Es wird wohl Jahre oder womöglich sogar Jahrzehnte dauern, bis die Mehrheit westlicher Kriegsverbrechen in Afghanistan aufgearbeitet sein wird. Dies sei allerdings zwingend notwendig, meint der Autor und ehemalige US-Soldat Erik Edstrom. Im Interview mit Emran Feroz beschreibt er für die NachDenkSeiten seine Kriegserfahrungen in Afghanistan und warum der Einsatz ihn zu einem vehementen Kriegsgegner gemacht hat.

Teil 1 finden Sie hier.

Sie haben vor wenigen Monaten Ihr erstes Buch publiziert. Es heißt „Un-American – A Soldier’s Reckoning of Our Longest War“ und wurde von der US-Medienlandschaft ziemlich positiv aufgenommen. Was genau meinen Sie eigentlich mit dem Begriff „unamerikanisch“?

Ich bin der Meinung, dass das, was wir, sprich, unsere Regierung und unsere Armee, in Afghanistan getan hat, nicht jenen Werten entspricht, die wir stets loben und preisen. Wir haben dort fürchterliche Dinge getan und die jüngst aufgedeckten Kriegsverbrechen seitens australischer Eliteeinheiten sind nur die Spitze des Eisbergs. Die Freiheit und die Demokratie, die wir im Westen für selbstverständlich halten, galten nicht für jene Afghanen, die gejagt, gefoltert und ermordet wurden. Sie wurden nicht einmal als Menschen betrachtet.

Sie dienten lange dem US-Militär. Wann gingen Sie nach Afghanistan und wie lange waren Sie dort?

2009 wurde ich in Afghanistan stationiert. Ich war ein Jahr lang dort, und zwar im Süden des Landes in der Provinz Kandahar, die als besonders gefährliche „Taliban-Hochburg“ galt. Dort wurde mir schnell klar, in was für ein Dilemma wir uns begeben hatten. Der sogenannte Feind war unsichtbar. Warum? Weil es sich hierbei um einen klassischen Guerillakrieg handelte. Die Aufständischen hatten die Unterstützung der lokalen Bevölkerung.

Wir hatten praktisch nie den klassischen Feindkontakt, wie man ihn etwa aus irgendwelchen Hollywoodfilmen kennt. Stattdessen waren wir ihnen oftmals einfach ausgeliefert. Jederzeit konnten wir in einen Hinterhalt geraten. Bombenattentate passierten immer wieder. Wir fühlten uns nie sicher und spürten gleichzeitig stets das Misstrauen der Einheimischen. Wir wurden als fremde Besatzer betrachtet, und zwar zu recht.

Dies ist gewiss ein interessanter Punkt, der von vielen Beobachtern teils immer noch ignoriert wird. Sie sprechen ihn allerdings in Ihrem Buch mehrmals an und sagen klar, dass die Afghanen Sie als Besatzer betrachteten. Ich denke, dass das nicht für alle Afghanen galt, da es sich auch hierbei um eine sehr heterogene Menschenmasse handelt. Immerhin zelebrierten viele Afghanen in Kabul Ende 2001 den Sturz des Taliban-Regimes.

Richtig. Ich spreche diesbezüglich in erster Linie von meinen Erfahrungen. Diese lassen mich sehr wohl zum Schluss kommen, dass ich in jenem Landesteil, in dem ich stationiert war, als feindselig betrachtet wurde. Ich denke, dass Derartiges in vielen ländlichen Regionen des Landes, die am meisten vom Krieg in Mitleidenschaft gezogen wurden, der Fall ist. Luftangriffe und nächtliche Razzien, die Zivilisten töteten, gehören dort bis heute zum Alltag.

