Schule ist in Zeiten des Corona-Lockdowns stark in der Kritik: Nicht überall gelingt es, aus der Ferne die nötige Bildung zu vermitteln. Doch es ist durchaus möglich – zum Beispiel über tägliche Videokonferenzen zwischen Lehrern und Schülern. Die Chemnitzer Grundschullehrerin Constance Gruber etwa unterrichtet seit dem ersten Lockdown ihre Klasse auf diese Weise. Fit gemacht hat sie sich dafür in Eigenregie – zusammen mit ihrer peruanischen Freundin Monica Yogui, die in Lima an einer deutschen Schule unterrichtet. Tim Hofmann hat sich mit beiden Pädagoginnen unterhalten – per Videokonferenz.

Freie Presse: Frau Gruber, Frau Yogui, jahrelang steht man ganz klassisch an der Tafel vor seiner Klasse – und plötzlich soll man die Kinder irgendwie aus der Ferne unterrichten. Wie bekommt man das hin?

Constance Gruber: Es war ein direkter Sprung ins kalte Wasser, allein technisch: In meiner Klasse machen wir das derzeit über den Videokonferenzdienst Zoom. Davon hatte ich vor Corona noch nie gehört, das war für mich völliges Neuland. Der Vater eines Schülers hatte die Idee, die Plattform für den Unterricht auszuprobieren. Er hat mir dafür alles Nötige dann auf meinem Computer installiert, mir Mut gemacht und mit mir die ersten Schritte geübt.

Monica Yogui: Bei uns in Lima sind wir ja drei Wochen früher in den ersten Lockdown gegangen, und da war der Start auch holprig. Wir Lehrer waren technisch nicht vorbereitet. Bei uns haben alle Kinder von der Schule erst einmal eine E-Mail-Adresse bekommen, sodass wir ihnen Aufgaben schicken konnten. Die Ergebnisse haben sie uns per Mail zurückgeschickt. Plötzlich kam eine Lawine an Nachrichten, dazu kamen massenhaft Fragen von Eltern. Das war ein wahnsinniger Berg von unübersichtlicher Arbeit, das hätten wir nie durchgehalten. Wir mussten das also neu koordinieren. Da haben wir die amerikanische Video-Lernplattform Seesaw entdeckt, da können Lehrer Inhalte erstellen und die Kinder Fotos mit ihren Aufgaben hochladen, auf denen wir direkt korrigieren können. Das klappt gut, aber den Kindern hatte dabei recht schnell der direkte Kontakt zueinander gefehlt. Also haben wir das mit Videokonferenz-Unterricht ergänzt.

Gab es nach einer Woche im ersten Lockdown nicht dringlichere Lernprobleme zu organisieren?

Gruber: Das Miteinander in der Gruppe ist generell sehr wichtig für Grundschüler. Das war das erste Defizit, das mir die Kinder mitgeteilt haben. Wir haben im März 2020 mit täglichen Lernaufgaben per E-Mail begonnen. Dabei haben wir schon versucht, uns untereinander ein wenig auszutauschen, was jeder gerade gern macht, zum Beispiel Lieblingsrezepte via Mail zu teilen. Ich habe dann auch schnell viel Post von den Kindern bekommen, in der sie mir schrieben, wie sehr sie es vermissen, sich untereinander zu sehen – das gemeinsame Spielen und Lernen, das Treffen miteinander, ja sogar ihre Lehrer! (lacht) Als der Vater bei mir Zoom installiert hatte, war ich immer noch sehr skeptisch. Aber dann hat mir Monica erzählt, wie gut das bei ihr funktioniert. Da habe ich mir gedacht, wenn sie das in Lima hinbekommen, dann schaffen wir das sicher auch. Ich konnte von Monica lernen, und so begann unser täglicher Videokonferenz-Unterricht.

Wie nah kommt das an Unterricht im Klassenzimmer heran?

Gruber: Ich versuche bei Zoom, mit vertrauten Methoden weiterzumachen. Wir fangen immer erstmal an zu erzählen: Die Kinder berichten sich untereinander alles Mögliche, manche zeigen etwa ihre Haustiere, was sie mit Lego konstruiert haben oder wie man am besten ein Iglu baut. Dann beginnen wir mit dem Unterricht. Ich arbeite viel mit der Lernkreismethode und mache klassische Tafelarbeit. Dafür habe ich zu Hause eine alte DDR-Tafel vor der Webcam. Mittlerweile nutzen wir auch passende Lernvideos. Nach der Besprechung des neuen Stoffs beginnt die Übungszeit, bei der die Schüler wie in der Schule entscheiden, ob sie allein lernen wollen, mit ihren Freunden in einer Lerngruppe oder ob sie im Lernkreis bleiben möchten. Dazu verteile ich die Kinder dann in Breakout-Räumen. Dort können sie ihre Aufgaben lösen, sich gegenseitig helfen oder mich bei Fragen einladen. Und wenn alle fertig sind, treffen wir uns wieder zur gemeinsamen Besprechung.

