Ich schwenke meinen Impfausweis, um ins Café gelassen zu werden. Oder um in die Tankstelle reinzudürfen, statt den Nachtschalter auch tagsüber benutzen zu müssen. Oder um ins Theater zu gehen. Nein, der handliche gelbe Ausweis ist nicht zeitgemäß. Chipkarte? Dann könnte ein Scanner am Eingang des Restaurants feststellen, ob ich zugangsberechtigt bin. Der Computer kann dann auch gleich noch dank Gesichtserkennung überprüfen, ob das Foto der Person, die als Besitzerin der Chipkarte hinterlegt ist, mit mir übereinstimmt. Zugfahren und Fliegen läuft dann auch so. Fitnessstudio. Museum. Bibliothek. Spazierengehen in belebten Gegenden. Wahrscheinlich alles da draußen. Es geht weiter: Erst diese Chipkarte berechtigt mich zu Mitgliedschaften, zu bestimmten Käufen, ich bekomme Premiumpunkte für Urlaube, ich werde im Job bevorzugt. Ich bin ein privilegierter Mensch mit der Impfung. Damit es mir andere gleichtun. Damit es schneller geht mit dem Durchimpfen. Damit die Wirtschaft schneller wieder rundläuft.

Oder gleich der implantierte Chip? Statt Händeschütteln kann ich mir dazu noch eine neue Begrüßungsgeste überlegen. Eine Geste, die auch dafür sorgt, dass sich Türen öffnen, siehe oben. Oder dass Kassensysteme elegant abrechnen, ohne dass ich einen PIN eingeben muss. Ja, das klingt ganz plausibel, ein bisschen techy, ein bisschen Zukunft, hat definitiv scary China im Hintergrund mitlaufen, und das Resultat ist immer das gleiche, egal ob Ausweis oder Chip: Die einen dürfen, die anderen nicht, Zweiklassengesellschaft, ungerecht. Prima Basis für eine erzählte Welt.

Dabei ist die erklärte Absicht derer, die das Impfen anordnen, das Gemeinwohl aller überzuordnen, und diejenigen, die sich dem verweigern, weil sie Angst haben/Komplotte vermuten/ihre Freiheitsrechte eingeschränkt sehen, werden gesellschaftlich komplett ausgegrenzt.

Wie war das gleich? Science-Fiction ist immer ein Kommentar zur Gegenwart. Und ein solches Szenario ist viel zu gegenwärtig, viel zu wenig fiktional. Es überzeugt mich nicht für eine Geschichte. Was natürlich an mir liegt. Ich finde das mit dem Impfen generell gut und die Argumente der Impfkritik – um es höflich zu formulieren – schwierig. Man kann bestimmte Impfungen in Einzelfällen kritisch sehen. Man darf und muss Pharmakonzernen gegenüber misstrauisch sein und bleiben, weil es überall, wo es um viel Geld geht, Korruption gibt, und politische Entscheidungen zu hinterfragen, ist unsere Pflicht als mündige Bürger:innen. Es mag wehtun, wenn eine Partei, die man nicht gewählt hat, Entscheidungen trifft, von denen man letztlich zugeben muss, dass sie im Kern nicht verkehrt sind. Aber ich sehe nicht, was gegen das Impfen als solches spricht, jetzt und hier und gegen Covid-19.

Man wäre fix bei Bill Gates

Mir fällt es schwer, eine dystopische Welt mit dem Impfstoff zu entwerfen, ohne dabei ständig Angst zu haben, die derzeit kursierenden Verschwörungserzählungen nachahmen zu können. Man wäre relativ schnell bei Bill Gates und seinem Chip und den damit verbundenen antisemitischen Behauptungen einer Geldelite, die den Rest der Menschheit versklaven oder abschaffen will. Das will ich nicht erzählen.

Vor zehn Jahren habe ich mal einen Roman geschrieben, der mit nicht genehmigten Medikamentenversuchen zu tun hatte. Jetzt gerade erst einen, bei dem uns eine Gesundheitsapp rundum kontrolliert, im Namen der Regierung. Been there, done that. Seit ich sehe, wie viele Menschen auf die Straße gehen und film- oder romanreife Mythen verbreiten, die letztlich dazu führen, dass Menschen schwer erkranken oder sterben, habe ich keine Lust mehr zu schreiben. Ja, es gab immer einen sehr hohen für Verschwörungserzählungen anfälligen Prozentsatz in der Bevölkerung, aber das war doch alles, bevor wir als Einzelpersonen in der Lage waren, bequem von zu Hause aus Fakten zu überprüfen und Quellen zu checken. Dachte ich. Der Reiz dieser Mythen ist offensichtlich zu groß. Dieses „Ich weiß etwas, das sonst nur ganz wenige wissen, es ist extrem brisant und es geht um ungefähr alles!“ ist selbstverständlich aufregend. Aber der wichtige Unterschied ist doch: Wäre es ein Film oder Roman, ginge es darum, Wahrheiten ans Licht zu bringen, unterdrückte Fakten publikzumachen. Also, Fakten im Sinne von: etwas, das sich beweisen lässt. Etwas, das stimmt. Nicht: etwas, das andere behaupten, und irgendwie klingt es interessant. Nicht: Andeutungen und Geraune von jemandem, der oder die mit Q unterschreibt. Anders gesagt: Diese Mythen eignen sich derzeit nicht einmal als Romanstoffe. Hinzu kommt: Überall auf der Welt und zu allen Zeiten sind Menschen von Regierungen inhaftiert oder getötet worden, weil sie zu viel wussten. Sich unter den gegebenen Voraussetzungen mit diesen Menschen gleichmachen zu wollen, ist blanker Hohn. Auch hier gilt: Die Protagonist:innen würden sich nicht einmal als tragische Antiheld:innen eignen.

