Wiesbaden.

Der im November in Kraft getretene Lockdown hinterlässt seine Spuren in der deutschen Konjunktur. Statt der noch im Sommer erhofften Erholung rechnet das Münchner Ifo-Institut auch im letzten Quartal 2020 mit einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung um 0,1 Prozent. “Vor allem bei Hotels und Gaststätten sowie bei Dienstleistern aus Kunst, Unterhaltung und Erholung dürfte die Wertschöpfung im vierten Quartal erneut mit hohen zweistelligen Raten geschrumpft sein”, sagte Ifo-Konjunkturchef Timo Wollmershäuser. Im Gegensatz dazu hätten die Industrie und die industrienahen Dienstleister ihren Erholungskurs bislang weitgehend unbeeindruckt von der Infektionswelle und den staatlichen Maßnahmen fortgesetzt. Ihre Wertschöpfung dürfte am Jahresende deutlich gestiegen sein, meinte der Konjunkturexperte.

Das Coronajahr 2020 hat Deutschland in eine der schwersten Konjunkturkrisen der Nachkriegszeit gestürzt, im Staatshaushalt klaffen erstmals seit 2011 wieder tiefe Löcher. Doch gemessen an den Befürchtungen ist Europas größte Volkswirtschaft noch vergleichsweise glimpflich davongekommen.

Er sei insgesamt überzeugt, dass das “Wachstum deutlich und spürbar sein wird”, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier am Donnerstag. Es werde wegen der zweiten Coronawelle aber vielleicht nicht ganz so stark ausfallen wie ursprünglich erhofft. Eine genaue Prognose gab der CDU-Politiker nicht ab. Im Herbst hatte Altmaier für 2021 mit einem Anstieg des deutschen Bruttoinlandsprodukts (Bip) von 4,4 Prozent gerechnet.

Im vergangenen Jahr brach die Wirtschaftsleistung Deutschlands nach einer ersten Schätzung des Statistischen Bundesamtes um 5,0 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ein. Tiefer war die Rezession nur während der globalen Finanzkrise 2009, als die Wirtschaft um 5,7 Prozent schrumpfte. Anders als beim Ifo-Institut sorgt der Jahresausklang 2020 bei den Wiesbadener Statistikern für Hoffnung: Nach ihren ersten Schätzungen ist das Bip im vierten Quartal zum Vorquartal nicht geschrumpft.

“Eigentlich ein Katastrophenjahr, aber gemessen an den zwischenzeitlichen Befürchtungen könnte man sagen, dass wir noch glimpflich davongekommen sind”, analysierte LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert. Ähnlich argumentierte ZEW-Ökonom Friedrich Heinemann: “Die gute finanzielle Situation des Staates, aber vor allem auch die Widerstandskraft der Unternehmen und deren umsichtiges Pandemie-Management haben das Land vor Schlimmerem bewahrt.”

Erstmals seit 2011 verzeichnete Deutschland im Gesamtjahr wieder ein Haushaltsdefizit. Bund, Länder, Gemeinden und Sozialversicherungen gaben nach vorläufigen Angaben des Wiesbadener Bundesamtes im vergangenen Jahr 158,2 Milliarden Euro mehr aus als sie einnahmen. Bezogen auf die gesamte Wirtschaftsleistung lag das Defizit bei 4,8Prozent. Das war das zweithöchste Minus seit der deutschen Wiedervereinigung, nur übertroffen vom Rekorddefizit des Jahres 1995, in dem die Schulden der Treuhand in den Staatshaushalt übernommen wurden.

Die Einnahmen des Staates sanken in der Coronakrise. Das Steueraufkommen verringerte sich deutlich um 8,0 Prozent, auch weil die Mehrwertsteuer vom 1. Juli an für ein halbes Jahr gesenkt wurde, um den privaten Konsum anzukurbeln. Zugleich stiegen die staatlichen Ausgaben unter anderem infolge milliardenschwerer Hilfspakete.

Die wichtigsten Konjunkturstützen brachen im vergangenen Jahr ein. Die privaten Konsumausgaben schrumpften um 6,0 Prozent und damit so stark wie noch nie. Exporte und Importe sanken deutlich, Investitionen der Unternehmen in Ausrüstungen wie Maschinen waren rückläufig. Lediglich die staatlichen Konsumausgaben und der Bau legten zu und verhinderten einen noch stärkeren Konjunkturabsturz.

Der mehr als 14 Jahre anhaltende Anstieg der Erwerbstätigkeit in Deutschland endete in der Krise. Die Zahl der Erwerbstätigen sank im Vergleich zu 2019 um 1,1 Prozent auf durchschnittlich 44,8 Millionen.

Die sächsischen Industrie- und Handelskammern sehen die Lage der vom Lockdown betroffenen Unternehmen dramatisch. Viele Unternehmen und Selbstständige seien in existenzieller Not, heißt es in einem Brief an die Abgeordneten von Bundestag und Landtag. Die Kammern fordern deshalb eine sofortige Komplettauszahlung der zugesagten Wirtschaftshilfen.

Etliche Ökonomen sagen Europas größter Volkswirtschaft allerdings in diesem Jahr ein starkes Comeback voraus – trotz des zunächst bis Ende Januar verlängerten Lockdowns. “Deutschland darf dankbar sein, dass es eine exportstarke Industrie hat, die vom China-Boom profitiert. Die wieder besser gefüllten Auftragsbücher werden die Industrieproduktion in den kommenden Monaten anschieben”, sagte Thomas Gitzel, Chefökonom der VP-Bank-Gruppe.

Mit einer Rückkehr der deutschen Wirtschaft zum Niveau von vor der Coronakrise rechnen die meisten Volkswirte derzeit frühestens um die Jahreswende 2021/22 – vorausgesetzt, dass bis dahin so viele Menschen gegen das Coronavirus geimpft sind, dass sich das Wirtschaftsleben normalisiert. dpa/cul



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Von Veritatis