Eine Betrachtung zum ersten Stuttgarter “Tatort” in diesem Jahr

“Das ist unser Haus” ist die erste Refrainzeile des legendären Rauch-Haus-Songs, den die Band Ton, Steine, Scherben mit dem unvergessenen Rio Reiser der anarchischen Berliner Hausbesetzerszene Anfang der 1970er-Jahre widmete. Und sie ist jetzt auch der Titel des ersten Stuttgarter “Tatorts” in diesem Jahr. Doch statt anarchischen und politisierten Hausbesetzern wird dem Krimifreund eine Wohngemeinschaft präsentiert, deren Mitglieder so verpeilt und überzeichnet dargestellt sind, dass man am liebsten gleich die Flucht ins Pilcherland im ZDF antreten möchte. Und wer dies getan haben sollte und zum Finale des Krimis sich noch einmal zuschaltete, wurde Zeuge einer der lächerlichsten Verfolgungsjagden der jüngeren Fernsehgeschichte und dürfte sich in seinem Abschaltimpuls in den ersten Minuten bestätigt gefühlt haben. Doch das war ein veritabler Fehler. Denn dem “Tatort”-Fan wäre mit “Das ist unser Haus” eine satirische Milieustudie vom Feinsten entgangen, die Regisseur und Autor Dietrich Brüggemann mit sehr viel bösem Witz und Komik verantwortete.

In der jungen Wohngemeinschaft “Oase” haben sich Menschen zusammengefunden, die vermeintlich zueinander passen, sich verstehen, zusammen leben, einander helfen wollen und basisdemokratisch alle Dinge, die das Miteinander betreffen, entscheiden. Und in einer Szene, bei der alle Mitglieder dieses seltsamen Haufens am gemeinsamen großen Küchentisch sitzen, funktioniert dieses Ideal sogar einmal. Doch eine Leiche im, äh am Keller, zeigt, wie fragil so ein Gebilde trotz der guten Absichten aller Beteiligten und der ausgefeilten Kandidatensuche für das Wohnprojekt sein kann. Missverständnisse, Verletzungen, Eitelkeiten, Geheimnisse, Eifersüchteleien und Affären – davor sind auch die Mitglieder der “Oase” eben nicht gefeit. Das und ihr breites Schwäbisch machen die Akteure authentisch und sympathisch. Keinem traut man einen Mord zu.

Bei aller Milieubeschreibung gerät die Tätersuche keineswegs in den Hintergrund. Regisseur Brüggemann baut dazu unerwartete Wendungen und ohne sich zu verzetteln irreführende Nebenschauplätze ein. So, wenn die Ermittler Lannert (Felix Klare) und Bootz (Richy Müller) auf Vermisstensuche gehen und ein Familienvater freimütig gesteht, dass es sich besser anfühlt, seit die psychisch instabile Partnerin verschwunden ist. Und trotz aller satirischen Momente verhandelt “Das ist unser Haus” ganz ernsthaft das große Thema “Wie wollen wir leben?”. Immer mehr vereinzelt, einsam und sogar so anonym, dass das Verschwinden eines Menschen nur noch von Inkassobüros, aber nicht von der Nachbarschaft bemerkt wird? Oder wagen wir den Schritt in die selbstbestimmte, aber nicht perfekte Kommune? Ein starker Krimi, der dazu mit einem tollen Gastauftritt von Sänger Heinz Rudolf Kunze, der sich als Verdächtiger mit einem Alibi in Chemnitz (die Stadt ist seit der “Wochenshow” bei Satirikern immer noch sehr beliebt) entlasten kann, gewürzt ist.

 

 

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Von Veritatis