Von Elias Huber.

Am 8. Januar entging Europa womöglich nur knapp einem Blackout. Während die deutschen Medien erst eine Woche später berichteten, griff die österreichische Presse den Beinahe-Stromausfall sofort auf. Herbert Saurugg, der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Krisenvorsorge, war in den sozialen Medien einer der ersten, der auf die Frequenzschwankungen im Stromnetz hinwies. Im Interview mit reitschuster.de spricht er über die Blackout-Gefahr, die Energiewende und Krisenvorsorge.

Reitschuster.de: Herr Saurugg, was ist am 8. Januar genau passiert?

Herbert Saurugg: Durch einen noch nicht näher bekannt gewordenen Zwischenfall in Rumänien sank die Frequenz im europäischen Stromnetz auf 49,74 Hertz. Üblich sind 50 Hertz. Es hat also die Stromleistung von mehreren Atomkraftwerken plötzlich gefehlt. Die Netzbetreiber haben in der Folge industrielle Großverbraucher vom Netz genommen und zusätzliche Kraftwerksleistungen abgerufen.

Die Netzbetreiber haben auch das europäische Stromnetz aufgetrennt – richtig?

Ja, und zwar in einen nordwest- und einen osteuropäischen Teil. Das sogenannte europäische Verbundsystem reicht von Portugal bis Dänemark und von Griechenland bis Polen. Auch die Türkei gehört mittlerweile dazu. Das Auftrennen des Verbundsystems ist erst zum zweiten Mal passiert – das erste Mal war beim Beinahe-Blackout vom 4. November 2006. Nach einer Stunde haben die Techniker die beiden Teilsysteme wieder zusammengeschalten. Das ist eine sehr kritische Angelegenheit, bei der viel schief gehen kann, aber die Techniker haben eine hervorragende Arbeit geleistet.

Wie gefährlich war der Vorfall – hätte ein Blackout passieren können?

Dazu gehen die Meinungen auseinander. Laut den offiziellen Aussagen – auch in Österreich – bestand zu keiner Zeit eine Gefahr. Meiner Meinung nach war das kein trivialer Vorfall. Die Situation mag im Nachhinein gesehen nicht sehr kritisch gewesen sein, da man von einem Blackout erst ab einer Frequenz von unter 47,5 Hertz spricht, aber es hätte durchaus in einer Katastrophe enden können.

Ist ein Blackout überhaupt wahrscheinlich?

Mit dieser Frage beschäftige ich mich seit rund 10 Jahren. Meine Einschätzung ist: Wir werden einen europaweiten Blackout binnen der nächsten fünf Jahre erleben. Seit Jahren spitzen sich hier Dinge zu, wie etwa die steigende Anzahl von Netzeingriffen, um das System stabil zu halten. Außerdem werden in den nächsten Monaten viele Atom- und Kohlekraftwerke stillgelegt. Uns fehlen aber die Speichersysteme, um die schwankende Erzeugung von Solar- und Windstrom ausgleichen zu können. Und alle Länder setzen auf Stromimporte aus den Nachbarstaaten. Bisher war meistens Deutschland der Lieferant, was aber bald nicht mehr möglich sein wird. Wenn man die Faktoren einzeln betrachtet, könnte man sagen: “Das haben wir im Griff.” Aber in der Summe können sehr viele Dinge schief gehen, die in Wechselwirkung stehen. Das erhöht das Blackout-Risiko enorm.

Was meinen Sie mit Blackout genau?

Ich meine einen überregionalen, weite Teile Europas betreffenden Strom-, Infrastruktur- und Versorgungsausfall. Der Stromausfall löst dabei eine Kettenreaktion in allen anderen Infrastrukturen aus. In einer solchen Krise wird Österreich wohl nur einen Tag brauchen, bis wieder Strom fließt – wegen unserer großen Pumpspeicher- und Wasserkraftwerke. Der Rest Europas wird bis zu einer Woche benötigen. Das Hauptproblem ist aber nicht der Stromausfall.

Sondern?

Mit dem Stromausfall brechen auch die Kommunikationsnetze zusammen. Telefone, Internet, Handys. Wenn diese Systeme einmal großflächig ausfallen, drohen schwere Hardwareschäden. Aus lokalen Ausfällen wissen wir, dass da bis zu 30 Prozent zerstört sind – etwa Netzteile, Switches oder Server. Wir haben aber nicht genügend Ersatzteile, um die Systeme rasch zu reparieren. Und selbst wenn wir vergleichsweise wenig Hardware verlieren, sind die Kommunikationsnetze überlastet, sobald sie hochgefahren werden. Alle möchten dann mit ihren Angehörigen sprechen. Ohne Telefon und Internet ist aber keine Produktion und Warenverteilung möglich.

Das klingt düster.

