Es dröhnt. Es donnert und kracht, Becken scheppern, das Bass-drumfell zittert unter Doppelhämmern, die Gitarre zerrt, und die Gitarristin brüllt. Blackgammon is not for sissies: Das Noise-Metal-Duo, bestehend aus dem Schlagzeuger Ruben (Riz Ahmed) und der Sängerin und Gitarristin Lou (Olivia Cooke), ist vielleicht nicht die subtilste Band der Welt. Aber gewiss eine der lautesten.

Dass Ruben und Lou ihr sonstiges Leben eher friedfertig angehen, nach vier Jahren als Paar morgens im kleinen, vollgestellten Retro-Wohnmobil mit eingebautem Übungsraum einträchtig den frisch gemixten Green Smoothie schlürfen, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass das offenbar nicht immer so war: Von Anfang an legt Regisseur Darius Marder in seinem Film Sound of Metal Hinweise. Seine Figuren sind komplex – Rubens Gesundheitsfimmel, die Sorgfalt, mit der er das Mischpult reinigt, sein subtiler Tinnitus und Lous von Ritznarben entstellte Arme sprechen Bände.

Als Ruben während eines Blackgammon-Soundchecks einen Hörsturz erleidet, der ihn fast taub zurücklässt, geht er zum Arzt. Wirklich reparabel sei der sich rapide verschlechternde Hörschaden nicht, erklärt der Experte ihm – mit Implantaten, die 80.000 Dollar kosten würden, könne er vielleicht ein bisschen mehr hören. Doch er solle lieber den spärlichen Rest seines Hörvermögens, etwa 25 Prozent sind es noch, bewahren: Keine lauten Geräusche mehr, keine Konzerte.

Ruben will dennoch weiterspielen, will das freie Tourleben, das er sich erarbeitet hat, die nahe Gemeinschaft mit seiner Freundin nicht aufgeben. Lou ist dagegen – sie sieht (und hört) die gesundheitliche Gefahr für ihren Freund. Das Telefongespräch mit seinem Narcotics-Anonymous-Sponsor führt Lou bereits für den ertaubten Ruben. Und ihre Sorgen werden so auch für das Publikum konkretisiert: Ein plötzlicher Umbruch wie dieser kann für einen süchtigen Menschen eine besondere Herausforderung sein.

Darius Marders Film, dessen Drehbuch er gemeinsam mit seinem Bruder Abraham Marder schrieb, wirkt von Anfang an ebenso stark auf der Bild- wie auf der Tonebene: Der ganz normale Krach der Welt, das Motorengeräusch der alten Wohnmobil-Blechkiste; die Stadtatmo mit Hupen, Hunden und Menschen; das Hintergrundgeschnatter in vollen Räumen; die laute und die leise Musik – all das vermischt sich mit der Arbeit einer beweglichen Handkamera, die den Eindruck unterstreicht, bei zwei authentischen Musikfreaks zu Gast zu sein. Der (hörende) Regisseur erzählte in einem Interview mit einer Filmwebsite, dass er eigentlich einen Dokumentarfilm über das existierende Noise-Metal-Duo Jucifer machen wollte, seine ertaubende Großmutter ihn aber auf die Frage brachte, was passiert, wenn ein Musikschaffender nicht mehr hören kann.

Allein ohne Gebärdensprache

Die Innigkeit, mit der Ruben und Lou sich auf der Bühne und dahinter begegnen, findet in Rubens plötzlicher Taubheit einen starken Nachhall: Die Außenwelt nimmt er nur noch wie unter einer extrem dumpfen, rauschenden Glocke wahr. Auf einmal ist Ruben allein, hört und vor allem versteht nichts mehr – weder sich noch seine Freundin noch seine Bassdrum. Auch die für Rubens Isolation konzipierten Bilder sind visuell genauso stark wie auditiv: Ohne Gebärdensprache zu können, ist er selbst in einer Gruppe fröhlich quatschender Gehörloser allein. Zwischen hörenden Menschen ohnehin.

In dem Spannungsfeld zwischen Rubens subjektiver auditiver Wahrnehmung und einem für Hörende selbstverständlichen Soundtrack des Lebens erzählt The Sound of Metal von zwei Welten, die, obwohl sie sich am gleichen Ort befinden, nicht für alle kompatibel sind. Denn in einer Umgebung, die bedenkenlos akustische Signale ein- und ihre fehlerfreie Rezeption voraussetzt, werden Gehörlose behindert, obwohl sie es eigentlich nicht sind.

„Bei uns bringen wir den Menschen bei, dass sie kein Handicap haben“, sagt darum selbstbewusst Joe (Paul Raci) zu Ruben – Joe ist der (gehörlose) Leiter einer Einrichtung, die sich auf taube und sehr schwerhörige Narcotics-Anonymous-Mitglieder spezialisiert hat. Ruben ist ein Neuling in ihrem (Stuhl-)Kreis, er beherrscht noch nicht mal die Grundlagen der Gebärdensprache, und die bei jedem Treffen heruntergebeteten Narcotics-Anonymous-Regeln kann er in American Sign Language nur erahnen. Sogar die gehörlosen Kinder aus einer Spezialschule, die der Einrichtung angeschlossenen ist, sind weiter als er. Sie alle leben, lieben, kichern, amüsieren sich in dieser oberflächlich stillen Welt, in der Ruben nicht wirklich Wurzeln schlagen möchte – obwohl er sich nach und nach mit den Mitbewohner*innen, mit den Kindern, selbstredend auch mit dem weisen, zopftragenden Pfundskerl Joe anfreundet.

Das Implantat klingt metallen

Marder erzählt seine Geschichte nicht eindimensional, nicht erwartbar, nicht als eine der herkömmlichen „I was blind but now I see“-Parabeln, nicht mal als Liebesgeschichte. Es geht in angenehm großen Sinnschritten vielmehr um eine Entscheidung: Akzeptiere ich das, was mich umgibt, oder nicht?

Der Filmtitel The Sound of Metal, das wird erst im letzten Akt deutlich, bezieht sich nicht (oder nicht nur) auf die gellende Metalmusik, die zwar für Ruben und Lou wichtig und wunderbar ist, sie aber dennoch nie als Personen ausmachte. Sondern in erster Linie auf den metallenen Klang, den Hörimplantate Schwerhörigen oder Gehörlosen vermitteln, wenn sie versuchen, dem Gehirn vorzuspielen, es höre etwas.

Am Ende hat sogar Lou, die ihren eine stille Erkenntnis anstrebenden Geliebten zunächst allein ließ, eine Entscheidung gefällt. Dass Marder sich für Lou ebenfalls Zeit nimmt und ihr eine Hintergrundgeschichte mitgibt, die weit über die klassisch weibliche Figur der karitativ Sorgenden, aber dabei nur Sidekick bleibende Rolle hinausgeht, ist ein schönes Detail.

Riz Ahmed spielt dazu seine schlussendlich vielleicht doch etwas beiläufige Erleuchtung mit einer großen Würde, die der Intensität seiner anfänglichen Wut in nichts nachsteht. Das Einstürzende-Neubauten-T-Shirt wird Ruben jedenfalls behalten. Und auch weiter tragen – ganz egal, ob er sich entscheidet, deren klirrenden Beats je wieder (eben mit Implantat) zuzuhören. Oder auch nicht.

Sound of Metal Darius Marder USA 2019; 130 Minuten. Amazon Prime



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Von Veritatis