Niemand wollte 2020 seinen Urlaub absagen. Kaum jemand nahm sich vor, weniger zu konsumieren. Die meisten taten es aber. Corona hat gezeigt: Mensch verändert sich, wenn er muss – nicht wenn er sollte oder möchte. Das Gesetz der Trägheit, das nur in Gefahrensituationen ausgehebelt wird: Ist die Gefahr unmittelbar (ein Virus bedroht meine Gesundheit), wird der Überlebensinstinkt aktiviert, die Reaktion kommt stante pede. Ist die Gefahr abstrakt, wird verdrängt: Beim Rauchen kommt der Lungenkrebs erst in 20 Jahren, bei der Klimakrise passieren Rekordhitze und Überschwemmungen erst in Thailand oder mit einer Wahrscheinlichkeit X in meinem Vorgarten. Also entspanne ich mich, obwohl ich um die Gefährlichkeit weiß. Dieses paradoxe Verhalten ist auch für unsere Politiker in Sachen Klima symptomatisch.

So kommt es, dass in einem Jahr Pandemie mehr geschafft wurde als in 30 Jahren Klimapolitik. Laut dem Forschungsnetzwerk Global Carbon Project sanken die CO2-Emissionen weltweit um sieben Prozent. Rund 2,4 Milliarden Tonnen weniger CO2 sind ein historischer Rückgang: Laut den Forschern ist der CO2-Ausstoß in der Finanzkrise 2009 nur um eine halbe Milliarde Tonnen zurückgegangen.

Doch der gesellschaftliche Notstand von 2020 lässt sich nicht endlos durchhalten. Verbote sind klimapolitisch effizient, aber in dieser Weise nicht durchsetzbar. Die Mehrheit wird träge in alte Handlungsmuster zurückfallen. Und die Politik handelt erst, wenn andere Zwänge stärker werden als die Interessen von Lobbys.

Die gute Nachricht ist: An der Erkenntnis, dass Klimapolitik notwendig und machbar ist, mangelt es nicht mehr. Es ist längst bekannt, dass ein ambitionierter CO2-Preis den fossilen Energien den Garaus macht und auch, dass eine staatliche Subventionierung von Kohle, Öl und Gas verschwendetes Geld ist, wenn man ebendiese Energien abschaffen will. Und dass es starke Gesetze braucht, um erneuerbare Energien zu fördern.

Die vergangenen Wochen zeugten von diesem Erkenntnisgewinn: Die 27 Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union haben sich Mitte Dezember nach einer langen Nacht in Brüssel auf eine Erhöhung der Klimaziele geeinigt. In den nächsten zehn Jahren sollten die Emissionen um mindestens 55 Prozent zurückgehen. Das sind 15 Prozentpunkte mehr als eigentlich vorgesehen. Dafür sollen der Emissionshandel ausgeweitet, erneuerbare Energien und die Umstellung auf CO2-freie Antriebe gefördert werden. Auch einen Import-Zoll für CO2-intensive Produkte soll es bald geben.

Grüner Stahl, klare Ziele

Das sind zweifellos ernsthafte Schritte in Richtung Treibhausgasneutralität. Zu dieser haben sich seit dem Sommer mehrere Staaten weltweit verpflichtet. Sogar China will bis 2060 unterm Strich keine CO2-Emissionen mehr ausstoßen.

Auch die UN-Klimadiplomatie nimmt wieder Fahrt auf: Fast 130 Länder haben versprochen, sich mehr anzustrengen. Großbritannien hat als Gastgeber der nächsten Klimakonferenz im November 2021 ein extrem strenges Klimaziel von 68 Prozent CO2-Reduktion bis 2030 vorgelegt.

Und auch Teile der Wirtschaft schauen auf den riesigen Umbau mittlerweile mit anderen Augen. Stahlproduzenten starten Pilotprojekte für „grünen Stahl“, Zementfabrikanten versuchen ihre CO2-Emissionen zu drosseln. Die unter Linken nicht gerade beliebte Unternehmensberatung Mc Kinsey erklärte in einer hauseigenen Studie, dass die Klimaneutralität in der EU nicht nur möglich sei, sondern den Bürger auch nicht mehr kosten würde. Mittlere und niedrigere Einkommen könnten sogar vom Green Deal profitieren, während Wohlhabende eher draufzahlen müssen.

