Der Ärger begann, als Dr. Ulrich Burkhardt die Grenzen öffnete. Nun streiten sich freilich bis heute die Geister, ob es sich im eigentlichen Sinne um eine Grenzöffnung handelte. Fakt sei, so der Biologe, dass er den Zaun lediglich an den Ecken ein wenig weiter aufgebogen habe – dort also, wo er ohnehin nicht richtig dicht gewesen sei. Für die aber, die sich vor wilden Kreaturen fürchten, die durch Zaunlöcher schlüpfen, macht das keinen Unterschied: Ein Dschungel entstehe, wenn man sich nicht ordentlich um die Zäune kümmere und überhaupt Ordnung im Garten halte, ein wilder Dschungel, im Garten von Burkhardts Eltern! Das fanden deren Nachbarn gar nicht witzig.

Der Grenzöffner Burkhardt ist auf Bodenzoologie spezialisiert und Mitglied des BUND in der sächsischen Grenzstadt Görlitz. Deren Bewohnerinnen sind Zaunkämpfe gewohnt: 2019 zeigte sich bei Sachsen-, Europa- und Oberbürgermeisterwahl, wie stark die Stadt zwischen links-grünen, AfD- und CDU-Wählern gespalten ist. Im Görlitzer Café Kugel war es, wo die Grünen entschieden, die Kandidatur von Franziska Schubert zugunsten des jetzigen CDU-Oberbürgermeisters Octavian Ursu zurückzuziehen. „Mir hat die Hand gezittert, zum ersten Mal habe ich CDU gewählt“, erinnert sich eine 70-jährige Hobbygärtnerin, die im November 2019 in ebendiesem Café sitzt und gleich Ulrich Burkhardt lauschen will – vor der Pandemie, als dessen Vorträge noch regelmäßig analog stattfanden. Wie aus einem ordentlich aussehenden Garten ein ordentlicher Naturgarten wird, ist Burkhardts Spezialität: „Tiere anlocken, ansiedeln und halten“ lautet der Titel seines Vortrags, bei dem er zusammen mit dem Kollegen Peter Decker über Nisthilfen für Wildbienen (Brombeerstängel ja, Backsteine nein!), Mauerlücken für Zauneidechsen und eben: Gartenzäune doziert. „Am besten legen Sie statt eines Zauns eine Weißdornhecke an, und wenn es doch eine Zaun sein muss, sollten Sie Löcher reinmachen“, erklärt Burkhardt, „damit die Igel durchwandern können“.

Der Igel darf, der Marder auch

Die Igel fürchteten die Nachbarn seiner Eltern nun nicht, wohl aber, dass mit ihnen auch anderes Getier durch den Zaun in den heimischen Garten fleuchen könnte, insbesondere: Marder. Die könnten des Nachts ihr Unwesen zwischen den Schläuchen und Kabeln des nachbarlichen Autos treiben. Als Burkhardt noch einmal vom Ärger der Nachbarn berichtet, ein Jahr später im coronabedingten Homeoffice, zeigt er Verständnis. Für die Marder. Das Auto, so der Bodenzoologe, stünde ja manchmal woanders, und wenn dort ein auswärtiger Marder seine Duftmarke hinterlasse, ziehe das in der heimischen Auffahrt einheimische Marder an. Das sei nur natürlich.

Dabei schlagen sich die Wildgarten-Verteidigerinnen vom BUND in Görlitz insgesamt gar nicht so schlecht. 2018 – das war vor dem Einzug der AfD-Fraktion mit 30,8 Prozent 2019 – beschloss der Stadtrat den schrittweisen Verzicht auf das Insektenvernichtungsmittel Glyphosat auf öffentlichen Grünflächen, seither wird mit anderen Methoden experimentiert. Und den Bürgerrat des Görlitzer Stadtteils Rauschwalde konnten die Naturschützer mit Konzepten zur naturnahen Umgestaltung von Grünflächen überzeugen: Auf eigene Kosten beschafft der BUND nun lokales Saatgut für Wildblumen und zaubert aus gerade noch ordentlich gemähtem Rasen wilde, blühende Wiesen. Das gefällt zwar den Insekten, nicht aber allen Görlitzerinnen.