Trump hat es geschafft, Politsatire zu ermorden. Wie hätte man ihn ins Absurde steigern können? Was bleibt derzeit für die Fiktion, die in die Zukunft schaut? Kann man den Irrsinn überhaupt noch toppen, oder erzählt man ihn einfach nur nach? Und will ich überhaupt irgendwas davon?

Ich versuche es weiter. Covid-19-Impfstoff. Zukunft. Die Zweiklassengesellschaft der Geimpften und Nicht-Geimpften will schon mal nicht zünden, weil ich davon ausgehen muss, dass das unsere nächsten Monate sind. Niemand wird mit dem Einführen von Privilegien warten, bis alle geimpft sind, weil das fairer wäre. Also ein anderer Ansatz: die Welt. Einfach größer denken, mal sehen, was dann passiert. Bis alle Länder überall durchgeimpft sind, haben wir 2023. Optimistisch geschätzt. Bis dahin ist das Virus noch einige Male mutiert, und die Impfstoffe müssen immer wieder angepasst werden.

Ich will nicht mehr schreiben

Das Impfen hört also nicht auf. Pharmakonzerne werden irrsinnig reich. Schmiergelder, Korruption, gepanschte Impfstoffe. In manchen Ländern oder Gegenden wird es gar nicht erst dazu kommen, dass die gewünschte Herdenimmunität erreicht wird. Dann haben wir Länder, die safe sind, und Länder, aus denen wir niemanden ins Land lassen wollen, aus denen wir nicht mal Waren annehmen wollen. Eignet sich das für eine Geschichte? Bestimmt. Aber ist irgendwas davon neu? Na ja, was ist schon neu. Was wurde noch nicht erzählt. Letztlich strandet alles wieder bei der Zweiteilung in Geld/kein Geld. Wer kann sich den Impfstoff leisten, wer nicht. Wer kann sich die Infrastrukturen leisten, um zu impfen, wer nicht.

Ich merke, dass ich einfach nicht mehr will. Ich bin müde, dass der Kapitalismus sich selbst den Schenkel abschneidet, über dem Lagerfeuer brät und herzhaft reinbeißt. (Wächst ja eh nach.) Seit März denke ich: Wenn es einen guten Zeitpunkt gibt, über unser Wirtschafts- und Währungssystem nachzudenken, über Umverteilung und Gerechtigkeit, regional wie global, dann doch während einer richtig fiesen Pandemie. Nicht, dass es zuvor ein Geheimnis gewesen wäre, wie obsolet viele Industrien sind oder wie beschissen ein Großteil der Menschheit im Namen des Profits ausgebeutet wird oder wie grandios wir darin gescheitert sind, unsere Lebensgrundlagen wie Wasser und Luft und überhaupt die ganze Natur zu schützen. Oder dass genug für alle da ist. Oder dass Geld auch nur eine Erfindung ist.

Letztens geisterte die Frage durch die Presse: Wer soll das alles bezahlen? Und gerade, als ich dachte, es könnte interessant werden, ging es doch wieder nur um Antworten, die so viel Weitsicht wie ein Wahlkampfversprechen hatten.

Wie also wird sie sein, meine Dystopie über die Welt mit dem Impfstoff? Ganz einfach: Niemand hat was gelernt. Niemand ändert irgendwas. Der Traum der allermeisten ist in Erfüllung gegangen, und alles ist wieder wie „vor Corona“. Und weil ich da nicht hinwill, empfinde ich diese Vorstellung als dystopisch.

Was ich mir wünsche, ist eine Utopie: Alle werden geimpft. Niemand stirbt mehr an Covid-19. Und deshalb sind die Menschen so glücklich, dass sie sagen: Na los, wir räumen hier mal auf und machen alles anders. Wir helfen uns gegenseitig und teilen, was wir haben, wir sauen nicht mehr die Umwelt kaputt, wir stecken auch mal zurück, weil die Generationen nach uns auch noch was von dem Planeten haben wollen. Das wäre meine Utopie. Mit Regenbögen und Einhörnern, wenn es sein muss. Sie wird nicht eintreten. Sie wird nicht einmal zwischen zwei Buchdeckel kommen.

Zoë Beck ist Schriftstellerin, Übersetzerin und Gründerin des Verlags CulturBooks. Zuletzt erschien ihr Roman Paradise City bei Suhrkamp



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Von Veritatis