Lange sind die Zeiten vorbei, wo neoliberale Kräfte den Klimaschutz grundsätzlich mit ökonomischen Argumenten kleinreden. Viele sehen den Vorteil des Umbaus.

Auch der renommierte Klimaforscher Hans-Joachim Schellnhuber klingt im Rückblick auf fünf Jahre Weltklimavertrag wieder optimistischer: „Die Realität hat den Vertrag überholt.“ Im Paris-Abkommen stehe, dass die Staaten „in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts“ klimaneutral werden müssten. „Das hätte theoretisch auch 2099 sein können“. Mittlerweile haben aber die wichtigsten Staaten das bereits für 2050 bis maximal 2060 politisch festgeschrieben.

„Psychologisch sind wir mittlerweile weiter, aber physikalisch treten wir auf der Stelle“, meint Schellnhuber. Zwar sei die Klimakrise in den Köpfen angekommen. Das drücke sich aber noch nicht in einer realen Trendwende aus.

Das Klimaparadoxon von rhetorischer Kür und handlungsarmer Bauchlandung geht weiter. Trotz der Corona-Delle reichern sich ungebremst Treibhausgase in der Atmosphäre an. 2019 wurde laut Weltwetterorganisation im globalen Durchschnitt erstmals seit Beginn der Industrialisierung die Marke von 410 ppm Kohlendioxid erreicht – die Einheit beschreibt die Anzahl der CO2-Teilchen unter einer Million Luftteilchen. Um 1750, also vor der Industrialisierung, lag sie bei 280 ppm. Dieser Anstieg ging auch 2020 weiter. In der Messstation Mauna Loa auf Hawaii wurden kurz vor Weihnachten 413 ppm gemessen. Ab 450 ppm rechnen Klimaforscher mit irreversiblen Klimaeffekten.

Trotz des Wachstums erneuerbarer Energien nimmt der Abbau fossiler Ressourcen nicht ab. Ein im Dezember veröffentlichter UN-Report warnt, dass – würden alle geplanten Vorhaben umgesetzt – die Produktion fossiler Brennstoffe in den nächsten zehn Jahren um jährlich zwei Prozent ansteigt. Um das 1,5-Grad-Ziel zu schaffen, müsste der Einsatz CO2-intensiver Brennstoffe um sechs Prozent jährlich sinken.

Weiterbohren in der Arktis

Und die fossilen Konzerne setzen weiterhin auf Wachstum. Kurz vor Weihnachten schmetterte ein Gericht in Norwegen die Klage von Umweltorganisationen ab, dass Ölkonzerne aus ökologischen Gründen auf die Förderung in der Arktis verzichten sollten. Auch hier zeigt sich das Paradoxon: Norwegen ist ein hochmodernes Land, das bereits 2025 keine Verbrennerautos mehr zulassen will und auch beim Strom fast komplett grün ist. Gleichzeitig lebt die Regierung immer noch vom Export von klimaschädlichem Öl und Gas, das sie nun auch in der Arktis fördern will.

In Deutschland gestand Wirtschaftsminister Peter Altmaier im Sommer reumütig ein, dass in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland zu wenig für den Klimaschutz getan wurde. Aber parallel zu seinem Mea culpa arbeitete Altmaier bereits an der Novelle des Gesetzes zur Förderung erneuerbarer Energien, die alles andere als eine Kehrtwende markierte. „Das reicht nicht mal im Ansatz, damit wir unsere Industrie mit dem kostengünstigen grünen Strom beliefern, den sie braucht“, kommentierte Patrick Graichen, Direktor des Thinktanks Agora Energiewende.

Die Reform war nur eine weitere Enttäuschung nach angekündigten grünen Konjunkturpaketen (die maximal hellgrün waren) und dem 2019 geschnürten Klimapaketchen. Das Klimaparadoxon ist auch in Deutschland noch lange nicht aufgelöst. Zwar gibt es hier ab 2021 erstmals einen CO2-Preis. Aber der ist nicht nur zu niedrig, sondern existiert parallel zu fossilen Subventionen, dem Ausbau von Autobahnen und neuen Flüssiggasterminals an der Nordsee oder unveränderten Ramschpreisen in der industriellen Landwirtschaft. Das Gesetz der Trägheit wirkt fort.



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Von Veritatis