Berlin, erste Schulwoche 2021: Montag hü, Dienstag hott, Mittwoch hühü, später am Nachmittag höhö, Donnerstag hä, Freitag wieder hott, nein, doch hühü, Sonntag hü und hott gleichzeitig (Lehrkraft vs. Schulleitung). Der Abiturient ratlos: „Ist morgen Präsenzpflicht?“ Ja hält er mich für allwissend? Ich weiß nur, dass ich bereits wieder reif für den Urlaub bin. Und dass wir den als autofreier Haushalt planen müssen, damit wir ihn auch bezahlen können. Während ich darüber nachsinne, poppen zwei Meldungen auf. Die erste: Es soll keine Vorteile für Geimpfte geben. Die zweite: Es soll Vorteile für Geimpfte geben. Da fällt es mir wie die beschlagene Brille von der Nase: Natürlich! In diesem Sommer wird es Menschen geben, die werden überall auf der Welt mit Blumen, Fanfaren und Bravo-Rufen empfangen, und es wird Menschen geben, die will man – bei aller Liebe – eigentlich nirgendwo sehen. Sorry. Bitte versuchen Sie es nächstes Jahr wieder.

Zu den ersteren könnte ich selbst zählen, denn ich bin priorisierter Impfling, zu den letzteren meine Mitreisenden, das gemeine Impf-Fußvolk. Wir sind dann eine Gruppe, die an Urlaubsorten wohl eher gemischte Gefühle auslöst. Die Frage ist also: Wird es Mitnahmeregeln geben? Nein, Quatsch. Die Frage ist natürlich: Welche Mitnahmeregeln wird es geben? In welchen Ländern? Vielleicht: Jeder Geimpfte darf einen Nicht-Geimpften mitnehmen, Kinder unter 14 und Abiturienten zählen nicht, letztere reisen auf dem Mitleidsbonus. Wobei: Ein Geimpfter reicht eigentlich für jedwede Gruppe völlig aus. Er übernimmt alle Außenkontakte – einkaufen und so. Die anderen liegen faul am Strand und lassen sich bedienen. Hurtig flitzt der Geimpfte – mit seiner lustig glitzernden Impfplakette um den Hals – zwischen Strandbar und Liegestühlen hin und her. Muss man überlegen, ob man das als Geimpfter möchte. Wenn man diese Chance überhaupt hat.

Um die darniederliegende Tourismusbranche zu reanimieren, könnten Geimpfte zur Begleitung einer Gruppe verpflichtet werden. Wenn es ganz schlimm kommt, sogar für mehrere Urlaubergruppen gleichzeitig. Alles Regeln, die derzeit vorstellbar erscheinen und die es deshalb bei der Urlaubsplanung zu berücksichtigen gilt. Aber: Nach der zurückliegenden Woche weiß ich, dass man immer auch mit ein paar völlig gegenläufigen Regeln rechnen sollte. Partikularinteressen können sich vorübergehend durchsetzen. Gerechtigkeitsexperten, Freie-Fahrt-für-freie-Bürger-Bürger, Grundrechtslobbyisten sorgen womöglich kurzfristig dafür, dass nur Nicht-Geimpfte in Deutschland unterwegs sein dürfen, während die mit den Plaketten – also ich – zuhause bleiben müssen (Nachteilsausgleich).

Zudem können sich Regeln jederzeit ändern, sodass man immer bereit sein muss, unpassende Gruppenmitglieder über Bord zu werfen. Unbedingt vor der Abfahrt zu klären: Wenn sich Personenmixvorschriften ändern, während wir am Bahnhof oder Flughafen warten, wer von uns nimmt dann die S-Bahn zurück nach Hause? Oder: Wo bekommen wir schnell noch eine weitere geimpfte Person her? Deshalb frühzeitig Kontakt mit Anbietern von Seniorenreisen aufnehmen, das ist ganz wichtig. Ältere Mitbürger könnten gegen ein Honorar ihre eigene Reisegruppe verlassen, um als staatlich geprüfte Geimpfte Familien in Not zur Seite zu stehen.

Um diese Hilfe annehmen zu können, muss man für mindestens eine zusätzliche Person gebucht haben, besser natürlich zwei. Etwas Komfort sollte man den Senioren bieten und … Halt, ich verrenne mich. Aber jetzt, jetzt hab ich’s. Es ist ganz einfach: Ich frag gleich mal den Abiturienten, was er von einer schicken Seniorenreise hält. Sicher ist sicher.



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Von Veritatis