Ja, ist es, leider. Auch am 8. Januar entstanden durch den Beinahe-Blackout Schäden von mehreren hunderttausend Euro am Flughafen Wien. Mehrere hundert Hardware-Teile waren zerstört, obwohl der Strom nicht mal ausgefallen war. Auch wenn der Strom wieder da ist, wird es bei einem Blackout zumindest noch mehrere Tage brauchen, bis Telefon und Internet wieder funktionieren. Selbst im günstigsten Fall wird es bis in die zweite Woche hinein dauern, bis die Lieferketten wieder anlaufen. Etwa, dass Supermärkte wieder öffnen.

Was würde unmittelbar nach dem Stromausfall passieren?

Alles bleibt stehen, Aufzüge bleiben stecken, die Kassen der Geschäfte würden nicht mehr funktionieren. Binnen Stunden würden Millionen Tiere in der industriellen Tierhaltung sterben. Wasser würde in vielen Wohnungen nicht mehr fließen – Klo spülen wäre also nicht möglich. In Krankenhäusern würde zum Teil bereits nach einem Tag die Hygieneausrüstung fehlen, etwa OP-Kittel. Notstrom haben die Krankenhäuser meist auch nur für wenige Tage. Nach vier bis fünf Tagen wird es problematisch: Laut Studien kann sich rund ein Drittel der Bevölkerung maximal vier Tage und ein weiteres Drittel maximal sieben Tage selbst versorgen. Bis wir wieder im vor-Blackout-Zustand sind, wird es Monate oder teilweise auch Jahre dauern.

Wie kann es sein, dass fast niemand vor einem Blackout warnt? Stehen Sie mit Ihrer Meinung alleine da?

Zum einen gibt es nur wenige Menschen oder Behörden, die sich derart intensiv mit Blackouts beschäftigen. Ich bin aber durchaus nicht allein: Der damalige Innenminister Thomas de Maizière sagte im Jahr 2016, er erachte einen lang andauernden Stromausfall als wahrscheinlichste Zivilkrise. Auch das Österreichische Bundesheer sprach im Januar 2020 von einem hundertprozentigen Eintritt binnen der nächsten fünf Jahre.

Ist die politisch forcierte Energiewende ein Grund, warum Blackouts in der öffentlichen Debatte kaum vorkommen?

Die Blackout-Gefahr könnte die unangenehme Frage aufwerfen, ob es sinnvoll ist, ganz aus der Kohle- und Atomenergie auszusteigen. Für Deutschland ist das sicherlich richtig. Man sollte aber nicht nur den Erneuerbaren den schwarzen Peter zuschieben. Die Politik hat falsche Anreize und Rahmenbedingungen geschaffen. Sie müsste von allen Stromerzeugern einfordern, dass diese ab einer bestimmten Menge in der Lage sein müssen, für eine gewisse Zahl von Stunden pro Jahr Strom zu liefern. Das in Kombination mit Auflagen, was etwa den CO2-Ausstoß betrifft. Dann müssten sich die Stromhersteller zusammentun und mehr Speicherkapazitäten aufbauen.

Erhöhen die Corona-Maßnahmen die Blackout-Gefahr?

Derzeit nicht. Meiner Einschätzung nach senken die Maßnahmen den Stromverbrauch. In diesem Frühjahr war er etwa um 5 bis 20 Prozent geringer in verschiedenen Ländern. Das stabilisiert die Netze. Anfang 2022 könnte das ganz anders aussehen, weil bis Ende des kommenden Jahres rund 20 Gigawatt an Atom- und Kohleenergie vom Netz gehen sollen.

Französische Medien berichteten ja, dass in Frankreich im kommenden Monat der Strom knapp werden könnte, da weitere Atomkraftwerke in Wartung gehen. Stimmt das?

Frankreich ist in einer kritischen Situation. Bis Ende Februar sollen 13 der 56 Atomkraftwerke wegen Wartungsarbeiten vom Netz sein. Die französischen Behörden haben deshalb aufgerufen, Strom zu sparen. In Frankreich ist der Strom aber fast in jedem Winter knapp. Schon vor Jahren gab es Flächenabschaltungen, bei denen die Franzosen ganze Regionen für einen bestimmten Zeitraum vom Netz genommen haben. Das halte ich auch in diesem Winter für möglich. Wir können nur hoffen, dass es keine weitere Kältewelle gibt.

Wie sollte sich ein Bürger am besten auf einen Blackout vorbereiten?

Zuerst sollte er sich informieren und akzeptieren, dass ein solches Ereignis möglich ist. Außerdem sollte er Wasser und Lebensmittel für mindestens zwei Wochen einlagern. Während eines Blackouts ist es wichtig, mit den Nachbarn in Kontakt zu bleiben und sich gegenseitig zu helfen. Auf keinen Fall zurückziehen – wir können das nur gemeinsam schaffen.

Bild: cosma/Shutterstock
Text: eh

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