraschend wie möglich gestalten. Eingefrorener Bildschirm, schräge Soundeffekte oder dass ich plötzlich wegen eines versprengten Webcam-Effekts einen Alienkopf habe? Sind nicht die Störungen das Interessante an diesen Online-Seminaren? Das ist es doch, was alle immer hören wollen: „Hat es geklappt?“ – „Nein, überhaupt nicht. Zuerst redete jemand zehn Minuten lang, obwohl ihn keiner hörte, wir wedelten wie die Wilden, aber er sah es nicht, hihi.“

24 Stunden später: Da ich meinen Bildschirm geteilt habe, sehe ich die Teilnehmer nur winzig. Ich höre auch nichts von ihnen, weil ich sie stummgeschaltet habe. Hat man mir empfohlen. Andererseits höre und sehe ich mich selbst. Ich könnte die Anzeige – entgegen allen Ratschlägen – ausschalten, aber: Was, wenn mir ein Spaghetto von der Nase hängt? Oder mich eine Fliege traktiert, so wie den US-Vizepräsidenten Mike Pence? Irgendein Teilnehmer schneidet es mit, stellt es ins Internet, und weil es mit dem Hashtag #Pence’sFlyInGermany versehen ist, gucken es alle und lachen über mich. Ich bin nicht Pence, der viel Geld dafür bekommt, damit er so was aushält. Besser, ich behalte mich im Blick.

Ich bin das auch schon gewohnt. Bei der Generalprobe hatte ich mich selbst mit vier verschiedenen Geräten in Zoom getroffen. Das war noch viel verwirrender, weil ich gar nicht mehr wusste, wer die wirkliche Susanne Berkenheger war. Bis mir einfiel, dass die anderen ja genauso wirklich waren, nur halt keine Hosts. Als Host in Action fuchtle ich anfangs sehr avanciert mit dem Zoom-Spotlight auf meiner Präsentation herum. Später vergesse ich das wieder und deute stattdessen mit dem Finger auf meinen Bildschirm: „Da … da … da steht es! Seht ihr es?“ Dann starte ich ein Video und will mich dazu – einem weiteren Ratschlag zufolge – selbst stummschalten. Aber es ist verrückt: Immer, wenn ich mich stummschalte, ist das Video wieder weg. Ich, in Panik, bis ich auf eine geniale Idee komme: Ich sag einfach nichts, das ist genauso wie stummschalten.

Zweimal schmeiße ich – wegen eines nervösen Zeigefingers – ein von den Teilnehmern erstelltes Whiteboard zum Fenster raus. Beide Dateien sind unwiederbringlich weg. Einmal simuliert mein Computer einen Netzausfall. Ich schwöre, es war keine von mir lancierte Rettungsaktion!

Schließlich, 30 Stunden nach dem Erst-Login: Unsicher tappe ich durch die Wohnung. Der Sohn poppt auf. Hektisch frage ich mich, ob ich schon die richtige Wohnungs- und Ansprechoberfläche geteilt habe? Wie kann ich es herausfinden? Wo ist mein Schaltpult? Ersatzweise frage ich den Sohn: „Ist alles normal bei mir?“ – „Definitiv nicht!“, erwidert der. „Wenn du so fragst, ist definitiv nicht alles normal bei dir.“ Ah, gut! Ich höre ihn. Habe also nicht vergessen, seine Stummschaltung aufzuheben. „Und übrigens“, fährt er fort, „du guckst ziemlich merkwürdig. So komisch irgendwie.“ Pfff!, denke ich. Das ist ja wohl logisch. Mein Video ist ausgeschaltet. Wie soll ich so sehen, wie ich gucke? Nur noch schwach erinnere mich an Zeiten, in denen ich mein Gesicht völlig unkontrolliert durch die Gegend trug. Wie wild war das denn? Man kennt das ja. Technische Abhängigkeiten entstehen sehr geschwind. Der Weg zurück wird wohl etwas länger werden.



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Von Veritatis

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