Na, spüren Sie es auch? Die Entzugserscheinungen, nicht mehr auf der Droge Theater zu sein, lassen langsam nach, nicht wahr? Das kochende Blut über die erneuten Theaterschließungen hat sich abgekühlt, heiterer Seelenfrieden ist in die Kulturherzen eingezogen. Ich weiß nicht, wie es Ihnen ging, aber als Berlins Kultursenator Klaus Lederer, der neue Vorsitzende der Kultusministerkonferenz für 2021, noch kurz vor der Jahreswende versicherte, dass man intensiv an einem Ausstieg aus dem Kulturlockdown stricke, bei dem Fragen wie „Raumgröße, Belüftungsrhythmen, Belüftungsanlagen, Ticketingsysteme, Platzzuweisung oder Crowdmanagementsysteme“ eine Rolle spielten, ja, da konnte man doch eigentlich nur noch gelassen mit den Schultern zucken. Ich bin jedenfalls vollkommen okay damit, wenn ich etwa erst wieder im Frühsommer das Licht der Bühne erblicken werde.

Trotzdem: Wer nun angesichts der notorisch gewordenen Bekenntnisse zu hehren Rettungsplänen davon träumt, dass das Theater für alle Zeiten gesichert sei, der wird vielleicht bald ein dunkles Erwachen erleben. Aus meinem Theaterbekanntenkreis hörte ich jetzt nämlich von ganz anderen Ideen lokaler Kulturpolitik. In einer mittelgroßen Stadt im Südwesten Deutschlands, hieß es, sei man auf ganz neue Tätigkeitsbereiche für die Schauspieler*innen des dortigen Theaters verfallen: Sie sollten jetzt in der Fußgängerzone dafür sorgen, dass die Menschen ihre Masken richtig trügen und die Abstandsregeln einhielten. Begründet werde diese Arbeitsbeschaffungsmaßnahme mit den besonderen kommunikativen Fähigkeiten des Schauspielberufs. Mag sein, dass diese Geschichte nur ein Horrorgerücht, sozusagen eine „corona legend“ ist. Doch in Zeiten, wo man sich an die Abwesenheit von Theater sowieso schon gewöhnt hat, sollte man offenbar auch mal grundsätzlich über seine alternativen Nutzungsmöglichkeiten nachdenken. Die Lokalpolitik scheint da kreativer zu sein, als ihr Ruf es vermuten lässt.

Wie wäre es also mit Teilen des Schauspielensembles als mietbares Service- und Unterhaltungspersonal für den privaten Gebrauch? Neben den erwähnten Diensten für die öffentliche Ordnung könnten auch Buchungen im Bereich Firmenfeiern, Bürgermeistergeburtstage und anderer offizieller Anlässe interessant sein. Ansonsten wird auch pädagogischer Frontdienst gebraucht, wie individuell kombinierbare Einzelmonologe für den Deutschunterricht (zunächst digital deklamiert, später auch im Klassenzimmer). Die dann ehemaligen Theaterhäuser könnten imagestarke Allianzen von traditionsreicher Architektur mit zukunftsweisender Technologie eingehen, ich denke da etwa an das Berliner Ensemble als hochkarätigen Showroom für Tesla-Autos, die ja bald in der näheren brandenburgischen Umgebung produziert werden. Der neue Tesla kreist dann innen auf der Drehbühne, angestrahlt mit performativem Lichtdesign, außen dreht sich oben auf dem Dach ein silbernes T. Schon Bertolt Brecht war bekanntlich ein Autofreak. So schlösse sich der Kreis.

Wer das nicht glauben mag und wem das alles zu düster ist, dem bleibt, scheint mir, dann nur noch das „Prinzip der radikalen Hoffnung“, das der amerikanische Philosoph Jonathan Lear entworfen hat. Ein schönes Buch, das ich über die Feiertage las. Lear meint mit radikaler Hoffnung die eigene Verpflichtung, daran zu glauben, dass am Ende die Zukunft etwas Gutes hervorbringen wird. Auch wenn noch vollkommen unklar ist, was dieses Gute sein kann.

Dass der Philosoph den gleichen Namen trägt wie die berühmte Theaterfigur des so wahnsinnig wie hellsichtigen Königs aus Shakespeares Universum, wird dann doch bestimmt ein Zeichen sein.



Source link

Von Veritatis