Leipzig.

Die Türen des Museums der bildenden Künste (MdbK) in Leipzig bleiben auch im neuen Jahr wegen der Corona-Pandemie zunächst geschlossen. Doch hinter den Kulissen geht die Arbeit weiter, seit dem 1. Januar mit dem neuen Direktor Stefan Weppelmann. Der promovierte Kunsthistoriker ist Jahrgang 1970, stammt aus Nordrhein-Westfalen und war zuletzt Direktor der Gemäldegalerie des Kunsthistorischen Museums in Wien. Mit über 100 Bücherkisten zogen er und seine Familie nun nach Leipzig.

Auch Ideen für Ausstellungsprojekte hat er im Gepäck, doch die möchte er zunächst mit dem Team abgleichen. Bei einigen Punkten aber wird er konkret: Insbesondere die Dauerausstellung soll mehr Gewicht und die grafische Sammlung einen eigenen Ort im Haus bekommen, sodass nicht nur Faksimiles, sondern rotierend Originale ausgestellt werden können. Auch die Fotografie soll ständig präsent sein, insbesondere die der Vorwende- und unmittelbaren Nachwendejahre, dazu Experimentalfilme, Künstlerinnen und Künstler wie Karin Wieckhorst, Lutz Dammbeck, Günther Huniat. “Ich glaube, wir können anhand der Sammlung einen großen Bogen vom 15. bis ins 21. Jahrhundert spannen, der insbesondere auch die Geschichte Europas erzählt.”

Als die Stelle Ende 2019 ausgeschrieben wurde, ist er nach Leipzig gefahren, um einen frischen Eindruck vom Haus und der Sammlung zu bekommen. Wie so viele hat er bei seinem Besuch einige vermisst: Mattheuer, Heisig, Rauch, Eitel oder Triegel. Die Leipziger Schulen sollen eine Dauerpräsenz im Haus bekommen, nicht wie bisher nur im Rahmen von Wechselausstellungen gezeigt werden. Auch Vorgänger Alfred Weidinger war 2017 mit diesem Ziel angetreten, realisierte Ausstellungen zu Arno Rink und Klaus Hähner-Springmühl und sorgte 2019 vor dem 30. Jubiläum der Maueröffnung mit “Point of No Return” für ein weltweites Medienecho: Werke von 106 Künstlerinnen und Künstlern zeigten deren Blick auf die friedliche Revolution und den gesellschaftlichen Umbruch im Osten. Weidinger war im Laufe der Zeit unsicher geworden, suchte noch nach einem überzeugenden kuratorischen Konzept für die Dauerpräsentation.

Weppelmann sieht, dass das MdbK eine enorme Verantwortung für die Kunst und Kultur der DDR hat: “Da sind viele Künstlerinnen und Künstler noch nicht ausreichend gewürdigt und bekannt.” Es gelte nicht nur zu sammeln und zu dokumentieren, sondern auch wissenschaftlich zu forschen und zu digitalisieren. “Es würde mich sehr freuen, wenn es Interesse an mitteldeutscher Kunst oder sagen wir ostdeutscher Kunst in westdeutschen Zentren gäbe.” Auch national und international sieht er Potenziale: Viele Häuser seien an dem Komplex Leipziger Schulen und an Kunst der DDR interessiert, aber auch an Kunstwerken im Bereich der alten Meister, am Kernbestand von Max Klinger und Max Beckmann, Hauptwerken von Caspar David Friedrich, Gemälden von Lovis Corinth und einer wichtigen Werkgruppe im Bereich der Niederländer des Goldenen Zeitalters.

Wien und Berlin, wo Weppelmann an der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen als Kurator für italienische und spanische Malerei der Renaissance tätig war, sind große Flaggschiffe, geprägt vor allem von wissenschaftlicher Museumsarbeit und Touristenmassen. Leipzig hingegen ist als ein Museum aus der Stadtgesellschaft entstanden und das Werk von Bürgerinnen und Bürgern. Darin liegt für Weppelmann die Faszination. Statt Projekt an Projekt zu reihen, sollen sich Formate regelmäßig wiederholen, in denen insbesondere Künstlerinnen und Künstler eine Rolle spielen, die in Leipzig leben, studieren oder studiert haben. Weppelmann spricht von Teilhabe, will Formate finden, in denen das Museum aus seinen vier Wänden hinaus in die Stadt geht. Beworben hat er sich mit der Idee eines Mentorinnen-Programms: Menschen, die in Leipzig leben und in informellen Gruppen agieren, sei es in Freundeskreisen, in Jugendclubs, in der Hausgemeinschaft oder mit Geflüchteten, sollen an das Museum angedockt werden, etwa über eine geringfügige Beschäftigung, um dann Menschen, die vielleicht nicht oder nur schwer erreicht werden würden, ins Haus zu bringen und das Programm mitzugestalten.

Eine tiefe Überzeugung der Relevanz von Kunst für die Gesellschaft und eine gewisse Bodenständigkeit sprechen aus seinen Überlegungen. Sein bisheriger Lebensweg mag zu dieser Erdung beitragen: Nach einer Ausbildung in der Arbeitsverwaltung war er zunächst als Arbeitsvermittler tätig. Nach dem Abendabitur studierte er Kunstgeschichte und Kommunikationswissenschaften. Bauten, wie etwa der Kölner Dom, haben ihn schon als Kind fasziniert. Nach einem Erasmus-Aufenthalt in Rom entschied er sich ganz für die Kunstgeschichte, wobei es immer die Bildgeschichte war, die ihn faszinierte: “Bilder lösen Konflikte oder provozieren sie, sie definieren Räume neu und dokumentieren künstlerische, humanistische und technologische Entwicklung.”

Auch unabhängig von der Pandemie sieht er es als unabdingbar, den digitalen Raum ernster zu nehmen, nicht nur Digitalisate bereitzustellen, sondern die Möglichkeiten des Netzes zu nutzen und das Haus veritabel im digitalen Raum zu spiegeln. Museums-Websites sollten Inhalte spannend und dialogreich gestalten, da sei das MdbK schon sehr weit vorn. Insbesondere die Schulen müssten adressiert werden. Mit der Hoffnung, das Museum im Frühjahr wieder öffnen zu können, verbindet er den Gedanken, dass die Menschen ein neues Gefühl für Zeit mitbringen: “Über die Jahre meiner Museumsarbeit bin ich Bildern, die man zu kennen glaubt, immer wieder begegnet und habe neue Zugänge zu ihnen gefunden. Diese Erfahrung sollte auch das Publikum machen.” Die ureigentlichste Aufgabe eines Museums sei es schließlich, neben dem Bewahren der Objekte auch tiefere Bindungen der Menschen zur Kunst zu ermöglichen und so letztlich uns selbst zu begegnen.



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Von Veritatis