Wie erleben die Menschen in Polen Corona? Eine Leserin hat mir eine sehr bewegende Mail geschickt, im Namen ihrer ganzen Familie: Sie schrieb, dass sie, gebürtige Polen, sich inzwischen in ihrem Geburtsland wohler fühlen als im neuen Zuhause Deutschland – weil dort der Umgang mit der Krise gelassener sei. Sie beschreiben, wie unterschiedlich in beiden Ländern mit der Krise umgegangen wird. Ihre Zeilen haben mich elektrisiert. Ich bat sie, die Veröffentlichung zu erlauben. Die gab sie mir – Voilà!
PS: Ich möchte gerne auch aus anderen Ländern solche Erzählungen veröffentlichen! Ich freue mich auf Ihre Zuschriften aus allen Teilen der Welt! Besten Dank im Voraus!


Gerne berichten wir, wie wir den aktuellen Lockdown in Polen erleben. Zuerst möchten wir betonen, dass es sich dabei ausschließlich um unsere subjektiven Empfindungen handelt.

Zu Anfang der Pandemie hatten wir großes Vertrauen in die politischen Entscheidungen. Dieses Vertrauen nimmt leider fortschreitend ab. Einer der Gründe dafür sind die kuriosen Alltagserlebnisse, die uns sehr nachdenklich machen. Wir konnten Polizeibeamte beobachten, die einem Raucher auf der Straße erklärt haben, dass er zwischen den einzelnen Zügen die Maske aufsetzen soll. Im Hochsommer haben wir uns von unserer Lieblingseisdiele verabschiedet, weil unser kleiner Sohn durch sein Abtasten von Tischen, Türen oder sonstigen Gegenständen Corona-Virus verbreiten könne. Dass die wunderschöne Tradition der Weihnachtsmärkte ausgesetzt wurde, hat uns gewundert. Schockiert hat uns, dass dies durch die Bevölkerung einfach so hingenommen wurde. Hinzu kommen die völlig abstrakten abendlichen Ausgangssperren und Bewegungseinschränkungen. Das erinnert uns an das Kriegsrecht ´81-´83 in Polen – zum Glück noch ohne Panzer.

Seit Dezember sind wir aus familiären Gründen nun in der Heimat. Es gibt hier auch jede Menge Einschränkungen, jedoch fühlen wir uns hier freier. Für privat Einreisende (kein Bus, Zug, Flug) aus der EU ist keine Pflichttestung bzw. Quarantäne vorgesehen. Zwar gilt draußen überall Maskenpflicht, aber mit einem Coffee to-go oder beim Telefonieren ohne Maske wurden wir bisher weder durch Polizei noch durch Passanten zurechtgewiesen. Die geplante landesweite Ausgangssperre an Silvester wurde doch kurzfristig abgesagt, u.a. hat der polnische Beauftragte für Bürgerrechte diese kritisiert. In unseren Augen war dies eine sehr flexible und bürgerorientierte Entscheidung. Die Möglichkeit, sich mit 5 Personen im eigenen Haushalt treffen zu können (Gastgeber zählen NICHT zu den 5), kommt einem im Vergleich zur aktuellen Regelung in Deutschland sehr großzügig vor. Die bisherige Krönung war unser Besuch in der Warschauer Altstadt. Dort konnten wir den Lockdown komplett vergessen: ein wunderschöner Weihnachtsbaum über dem Schlossplatz, drum herum Straßenmusikanten und Verkaufsstände, aber vor allem viele Besucher jeden Alters, die den angenehm kalten Januarabend mit Glühwein genossen haben.

Möglicherweise fühlen wir uns einfach entspannter in der Heimat (witzigerweise vermissen wir aber unsere Wohnung in Deutschland) oder die Menschen hier lassen sich nicht so verrückt machen. Tatsache ist, wir genießen die Freiheitsgrade bezüglich des sozialen Lebens in den eigenen vier Wänden, aber auch außerhalb. Während in der Bundesrepublik die sozialen Kontakte bis auf wenige Ausnahmen praktisch verboten sind.

Bild: GagoDesign/Shutterstock
Text: Gast/br



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Von Veritatis