Wie schwierig ist es, den analogen Unterricht ins Digitale zu übertragen?

Yogui: Dazu mussten erst einmal Lehrer und Eltern dazulernen, und die Kinder mussten sich eine große Disziplin aneignen. Ich habe mir das bei Conny Gruber im Präsenzunterricht angeschaut, bei ihr klappt das mit den Gesprächs- und Lernkreisrunden sehr gut. Ich arbeite nach der “Flipped-Classroom”-Methode: Dabei schicken die Lehrer zuerst Informationen an die Kinder, damit sie zu Hause etwas erarbeiten. Dann haben wir darüber gesprochen und mit den Fragen der Kinder hat der eigentliche Unterricht erst angefangen. Man muss erstmal herausfinden, was die Kinder wollen, wo sie stehen. Da muss man genau aufpassen, was man für Ausgangsmaterial schickt. Das ist hier in Peru nicht so einfach für uns als deutsche Schule. Die Eltern fordern, dass wir die Lernvideos auf deutsch schicken – doch was man etwa bei Youtube findet, sind eben Videos für Deutsche, nicht für Deutschlernende. Das hat zuerst für viel Frustration gesorgt, also musste ich immer über Nacht selbst Videos machen. Anfangs konnte ich nicht mal die nötige Technik bedienen. Aber hier an der Schule gibt es Gott sei Dank eine eigene IT-Abteilung, die uns Lehrern das beigebracht hat. Und nicht nur wir haben Fortbildungen bekommen, die Eltern auch.

Die Technik als Basis reicht also nicht – auch die Lehrmethoden müssen für die Corona-Situation umgestellt werden?

Gruber: Zum Teil, ja. Manches kann ich wie im Klassenzimmer machen, anderes muss ich ganz anders angehen. Was ich außerdem merke: Ich brauche für vieles ungefähr die doppelte Zeit. Kinder, die im Klassenzimmer Probleme haben sich zu konzentrieren oder sehr sensibel reagieren, sind auch in Zoom-Konferenzen schneller ablenkbar oder leicht verunsichert, wenn etwa die Internetverbindung mal abbricht oder sie mich nicht verstehen können. Daher gibt es natürlich Grenzen bei dieser Art Fernunterricht, manch einer lernt dann lieber mit Hilfe der E-Mail-Lernaufgaben allein zu Hause. Mit Unterstützung der Eltern sind viele individuelle Wege möglich. Grenzen sind für mich auch deshalb da, weil uns eine digitale Wand trennt und dadurch die für Grundschüler so wichtige sinnlich-körperliche Entdeckerfreude nur eingeschränkt möglich ist. Ich wähle deshalb erst mal Lernthemen aus, die klassisch zu unterrichten sind – anschaulich handlungsorientierte Auseinandersetzung mit dem Lernstoff ist über Zoom schwierig.

Ist das ein prinzipielles Problem des Digitalunterrichts, oder fehlen noch richtige pädagogische Methoden?

Yogui: Das alles ist ja selbst ein Lernprozess. Bei uns war es am Anfang auch so wie bei Conny: Kinder wurden nervös, wenn die Verbindung abriss oder wenn sie gemerkt haben, dass es nicht so schnell geht wie im normalen Unterricht. Aber mit der Zeit haben wir das dann eben im Unterricht mit besprochen: Dass man nun geduldig sein muss, andere Toleranz brauchen. Die Lernziele im digitalen Unterricht müssen andere sein als im Präsenzunterricht. Die Kinder lernen, anders zu lernen, daran muss man sich anpassen. Ein Beispiel: Im Präsenzunterricht hat es mich oft viel Mühe gekostet, eine gute Heftführung zu vermitteln. Beim Online-Unterricht ging das plötzlich viel schneller, die Schüler haben viel besser und leichter eine Struktur in ihre Aufgaben gebracht. Ich weiß noch nicht genau, warum das passierte, weil wir noch keine Phase hatten, um das zu reflektieren. Aber es war so. Der Input, der so von den Kindern kommt, muss von uns Lehrern aufgenommen werden.

Gruber: Es hängt auch davon ab, was man unter Lernen versteht: Es ist eben nicht nur die Vermittlung von Wissen, sondern vielmehr auch von Kompetenzen, um miteinander und voneinander zu lernen, kritisch zu denken und miteinander zu kommunizieren oder eigene kreative Ideen zu entfalten. Leider ist der Lehrplan manchmal so voll, dass man auf der Wissensvermittlung hängen bleibt. Das ist natürlich wirklich eine Gefahr. Schule ist ja auch die Begegnung mit sich selbst: Was sind meine Fähigkeiten und meine Potenziale? Was gelingt mir gut, was nicht so? Es ist ein Ort, wo ich etwas über die Welt lerne, in der wir gemeinsam leben und wie ich Verantwortung übernehmen kann.

