Sie gab Deutschen in der DDR und der BRD Hoffnung auf weitere Deeskalation: Bundeskanzler Willy Brandts Politik der Ostannäherung, die 1969 begann. Zu den ersten Schritten gehörte die Wiederherstellung der innerstädtischen Fernsprechverbindungen in Berlin. Ganz so einfach wie heute war der Telefonverkehr jedoch nicht. Am ersten Tag, als lediglich zehn Leitungen über Potsdam geschaltet wurden, konnten 724 Gespräche von West nach Ost und 829 Gespräche in umgekehrter Richtung vermittelt werden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Telefonieren wegen der zerstörten Netze massiv eingeschränkt gewesen, doch bis 1949 hatten sich die Verhältnisse in Berlin im Grunde normalisiert. Allerdings wurden die verbliebenen 3910 Fernsprechleitungen zwischen den Westsektoren und Ostberlin am 27. Mai 1952 von östlicher Seite einseitig gekappt, weil die Bundesrepublik am Tag zuvor den sogenannten Deutschlandvertrag unterzeichnet hatte. Darin wurde das Besatzungsstatut von 1949 in wesentlichen Teilen aufgehoben und eine stärkere Integration Westberlins in die Bundesrepublik beschlossen. Noch am selben Tag ordnete der DDR-Ministerrat die Errichtung einer fünf Kilometer breiten Sperrzone entlang der deutsch-deutschen Grenze sowie die Schließung der Straßenverbindungen zwischen Ost- und Westberlin an. Die wenigen grenzüberschreitenden Kabelverbindungen zwischen den Zonen wurden auf 34 verringert.

Telefonate zwischen Ost- und Westberlin hätten dann nur noch über den Umweg westdeutscher Vermittlungsämter hergestellt werden können. Dies verweigerte die Deutsche Post der DDR, da sie für Ortsgespräche keine Fernleitungen bereitstellen wollte. Um den Bürgern im Ostteil weiterhin Telefongespräche in den westlichen Teil der Stadt zu ermöglichen, richteten die Westberliner Postämter an der Sektorengrenze Münzfernsprecher für DDR-Münzen ein. Nach dem Mauerbau fiel jedoch auch diese Möglichkeit der Kontaktaufnahme weg. Unzureichender Ersatz für dringende Telefonate waren danach Eilbriefe oder Telegramme.

Nach der Bundestagswahl 1969 wurde Brandt im Oktober zum Bundeskanzler gewählt. Unter dem Motto “Wandel durch Annäherung” richtete er gemeinsam mit Außenminister Walter Scheel die westdeutsche Politik neu aus. Der “Kalte Krieg” zwischen Nato und Warschauer Pakt sollte durch kleine Schritte abgemildert, die Berliner Mauer und die innerdeutsche Grenze durchlässiger werden. Innenpolitisch wollte Brandt “mehr Demokratie wagen”. Auch in Ostdeutschland zeichnete sich ein Wandel ab, SED-Chef Walter Ulbricht verlor zunehmend an Unterstützung – vor allem auch aus Moskau – und musste 1971 seinen Posten für Erich Honecker räumen.

Die ersten Gipfeltreffen zwischen Brandt und Willi Stoph, dem Vorsitzenden des Ministerrates der DDR, im März und Mai 1970 hatten eine vorsichtige Annäherung, aber noch keine greifbaren Ergebnisse gebracht. Doch schon drei Monate später unterzeichneten Bundeskanzler Brandt und der sowjetische Staatschef Leonid Breschnew den “Moskauer Vertrag”. Darin wurde erstmals die Unverletzlichkeit der deutschen Nachkriegsgrenzen von beiden Seiten anerkannt. In der Folgezeit kamen weitere Ostverträge hinzu, unter anderem das Transit- und das Vier-Mächte-Abkommen, der Grundlagenvertrag sowie ein Protokoll über den Post- und Fernmeldeverkehr.

Das Berliner Fernmeldeamt 1 an der Schöneberger Winterfeldtstraße war schon seit 1929 von der Deutschen Reichspost als zentrale Handvermittlungsstelle für Fernverbindungen errichtet worden. Mit 1140 Mitarbeiterinnen war es zu jener Zeit die größte Telefonvermittlungsstelle Europas. In den 1950er-Jahren schritt die Automatisierung der Fernverbindungen in West-Berlin zügig voran, im Oktober 1969 war dort der Übergang von der Handvermittlung zur vollautomatischem Inlandsfernwahl abgeschlossen. Die Vermittlungsstelle an der Winterfeldtstraße wurde nur noch für Verbindungen ins Ausland be-nötigt.

Westberliner mussten vor 50 Jahren früh aufstehen, wenn sie beim Fernmeldeamt 1 Gespräche nach Ostberlin anmelden wollten. Das “Fräulein vom Amt” vermittelte ab 6 Uhr morgens per Hand – mit Vorkriegstechnik. Da aber nur fünf Leitungen zur Verfügung standen – fünf weitere gab es für die Gegenrichtung -, verkündete schon ab 8.42 Uhr eine Stimme vom Band: “Heute sind keine Anmeldungen mehr nach Ostberlin möglich!”

Das Telefonieren vom Osten in den Westen Berlins gestaltete sich noch komplizierter. Zunächst sollte die Nummer des Anzurufenden bekannt sein, denn Telefonbücher aus dem Westen gab es nicht. Beim Anruf der Vermittlungsstelle für Ferngespräche nach Westdeutschland unter der Nummer 578 hieß es: “Für Gespräche nach Westberlin wählen Sie bitte die 577.” Aber dieser Anschluss war dauernd besetzt. Eine weitere Chance für eine telefonische Handvermittlung in die andere Stadthälfte bot sich in Ostberliner Postämtern. Ein Zeitzeuge berichtete jedoch, dass er bei der Post im Bahnhof Friedrichstraße auf seine mittags gestellte Frage, wie lange er sich gedulden müsse, die Antwort erhielt: “Bis vier müssen Sie schon warten. Eilgespräche werden nicht mehr angenommen, denn sonst meldet jeder ein Eilgespräch an.”

Während Gespräche aus West-Berlin zum Ortstarif berechnet wurden, kassierte die DDR wie für Ferngespräche 20 Pfennig pro Minute. Trotzdem wurde es nicht allzu teuer, denn eine weitere Auskunft der Dame in der Postfiliale Friedrichstraße lautete: “Sie können nur drei Minuten telefonieren, dann wird automatisch abgeschaltet.” Die Parole, die noch bis in die 1960er-Jahre an den meisten westdeutschen Telefonzellen prangte, galt auch hier: “Fasse dich kurz”.

Erst ab 1973 gab es Telefongespräche per Selbstwahl von West- nach Ostberlin, vom Ost- in den Westteil konnte weiterhin nur handvermittelt telefoniert werden. Am 2. April 1975 wurde im Fernmeldeamt 1 eine vollautomatische Telefonanlage in Betrieb genommen, insgesamt standen 55 neue Leitungen zur Verfügung. Selbst nach dem Fall der Mauer dauerte es noch mehrere Jahre, bis die innerstädtischen Telefonverbindungen wieder uneingeschränkt funktionierten.

Übrigens: Bis zur deutschen Wiedervereinigung 1990 fand eine intensive Überwachung des Post- und Telefonverkehrs von hüben nach drüben statt. Die Westalliierten unterhielten ebenso Abhörstationen wie die Sowjets, auch die Stasi und der BND lauschten mit.



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Von Veritatis