Chemnitz.

Eine Geige quietscht, eine Triola trötet, eine Stimme brabbelt unverständliche Laute, die gleichwohl mit konsequentem Selbstbewusstsein auf sich aufmerksam machen. “Coro Tabal” heißt die neueste musikalische “Kanaluntersuchung” der beiden Chemnitzer Künstler Frank Maibier und Andreas Winkler. Der eine, Maibier, ist durch konzeptionelle, oft multimediale Kunst bekannt geworden; der andere, Winkler, spielt klassische Streichinstrumente, Violine und Viola, engagiert sich für moderne Musik, spielt sie mit dem Ensemble 01 auch selbst. Im Weltecho treffen sie sich manchmal bei Ausstellungseröffnungen – kaum eine Partnerschaft kommt den ursprünglichen Zielen des avantgardistischen Weltecho-Vorgängers Voxx näher. Mit ihrer neuen CD greifen die Künstler diesen Avantgardismus auf geheimnisvoll-faszinierende Weise auf.

Es ist ihr “Corona-Projekt”, entstanden in den sechs Monaten nach dem ersten Lockdown im März. Die Musik beschreibt ungewöhnlich originell die Situation des vergangenen und auch des beginnenden neuen Jahres. Diese Klangcollage aus Maibiers Stimme, seinem Klavier- und Triola-Spiel, und Winklers Streich- und Electronics-Einlagen ist so etwas wie der Chor der kleinen Trommeln. So könnte man den aus einer Lautspielerei entstanden Titel “Coro tabal” übersetzen – “coro”, spanisch: Chor, und “tabal”, im Katalanischen eine kleine Armtrommel. Aber eigentlich will der Titel gar nicht übersetzt werden, und gerade das macht den Reiz der gesamten Arbeit, der dreißig Stücke, die insgesamt etwas mehr als eine Stunde lang von zwei CDs erklingen aus: dass die aus freiem Experimentieren entstandenen Laute, Töne, Klänge, Melodien plötzlich doch eine Bedeutung bekommen. Sie klingen wie dieser manchmal fast verzweifelte Wunsch, “Corona” zu verstehen, das Virus, wie es wirkt, wen es befällt, wen es wie stark trifft und wann es wieder verschwindet. In den experimentellen, vielgestaltigen, manchmal fast poppig tanzbaren, dann wieder wild gebrochenen Stücken schwingt die Einsamkeit des Lockdowns mit, der dem Befehl gleichkommt: Finde dich selbst! Beschäftige dich mit dir und deinen Nächsten. Finde heraus, was du tun willst, wenn du nichts tun darfst. Und die beiden wollen: Hier klingt “neue Musik” nicht elitär, sondern inspiriert von Pop und Jazz, von Klassik und Disco. Man findet sich in Rhythmen, hechelt einander hinterher, übt sich in Harmonie – nur um sich gleich wieder zu entfernen oder sogar lautmalerisch zu bekriegen.

So wie dem Gesang scheinbar der Sinn fehlt, fehlen den Titeln die ersten Buchstaben – suggerieren Unvollständigkeit, Aufbruch zu unerreichbarer Vollkommenheit. Die ersten zehn Stücke nennen sich “alden I bis X”, spielen also wohl auf Henry David Thoreaus Aussteigerbibel “Walden oder Leben in den Wäldern” an. 1854 erschienen, beschreibt Thoreau darin sein zweieinhalbjähriges, einsames Leben am Waldensee – er konnte es sich leisten und wollte herausfinden, wie man wirkliche Freiheit erlangen könne. Eine Antwort fand er nicht, wurde aber zum aufmerksamen Beobachter seiner Umwelt. Auch Maibier und Winkler scheinen mit den Stücken ihre Umgebung zu beobachten: Wochentage folgen Vögel, Jahreszeiten. Das ist, als würden sich die “kleinen Trommeln” experimentierfreudig-aufmüpfig-frech der großen Trommel entgegenstellen, die Marsch und Richtung vorgibt. So, wie es Thoreau in “Walden” beschrieben hatte: “Wozu diese verzweifelte Jagd nach Erfolg, noch dazu in so waghalsigen Unternehmungen? Wenn ein Mann nicht Schritt mit seinen Kameraden hält, dann vielleicht deshalb, weil er einen anderen Trommler hört. Lasst ihn zu der Musik marschieren, die er hört, in welchem Takt und wie fern sie auch sei.” “Coro tabal” ist so ein faszinierendes Plädoyer fürs Experimentieren, für Hoffen und Wagen, Scheitern und Neubeginnen – was könnten wir jetzt besser brauchen?

Die Doppel-CD “Coro tabal” ist auf Bandcamp erhältlich.

bandcamp.com/album/coro-tabal



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Von Veritatis