Auch wenn das damals noch kaum jemand wusste, begann zur selben Zeit eine zweite und nicht weniger bedeutsame neue Ära — eine neue geologische Epoche, die später als Anthropozän bezeichnet wurde. Diese Epoche ist durch einen extremen Einfluss menschlicher Aktivitäten auf die Umwelt gekennzeichnet.

Inzwischen begreifen wir allmählich, dass wir uns schon mitten in dieser Epoche befinden, aber eine Weile lang waren sich die Wissenschaftler nicht darüber einig, wann genau dieser Wandel im Verhältnis von Mensch und Natur so stark wurde, dass man dort den Beginn des Anthropozäns ansetzen kann. Im April 2016 gelangte die internationale Geologenorganisation Antropocene Working Group hier zu einem Schluss und empfahl dem 35. Internationalen Geologischen Kongress, den Beginn des Anthropozäns auf das Ende des Zweiten Weltkriegs zu datieren (1).

Der Analyse dieser Arbeitsgruppe zufolge fallen der Beginn des Anthropozäns und der Beginn des Atomzeitalters zusammen: Es handelt sich um eine zweifache Gefahr für jede Fortsetzung menschlichen Lebens in organisierter Form. Beide Gefahren sind ernst und unmittelbar. Es wird mittlerweile weithin anerkannt, dass wir uns heute in der Periode des sechsten Massenaussterbens befinden. Das fünfte Massenaussterben vor 66 Millionen Jahren wird gemeinhin einem riesigen Asteroiden zugeschrieben, der auf der Erde einschlug und 75 Prozent sämtlicher Arten auf dem Planeten vernichtete. Dieses Ereignis beendete das Zeitalter der Dinosaurier und bereitete der Ausbreitung kleiner Säugetiere — und vor etwa 200.000 Jahren schließlich auch des Menschen — den Weg.

Wir Menschen haben dann nicht lange gebraucht, um das sechste Massenaussterben in Gang zu setzen, welches voraussichtlich nicht weniger umfangreich als die vorherigen sein wird, sich von diesen aber auf bemerkenswerte Art unterscheidet.

Bei den weit vor der Zeit des Menschen liegenden Perioden des Massenaussterbens gab es keinen Zusammenhang zwischen Körpergröße und Untergang der jeweiligen Spezies. Jede Periode des Massenaussterbens raffte alle Arten gleichermaßen dahin, unabhängig davon, wie groß sie waren. Beim nun begonnenen sechsten Massenaussterben werden die größeren Tiere in wesentlich höherem Maß eliminiert als alle anderen.

Damit setzt sich eine Geschichte fort, die bis zu unseren frühen protomenschlichen Vorfahren zurückreicht. Bei ihnen handelte es sich um eine räuberische Spezies, die anderen großen Organismen beträchtlichen Schaden zufügte, viele von ihnen ausrottete und nach nicht allzu langer Zeit demselben Schicksal zum Opfer fiel.

Die Fähigkeit des Menschen, seinesgleichen in großem Maßstab zu vernichten, steht schon längst nicht mehr in Zweifel und hat im 20. Jahrhundert einen grässlichen Höhepunkt erreicht. Die Ergebnisse der Anthropocene Working Group bestätigen den Schluss, dass die klimaaufheizenden CO2-Emissionen in der Atmosphäre schneller wachsen als jemals zuvor in den letzten 66 Millionen Jahren.

Die Arbeitsgruppe zitiert einen Bericht von Juli 2016, dem zufolge die Zahl der CO2-Partikel in der Atmosphäre den Wert von mehr als 400 pro Million (ppm) erreicht hat. Weiterhin wachse der Kohlenstoffspiegel in einem für die geologische Geschichte beispiellosen Tempo. Spätere Studien haben dann gezeigt, dass diese Zahl keine zufällige statistische Schwankung ist. Sie scheint von Dauer zu sein und den Ausgangspunkt für weiteres Wachstum zu bilden — aber gleichzeitig werden 400 ppm als der Punkt betrachtet, der eine kritische Gefahr signalisiert. Dieser Wert liegt bedrohlich nah an demjenigen, an dem den Schätzungen zufolge die Stabilität des großen antarktischen Eisschilds bedroht ist. Ein Abschmelzen dieses Schilds würde katastrophale Folgen für den Meeresspiegel haben, und in den arktischen Regionen sind die entsprechenden Prozesse schon auf unheilschwangere Art im Gang.

Das Gesamtbild ist nicht weniger bedrohlich und praktisch jeden Monat kommt es zu neuen Temperaturrekorden; gewaltige Dürren bedrohen das Überleben von Hunderten von Millionen Menschen. Außerdem tragen diese Entwicklungen zu einigen der schrecklichsten Konflikte der Welt wie in Darfur und Syrien bei.

Jedes Jahr sind durchschnittlich 31,5 Millionen Menschen vor Desastern wie Überflutungen oder Stürmen auf der Flucht, und dabei handelt es sich um eine längst vorhergesagte Auswirkung der Erderwärmung. Das ist beinahe ein Mensch pro Sekunde, eine Zahl, die noch höher liegt als die der Flüchtlinge vor Krieg und Terror. Und diese Zahlen werden mit dem Schmelzen der Gletscher und dem Ansteigen des Meeresspiegels, zwei Faktoren, die die Wasserversorgung einer gewaltigen Zahl von Menschen bedrohen, noch wachsen.

Das Abschmelzen der Gletscher des Himalajas könnte die Wasserversorgung Südasiens, das heißt von mehreren Milliarden von Menschen, abschneiden. Allein in Bangladesch steht, wegen seiner tiefgelegenen Küstenregionen, in den kommenden Jahrzehnten zu erwarten, dass Zigmillionen Menschen aufgrund des steigenden Meeresspiegels fliehen müssen.

Es droht eine Flüchtlingskrise, welche die gegenwärtige als unbedeutend erscheinen lassen wird, und das ist noch nicht einmal der Anfang. Die führenden Klimawissenschaftler Bangladeschs haben mit einigem Recht gesagt, diese Migranten hätten das Recht auf Auswanderung in die Länder, aus denen all diese Treibhausgase stammen — dass also Millionen die Möglichkeit gegeben werden sollte, in die Vereinigten Staaten einzuwandern. Hier haben wir eine moralische Frage von nicht geringer Tragweite vor uns.



Quellen und Anmerkungen:

(1) Edgeworth, Matt et alii: Second Anthropocene Working Group Meeting, Conference Report, The European Archaeologist 47, 2016, online verfügbar unter: http://nora.nerc.ac.uk.



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Von Veritatis