Lassen sich Zusammenhänge im Digitalunterricht mitunter besser vermitteln?

Gruber: Das kommt aufs Thema an und vieles funktioniert jetzt eben auch anders, unabhängig davon, ob es besser oder schwieriger ist, beispielsweise die gesamte digitale Bildung. Die Kinder lernen gerade nebenbei, sinnvoll mit dem Computer umzugehen, aber auch über Grenzen und Risiken der digitalen Bildung nachzudenken. Außerdem werden auch die Eltern in ihrer momentanen Rolle als Elternlehrer entlastet. In unserem digitalen Klassenzimmer lernen wir alle voneinander und mit Mitschülern, Eltern und Lehrern. Kinder stellen ihre Fragen auch einfach gern anderen Kindern, das fetzt denen total. Neben unseren täglichen Schnatter-Runden haben wir also jetzt auch Profi-Runden …

Was ist das denn?

Gruber: Wenn die Kinder irgendwas am Computer machen wollen und es nicht hinbekommen, dann findet sich immer ein Kind, dass es seinen Mitschülern nach der Unterrichtszeit in einer Profirunde erklären kann, zum Beispiel: Wie kann ich allein mit dem Whiteboard malen? Wie komme ich allein aus dem Breakoutroom zurück zu Frau Gruber? Wie gestalte ich mir einen coolen Hintergrund? Meine Schüler haben mittlerweile schon Möglichkeiten in der Software entdeckt, die ich selbst gar nicht kannte – und das erklären sie in den Profi-Runden ihren Mitschülern oder mir. Was auch für mich ein Riesenvorteil ist, weil ich ihnen bei technischen Fragen oft gar nicht direkt helfen könnte.

Bei aller Faszination, die der Computer mitbringt: Wie schaffen Sie es, dass die Kinder dauerhaft bei der Stange bleiben? Die Ablenkungsgefahr ist doch nicht unerheblich?

Gruber: Ich profitiere natürlich in der Situation sehr davon, was den Kindern an Regeln und Ritualen in unserer Klasse sowieso bekannt ist. Sie haben schnell realisiert, dass die Zoom-Runde im Kern das Gleiche ist wie unser Klassenraum, da gelten die gleichen Lernregeln. Was jetzt wichtiger wird, ist, dass die Kinder das selbstständige Lernen erweitern. Jetzt ist der Lehrer nicht direkt da, der wie sonst Hinweise gibt, wo sich Fehler beim Schreiben im Heft eingeschlichen haben oder wo etwas unvollständig ist. Dafür ist jetzt jeder noch mehr selbst verantwortlich. Außerdem hatten wir am Anfang das Problem, dass einzelne Kinder in den Breakout-Gruppen angefangen haben, Blödsinn zu machen. Aber dann passiert etwas ganz Schönes, wenn man einfach nur Kommunikation und kritisches Denken zulässt: Wir haben in den Auswertungsrunden darüber gesprochen, wie es den Kindern in den verschiedenen Lernsituationen geht, dass manche sich zum Beispiel durch das Rumblödeln gestört fühlen. Ich habe das einfach erst mal stehengelassen. Die Kinder sind von ganz allein zu dem Schluss gekommen, dass das eben unfair ist und nicht geht. Weil es aber kein Lehrer überwacht, bleibt nur die Lösung, dass sie es von allein einfach nicht machen, also verantwortungsvoll und selbstständig miteinander lernen.

Yogui: In jedem Schritt, den man als Lehrer macht, sollten die Kinder entdecken, wie sie selbst Schritte gehen können. Da liegt natürlich auch viel bei den Eltern. Ich habe in meiner Klasse einige ADHS-Kinder, die in der Schule oft etwas hinten anstehen – die nun aber gerade von der Situation profitiert haben und starke Leistungsverbesserungen zeigten, weil sie einen Erwachsenen zu Hause hinter sich hatten. Nicht, weil die Eltern bei der Aufgabe direkt geholfen haben, sondern weil sie dem Kind geholfen haben, in individuellen Zeitfenstern konzentriert und ohne Druck zu Hause zu lernen. Plötzlich hat man gesehen: Das Problem war gar nicht das Kind, sondern die Rahmenbedingungen. Dazu kam, dass wir Lehrer auch weniger streng waren, sondern offener für neue Lösungen und Lernwege wurden. (tim)

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Von Veritatis