Irgendwann befand ich mich in einem inneren Konflikt und dachte mir, dass die Menschen, die uns bekämpfen – selbst wenn sie Taliban-Kämpfer sind – ein verdammtes Recht haben, das zu tun. Immerhin sind wir in deren Land einmarschiert. Das ist nun einmal eine Tatsache, die sich nicht wegreden lässt. Man stelle sich vor, was los wäre, wenn wir die umgekehrte Konstellation vor uns hätten, sprich, irgendein Land, mit dem die Amerikaner nichts zu tun haben, bombardiert plötzlich die USA und greift uns alle an. Da würde ich womöglich ebenfalls zur Waffe greifen und ein Aufständischer werden. Das ist meiner Meinung nach eine natürliche Reaktion, die gerechtfertigt ist. Wir haben in Afghanistan einfach nichts zu suchen.

Warum sind Sie dann überhaupt dort gelandet?

Ich bin jemand, der von den Anschlägen des 11. September 2001 massiv beeinflusst wurde. Ich wuchs im Schatten dieses Ereignisses auf und im jungen Alter tappt man schnell in die Fallen patriotischer Propaganda, die in den USA massiv präsent ist, vor allem auch in der Popkultur. Ich schloss mich dem US-Militär an, weil ich der Meinung war, ich müsse meiner Nation dienen und sie gegen Terroristen verteidigen.

Natürlich bemerkten viele erst später, wie falsch diese Ansichten sind. Zwei Jahrzehnte „Krieg gegen den Terror“ haben deutlich gemacht, dass unsere Nation grundlegende Probleme hat und mittels militärischer Interventionen wie jener im Irak und in Afghanistan Millionen von Menschenleben mit Füßen tritt. Dies war auch der Grund, warum ich mein Buch jenen Menschen gewidmet habe, die Opfer dieses Krieges wurden. Es geht hier um mindestens 312.000 getötete Zivilisten. Die Zahl ändert sich stetig. Wahrscheinlich ist sie weitaus höher. Diese Opfer dürfen nie vergessen werden, doch unsere Politiker ignorieren sie meistens.

Der „Krieg gegen den Terror“ hatte viele Profiteure, auch innerhalb Afghanistans. Mit was für Menschen haben Sie vor Ort zusammengearbeitet?

Das US-Militär verbündete sich vor Ort mit brutalen Männern, Kriminellen und Kriegsfürsten. Diese Kontakte waren wichtig, weshalb man diese Akteure auch gewähren ließ, etwa wenn es um den Drogenhandel oder Menschenrechtsverletzungen ging. Ich kann mich noch daran erinnern, als ich zum ersten Mal unseren „strongman“ in Kandahar traf. Er war praktisch eine Art Pate, der über bewaffnete Männer und kriminelle Ressourcen verfügte, und er machte daraus auch kein Geheimnis. Wir waren es, die mit jenen Männern zusammenarbeiten wollten.

Viele dieser Warlords und Drogenbarone sind für das Versagen des Westens am Hindukusch verantwortlich. Sie haben Milliarden gestohlen und Korruption en masse geschürt.

Richtig, das sind „unsere“ Freunde vor Ort. Es ist eine Schande, dass berühmt-berüchtigte Kriegsverbrecher wie Abdul Rashid Dostum weiterhin hofiert und sogar noch innerhalb des Staatsapparates, den wir errichtet haben, befördert werden. Natürlich wird dann eine extreme Heuchelei deutlich und diese muss auch benannt werden. Die USA sprachen anfangs von „nation building“, doch im Grunde genommen haben wir Afghanistan immensen Schaden zugefügt, indem wir das Land diesen Akteuren überließen, während wir als brutale und arrogante Besatzer agierten.

Die Trump-Administration hat im vergangenen Jahr einen Abzugsdeal mit den Taliban unterzeichnet. Sollte Ihrer Meinung nach Joe Biden diesen Weg fortführen und tatsächlich alle US-Truppen aus Afghanistan abziehen?

Ja, das sollte er. Der Konflikt in Afghanistan lässt sich nicht militärisch lösen. Einst waren fast 100.000 Soldaten im Land stationiert. Geändert hat dies nichts. Die wenigen Tausend, die weiterhin dort verweilen, sollten abgezogen werden. Der längste Krieg Amerikas kann nur so beendet werden.

Titelbild: © Eric Edstrom



Source link

Von Veritatis