„Leider schreiben der Stadt immer nur die Leute, die sich beschweren, wie unordentlich die Wiese aussieht“, erzählt im Café Kugel Peter Decker. Er ist wie Burkhardt Biologe, BUND-Mitkämpfer und Tausendfüßler-Spezialist, die beiden teilen sich nicht nur Vorträge, sondern auch einen Gemeinschaftsgarten, und auch dort lernten sie die Nachbarn schnell kennen, als sie damit begannen, ihre Parzelle in einen Naturgarten umzuwandeln. Eines Herbsttages meldete sich der Vorstand des Kleingartenvereins. „Der Tatbestand lautete“, Decker muss lachen, „der Garten befinde sich in einem Zustand der beginnenden Verwilderung.“ Anlass für die Beschwerde waren Stauden, die Decker und Burkhardt im Herbst nicht zurückschnitten und die sich nun braun und matt zur Seite neigten. „Sieht schon kraus aus, lebt aber trotzdem!“, Decker wird wach, „in den trockenen Knospen verbirgt sich Saatgut, darin überwintern Käfer und Wanzen, deshalb ist es wichtig, sie stehen zu lassen! Und dann störten die sich noch an den Disteln, es gibt gar keinen Grund, die rauszurupfen, und der Distelfink heißt ja nicht umsonst so, der ernährt sich von Distelsamen.“

Nun lag aber der Stachel schon auf dem Stuhl des Vorstands, und der stand dann erbost mit seiner Schatzmeisterin in Deckers und Burkhardts herbsttraurigem Garten. Doch die Wildgarten-Aktivisten hatten sich vorbereitet. Schließlich kann in einer Kleingartensiedlung nicht jeder mit seinem Stück Natur machen, was er will: Die sächsische Rahmenkleingartenordnung weiß auf so ziemlich jede Streitfrage eine Antwort. Und die fällt durchaus igelfreundlich aus: „Abgrenzungen zwischen den Parzellen“, steht da, seien „entbehrlich“, und die von Burkhardt gepriesenen Hecken dürfen eine Höhe von 1,2 Meter haben.

Rahmenkleingartenordnung

Was aber sagt die Ordnung zu hängenden Stauden voller Käfer? Punkt 1.2 ist ambivalent: „Der Arten- und Biotopschutz sind, soweit die kleingärtnerische Nutzung nicht beeinträchtigt wird, zu fördern.“ Was unter kleingärtnerische Nutzung fällt, steht wiederum in Artikel 1.1: Gartenbau – und Erholung. Ist Letztere nicht beeinträchtigt, wenn ein Nachbar sich von braunen Disteln und Stauden ästhetisch beleidigt fühlt? Abwägungssache. Decker erklärte den Kontrollbesuchern also die Funktion jedes seiner welken Blätter. Dass hier inzwischen 250 Arten Wildpflanzen lebten, beeindruckte den Vorstand dann doch, „Herr Decker, sagte der“, sagt Decker, „so grün wie Sie werd’ ich nimmermehr.“ Auch das Gesicht der Schatzmeisterin hellte sich auf, am Ende nahm sie sogar ein paar Samen mit.

Von dem „Blockwart“, wie Burkhardt den Beschwerdeführer nennt, hörten die beiden Verwilderer nichts mehr. Es seien jedoch immer die gleichen Leute, mit denen man Ärger habe: „Jene derzeit auch in den USA berühmte Klasse, die sich aus kleinerem Stand gerade so in die Mittelklasse retten konnte und die eine beharrliche konservative, nach unten tretende Mentalität entwickelt hat – in großen Teilen wird sie noch von der CDU abgefangen. Das Motto scheint zu sein, das letzte Arschloch sein zu dürfen, solange man nicht das allerletzte Arschloch ist.“

Sein Kollege Decker gibt sich versöhnlicher. „Man will ja schön koexistieren, das ist nicht immer so leicht. Manche sind hier von morgens bis abends, da gibt’s kein Unkraut, nur Ordnung“, und Ordnung, macht Decker klar, sei in Zeiten des Artensterbens eine Gefahr für die Menschheit: „Der Feind, das sind die Schottergärten, wie man sie in den Hipster-Vierteln in Frankfurt am Main findet. Steinwüsten, über die dann Glyphosat gekippt wird, damit neben dem kurz vor dem Dursttod stehenden Buchsbaum kein Halm überlebt.“ Manche AfDler der Stadt hingegen kämen auch zum BUND-Stand und würden diskutieren, „von wegen Artensterben“, sagten die, „kommen Sie mal bei uns in den Garten, da brummt’s und summt’s!“. Das würde Decker ja eigentlich gerne mal sehen, ob das wirklich brummt und summt da. Hat er aber nie gewagt. Bislang.



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Von Veritatis

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