In seiner wechselvollen Geschichte diente der Torre de Belém in Lissabon als Leucht- und Wachturm. Im Jahr 1515 war sein Bau von König Manuel I. in Auftrag gegeben worden. Unter der Leitung des Architekten Francisco de Arruda begann die Errichtung, sechs Jahre später, vor 500 Jahren, wurde der Bau abgeschlossen. Das Gebäude gilt als Sinnbild für das “Goldene Zeitalter” Portugals im 15. und 16. Jahrhundert, als das Land zu einer der bedeutendsten Seefahrer- und Handelsnationen aufstieg. 1494 hatten die damaligen Weltmächte Spanien und Portugal im Vertrag von Tordesillas ihre Einflussbereiche in eine östliche und westliche Seite des Globus’ aufgeteilt. Die Grenze zwischen den beiden Hoheitsgebieten verlief 370 Meilen westlich der Kapverden auf einer Linie vom Nord- bis zum Südpol.

Ursprünglich war der Torre de Belém ein kleines Fort zum Schutz der Tejo-Mündung – auf der gegenüberliegenden Uferseite gab es einen weiteren, identischen Turm. Mit beiden wurde die Hafeneinfahrt bewacht, feindliche Schiffe konnten mit jeweils 17 Kanonen ins Kreuzfeuer genommen werden. Beim großen Erdbeben 1755 wurde der zweite Turm zerstört, der Torre de Belém überstand die Katastrophe dagegen fast unbeschädigt.

Allerdings war die Anlage nicht stark genug gewesen, um dem Angriff der spanischen Armada 1580 standzuhalten. Nach dem Tod des letzten portugiesischen Königs Heinrich I., der ohne Nachkommen geblieben war, machten die Spanier ihren Erbanspruch geltend. Die erbitterten Kämpfe um den Turm dauerten lediglich vier Stunden, bis sich die Portugiesen ergaben und die Spanier Lissabon erobern konnten. Die Niederlage führte zur Entstehung einer “Iberischen Union”, die 60 Jahre lang anhielt. Der Turm wurde später auch als Zollstelle genutzt.

Das vierstöckige Bauwerk hebt sich 35 Meter aus dem Tejo empor. Es wurde auf einem sechseckigen Grundriss errichtet und hat die Form eines Schiffsbogens, der ins Wasser ragt. Die Hauptfassade der Festung ist zum Meer ausgerichtet. Im ersten Stock befindet sich der kunstvoll gestaltete und reich verzierte “Sala dos Reis”, in dem Königssaal wurden früher Bankette und Staatsempfänge abgehalten. Daran angrenzend liegt der “Sala do Governador” (der Gouverneurssaal), dort residierten Militärangehörige mit höchster Auszeichnung. Die einfachen Soldaten waren im düsteren und kühlen Raum darunter stationiert, der auch zur Lagerung von Waffen und Lebensmitteln diente. Über den Innenhof gelangten nur wenig Frischluft und Licht ins Erdgeschoss. Ab 1865 kam das Bauwerk auch als Leuchtturm zum Einsatz. Die dritte Etage beherbergt ein aufwendig gestaltetes Audienzzimmer und die vierte eine kleine Kapelle mit Aussichtsplattform. Die einzelnen Etagen sind mit engen Wendeltreppen verbunden. Der Turm steht rund zweieinhalb Kilometer von der Innenstadt Lissabons entfernt.

Neben dem zur selben Zeit aus Kalksteinblöcken erbauten und nahegelegenen “Mosteiro dos Jerónimos” (Kloster des Ordens des Heiligen Hieronymus) gilt der Turm als eines der wenigen Beispiele der Manuelinik, die das Erdbeben von Lissabon im 18. Jahrhundert überstanden. Der manuelinische Architekturstil ist eine Sonderform der Gotik, die nur in Portugal sowie dessen ehemaligen Kolonien zu finden ist. Das portugiesische Wort Belém bedeutet übrigens Bethlehem. Der Name stammt von einer der Heiligen Maria von Bethlehem gewidmeten Kirche, die früher am Ort des heutigen Klosters stand.

Die wahre Schönheit des Torre de Belém liegt in der äußeren Dekoration. Sie bietet schildförmige Zinnen, durchbrochene Balkone und maurische Ausgucke, die häufig mit dem Kreuz des Ordens Christi verziert sind. Besondere Berühmtheit erlangte die Plastik des Kopfes eines indischen Panzernashorns, die sich an der Nordwestecke des Turms befindet. Das Tier war in Europa unbekannt, bis der Seefahrer Afonso de Albuquerque 1515 eine Abbildung von einer Indienfahrt mitgebracht hatte. Später wurde sie auch von Albrecht Dürer als Vorlage für seinen berühmten Holzschnitt “Rhinozeros” verwendet.

Der Torre de Belém wurde 1910 zum nationalen Denkmal erhoben und zählt seit 1983 zusammen mit dem nahen Kloster zum Unesco-Weltkulturerbe.



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Von Veritatis